Die Standortfrage ist längst beantwortet

Je nach Sendung und Medium wird ein Ereignis komplett anders beurteilt: Das Radiostudio Bern. Foto: Adrian Moser

Je nach Sendung und Medium wird ein Ereignis komplett anders beurteilt: Das Radiostudio Bern. Foto: Adrian Moser

Bald stimmt der SRG-Verwaltungsrat über eine wichtige Frage ab. Es geht darum, ob das Radiostudio in Bern bleiben oder nach Zürich verlegt werden soll, an den Hauptsitz in Leutschenbach. Die Verwaltungsräte werden ein dickes Argumentarium vor sich liegen haben, wenn sie am 18. September zusammenkommen. Und sie werden die Stimmen zahlreicher prominenter Politiker in den Ohren haben, die in den letzten Wochen die Sparpläne kritisiert haben: Die SRG stehe für Vielfalt, man wolle keinen Einheitsbrei, mit dem Standort Bern gehe ein grosses Stück Identität verloren.

Vielleicht schauen die Verwaltungsräte ein wenig zurück. Es ist noch kein Jahrzehnt her, da waren sich die Verantwortlichen einig, dass Radio und Fernsehen an unterschiedlichen Standorten betrieben werden müssen. Das schrieb die SRG im Juni 2010 in einem Communiqué, in dem sie über die Zusammenlegung von Radio, Fernsehen und Online (sogenannte Konvergenz) informierte.

Es war ein gewaltiger Umbruch. Nur bei der Information, im publizistischen Kernbereich, sollten Radio und Fernsehen weiterhin getrennte Wege gehen – aus «medienpolitischen» Gründen, wie es im Communiqué hiess. Die SRG wollte die «Binnenkonkurrenz» wahren, den Wettbewerb verschiedener Redaktionen innerhalb des Unternehmens. Das «Echo der Zeit» beispielsweise sollte nicht aus derselben Küche kommen wie ein «10 vor 10».

Mehr Austausch und Kooperation

Die räumliche und personelle Trennung hat zur Folge, dass ein Ereignis je nach Sendung und Medium komplett anders beurteilt wird. Genau die Vielfalt, welche die Meinungsbildung beflügelt, den Wettbewerb unter den Medienmachern belebt und dem Publikum eine bunte Palette an Beiträgen bietet.

Sicher – die SRG plant vorerst nicht die Zusammenlegung von Radio und Fernsehen, sondern nur die räumliche Konzentration. Doch aus Erfahrung weiss man, dass geografische Nähe auch eine organisatorische Integration nach sich zieht. Man tauscht sich aus, kooperiert und wächst aneinander. Das ist grundsätzlich wünschenswert. Nur ist es nicht im Sinne der Binnenkonkurrenz.

SRF-Mitarbeiter befürchten, dass mit dem Umzug des Radiostudios nach Zürich die heute unabhängigen Chefredaktionen von Radio und Fernsehen schon bald zu einer einzigen verschmolzen werden. Betriebswirtschaftlich wäre das vielleicht sinnvoll. Medienpolitisch nachhaltig wäre es sicher nicht.

Mauern und Menschen

Interessanterweise sind die Konvergenz-Architekten von damals teilweise dieselben, welche die heutigen Sparpläne vorantreiben. Ruedi Matter war beim Konvergenzprojekt federführend, er hatte das besagte Communiqué mitverfasst. Heute, kurz vor seiner Pensionierung, weibelt der SRF-Direktor für die Radio-Sparmassnahme.

Die SRG muss sparen, weil die Gebühreneinnahmen plafoniert werden. Und man wolle schliesslich lieber «bei den Mauern sparen als bei den Menschen», sagt etwa Radiochefin Lis Borner. Wo Immobilienkosten gespart werden können, müssen weniger Leute entlassen werden, so die Botschaft.

Doch Mauern und Menschen dürfen hier nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es geht um die Qualitäten, welche die SRG stark und einzigartig machen. Sie ist das Medienunternehmen, das sich Binnenkonkurrenz noch leisten kann. Sollte die SRG wegen der Gebührenplafonierung tatsächlich Stellen streichen müssen, ist das kein Grund, kluge medienpolitische Grundsätze über Bord zu werfen, die man vor wenigen Jahren noch hochgehalten hat.

12 Kommentare zu «Die Standortfrage ist längst beantwortet»

  • werner boss sagt:

    Allein auf den Willen kommt es an! Die Schweiz ist nur klein und die technischen Möglichkeiten vielfältig. Also sollte es absolut kein Problem sein alle Regionen der Schweiz zu berücksichtigen und trotzdem aus Zürich zu senden.
    Wenn man die verschiedenen Regiosender genau anhört, ist sehr vieles einfach Lückenfüller-Geschwätz ohne irgend welche Relevanz. Musik kommt auch fast überall die selbe. Also geht es höchstens noch um “ Arbeitsplätze“.

