Macht man so eine Bundesrätin?

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Bald die zweite Frau, die die FDP in ihrer Geschichte in den Bundesrat schickt? Karin Keller-Sutter mit Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an einer Medienkonferenz. (Foto: Miriam Elias/Keystone)

Tag eins nach der Ablehnung der Rentenreform an der Urne: Jahrelange politische Arbeit liegt in Scherben. Befürworter und Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Und die Zeit drängt: Die AHV muss dringend saniert werden. Gibt es überhaupt eine Lösung in dieser verworrenen Situation?

Das will die SRF-Sendung «10vor10» wissen – und schaltet nach Bern. Dort, vor dem nächtlich beleuchteten Bundeshaus, blickt kein Bundesrat, keine Parteichefin, kein Korrespondent in die Kamera. Sondern Karin Keller-Sutter. Die FDP-Ständerätin hat an vorderster Front gegen die Rentenreform gekämpft. Jetzt spricht sie von Konzessionen nach links, von einer gezielten sozialen Abfederung der neuen Reform, vom Einbezug der Sozialpartner. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, wirkt bestimmt, aber auch versöhnlich – und empfiehlt sich damit als Architektin der neuen Vorlage. Dass sie letztlich alten Wein in neuen Schläuchen verkauft, geht in der Souveränität ihres Auftritts unter.

Es ist ein typischer Keller-Sutter-Moment: An jenem Montagabend im letzten September mitten in der Rentenreform-Krise scheint schlicht kein Weg an der St. Gallerin vorbeizuführen. Und genauso wird es bei der Ausmarchung um den Sitz von FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann sein. In der Wandelhalle kommt kein Gespräch über Bundesratswahlen ohne ihren Namen aus – selten wurde einer Kandidatur vorab derart der Boden bereitet. Dass die ehemalige Regierungsrätin, sofern sie will, von ihrer Partei nominiert werden wird, gilt als sicher. Und ihre Chancen, gewählt zu werden, sind gut bis sehr gut. Einzig manche Linke kritisieren die FDP-Frau immer noch dafür, dass sie das tut, was auch Linke tun: auf Parteilinie politisieren.

Umsichtige Personalpolitik geht anders

Aber warum eigentlich – warum scheint aus heutiger Sicht bei der Schneider-Ammann-Nachfolge kein Weg an Keller-Sutter vorbeizuführen? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Persönlichkeit, Kompetenz und Momentum. Die 54-Jährige hat sich mit Fleiss, Dossierfestigkeit, Zielstrebigkeit und Meinungsstärke unverzichtbar für die FDP gemacht – als Wirtschafts- und Sozialpolitikerin genauso wie als valable Bundesratskandidatin. Doch es sind auch die Rahmenbedingungen, die Keller-Sutter zur Favoritin machen: Tritt Doris Leuthard (CVP) zurück, könnte mit Simonetta Sommaruga (SP) nur noch eine Magistratin im Bundesrat verbleiben. Gefragt ist daher vordringlich eine Frau, idealerweise eine aus der Ostschweiz mit Regierungserfahrung.  

Was bedeutet das für andere Frauenkandidaturen? Muss die CVP, die demnächst auch einen Bundesratssitz zu vergeben hat, die freisinnige Personalpolitik zur Richtschnur dafür nehmen, wie man eine Frau für das höchste politische Amt aufbaut? Keinesfalls, denn der Aufstieg Keller-Sutters zur Favoritin hat nichts mit ihrer Partei zu tun. Zwar hat mittlerweile sogar Schneider-Ammann selbst sie als seine Nachfolgerin lanciert. Aber es war auch Schneider-Ammann, der Keller-Sutter 2010 in einer Kampfwahl schlug und an ihrer Stelle in den Bundesrat einzog – als 69. Mann seiner Partei. Und wenn nun ihre Parteikollegen Keller-Sutters Persönlichkeit und Kompetenz hervorstreichen, um ihre Eignung für das Amt zu belegen, so sei darauf verwiesen, dass dies bereits 2010 zutraf. Neu ist hingegen das unumstössliche Momentum. Das ist in der FDP offenbar nötig, damit sie ernsthaft bereit ist, zum zweiten Mal in der Geschichte eine Frau in die Regierung zu schicken. Nein, umsichtige Personalpolitik geht anders. Damit bürgerliche Frauen Bundesrätinnen werden, braucht es auch heute noch den Zwang von aussen.