    • Martin Muheim sagt:

      Es geht gar nicht um einen „Regiosender“. Der befindet sich zwar auch in Bern am gleichen Standort, aber Bern ist ein vollwertiger Radiostandort, wo Sendungen für die ganze Schweiz produziert werden.
      Man kann sicher darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, diesen Standort aufzugeben oder nicht. Aber wenn man diskutiert, sollte man wissen, um was es geht.

  • Robert Holzer sagt:

    Die SRG und Vielfalt? Als Gelegenheitshörer erkenne ich vielmehr eine gewisse Linie in den unterschiedlichen Sendegfässen. Vielfalt geht anders.
    Was den letzten Absatz bezüglich Menschen, Mauern und Qualitäten betrifft sowie medienpolitischen Grundsätzen die über Bord geworfen werden, rate ich zu seiner selbstkritischen Analyse in ihrem eigenen Verlagsumfeld.

  • Miguel sagt:

    Ah ein tamedia blog… jetzt ist alles klar =D

    Aber gut… wenn politik den staat nicht interessiert (…was es gibt internet? Starten wir ne zensur…), übernehmen halt die medien.

  • Rudolf Bächtold sagt:

    Und die Tamedia? Sie macht schon längst, was die Stv. Ressortleiterin Politik der Tamedia bei der SRG anprangert: Bei der Tamedia gibt es bald nur noch eine Einheitsredaktion, welche die unzähligen Tamedia-Medien in der ganzen Schweiz versorgt. Also haargenau das vorgeschlagene SRG-Modell! Man hätte also an der Zürcher Werdstrasse besser titeln sollen: „Die Tamedia macht’s vor, die SRG zieht nach“.

    • Adrian sagt:

      Die Tamedia ist allerdings ein privates Unternehmen, zudem eines in einem wirtschaftlich schwierigem Feld. Die SRG hingegen ist zu einem guten Teil gebührenfinanziert und faktisch ein öffentlich rechtliches Unternehmen mit weitgehender vom Staat gegebener Monopolstellung. Da müssen andere Massstübe gelten.

  • Roberto sagt:

    Grundsätzlich einverstanden. Vielfalt ist immer besser, als Einfalt.

  • Schar Fesauge sagt:

    In keinem Wort wird erwähnt, dass gar nicht die ganze Redaktion (alle Redaktionen) nach Zürich zügeln soll. Regional-Journal z.B. bleibt regional. Wenn es um die SRG geht, kommt aus dem Hause TA-Media leider selten fundierte Information, zuwenig differenziert. Abgesehen davon, was macht den TA-Media eigentlich anders? Nichts. Und dann schreibt die Claudia Blumer einen Artikel, wobei sie inhaltlich richtig argumentiert. Nur, sie ist nicht glaubwürdig, weil sie für ein Unternehmen schreibt, das genau tut, was die SRG jetzt auch will. Tue ich Blumer damit unrecht? Ja, ich sezte ihren Beitrag mit TA-Media gleich – ich differenziere eben auch nicht. Wieso sollte ich?

  • Claude Fontana sagt:

    Bern Braucht ein separates Propagandazentrum, das darf nicht bis zu den Linken Städten senden. Die sind ja eh vom Transatlantischen Medienkonglomerat abhängig.

  • Georg sagt:

    Doppelspurigkeiten gibt es nicht nur bei den Immobilien und Räumlichkeiten, sondern auch innerhalb der Sendegefässe. Daher scheint es sinnvoller, vier verschiedene sprachliche Standorte effizient aufzubauen und die Themen wie die Inhalte von Sendungen gemeinsam zu straffen. Konkurrenz gibt es ja eh aus dem Ausland.

  • werner boss sagt:

    Eigentlich tritt jetzt nur das ein, was vor vielen Jahren vorausgesagt wurde als die Regionalsender aus dem Boden sprossen wie Unkraut. Schon damals war klar, dass die gleiche Nachricht in einer Sprache eigentlich nur von einem einzigen Sender übermittelt werden muss! Die Hoffnung mehr regionales zu erfahren zerschlug sich schnell, da an dessen Stelle Endloswerbung trat und was nicht mit Werbung ausgefüllt war füllte man mit der auf allen Sendern in etwa gleichen Musik. Eine Neubesinnung ist sicher angebracht!

  • Otto Fischer sagt:

    Dank unserem Kantönligeist sind wir und werden stets rückständig bleiben. Als Gegner der EU wäre es in vielen Dingen jedoch besser, wir wären in jenem club dabei, dann hätten Rückständige, die sich gegen den Standortwechsel nach Zürich keine Chancen mehr

Kommentar

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