Klimapolitik muss die Marktwirtschaft steuern

Wer Klimawandel als Wetterschwankung versteht, verleugnet die Realität: Hochwasser in Weesen SG (1999). Foto: Walter Bieri (Keystone)

Nebst der Beschwörung von Mutter Erde, dem rituellen Bäumepflanzen und dem Erhalten von raren Tierarten geht es beim diesjährigen Earth Day am 22. April um die grüne Informationstechnologie. Ob man den Tag der Erde mag oder ihn schulterzuckend über sich ergehen lässt, eines ist sicher: Der Anlass hat in 50 Jahren weder in der US-Bevölkerung noch im Kongress eine Mehrheit für eine energische Bekämpfung der Klimaerwärmung geschaffen. Im Gegenteil: Abgestützt durch die Rhetorik des neuen Präsidenten, dem Stimmen von 75’000 Arbeitern der Kohleindustrie wichtiger sind als die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs, werden entsprechende Ausflüchte auch im Rest der Welt wieder salonfähig. Die Fahrlässigste davon: «Das Klima hat sich schon immer verändert, man muss sich eben anpassen.»

Natürlich, das Klima auf der Erde hat sich aus Gründen der Himmelsmechanik, Schwankungen der Sonnenaktivität und anderer Einflüsse tatsächlich schon immer verändert. Der moderne Mensch hat Kaltzeiten und Wärmeperioden überstanden. Vor 125’000 Jahren lag der Meeresspiegel 4 Meter höher als heute. Nur gingen die vorgeschichtlichen Veränderungen sehr viel langsamer vor sich. Und über die Opfer der Anpassung wissen wir wenig. Landesgrenzen gab es keine, die nomadisierenden Jäger und Sammler waren unabhängig von bebauten Feldern, Arbeitsplätzen, Wasserleitungen und Steckdosen.

Bis vor 10’000 Jahren lebten nur einige Millionen Menschen auf der Erde. Im 18. Jahrhundert, der Zeit des Ökonomen Adam Smith, weniger als eine Milliarde. Aus der Vergangenheit kann man auch das Falsche lernen. Heute besteht die Menschheit aus über 7 Milliarden Sesshaften. Wir haben uns in Landesgrenzen und in Nationen mit Grundbuchämtern eingezäunt. Die Hälfte wohnt in Städten am Meer, die andere lebt abseits der Küsten von regenabhängiger Landwirtschaft, die fast alles fruchtbare Land bebaut. Wandel mag im individuellen Leben etwas Spannendes sein. Betrifft er das Klima, ist rascher Wandel an sich hochgradig riskant.

100 Hafenstädte brauchen Dämme

Zwar ist es möglich, dass die Prognosen der Wissenschaftler nicht genau so eintreffen werden. Selbst eine temporäre Abkühlung des Klimas während der kommenden Jahrzehnte wäre denkbar. Darauf zu spekulieren – also anzunehmen, eine Milliarde Tonnen fossilen Kohlendioxids pro Jahr würde die globalen Luft- und Wasserströme nicht verändern – ist aber eine Verleugnung der Realität.

Wahrscheinlicher ist, dass noch zur Lebenszeit unserer Kinder mehr als 100 Hafenstädte, etwa Shanghai, Bangkok, Dhaka, mit Deichen geschützt oder teilweise ins Inland verschoben werden müssen. Dutzende von Millionen Reisbauern im flachen Küstenstreifen am Golf von Bengalen können nur mit einem Grossaufwand an Dämmen vor der Vertreibung ins Inland verschont werden.

Eine geografische Verschiebung der Monsunregen hätte in ganz Südasien katastrophale Auswirkungen. Die gegenwärtige Dürre im Süd-Sudan und in Somalia zeigt, wie fragil die Sahelzone mit ihrer rasch wachsenden Bevölkerung auf Wetterveränderung ist. Damit verglichen sind Schweizer Klimawandel-Probleme unbedeutend. Im Vergleich dazu würden zwei Jahre ohne Regen im Kanton Tessin «nur» die Tourismus-Industrie zerstören.

Energiewende erfordert unpopuläre Massnahmen

Schreckensszenarien reissen heute niemanden mehr aus dem Sessel. Emotional gefeierte «Tage der Erde» zur Änderung des Konsumverhaltens offensichtlich auch nicht. Die bisher 20 von der Wissenschaft gesteuerten Klimakonferenzen scheiterten am mangelnden politischen Gesamtwillen. Und nun – nach dem wahrscheinlichen Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen – auch die 21. Das Verbrennen von fossiliertem Kohlenstoff wird also weitergehen. Bis es nichts mehr davon gibt?

Weshalb haben UNO-Klimakonferenzen so wenig erreicht? Eine wirksame Energiewende erfordert unpopuläre Massnahmen: für die Konsumenten eine massive Besteuerung von Treibstoffen, Heizöl und Elektrizität aus fossilen Quellen. Und für die Ölindustrie nichts weniger als die Aufgabe ihres Geschäftsmodells. Damit verliert man Wahlen. Der Klimawandel entblösst die Grenzen der liberalen Demokratie. Nach dem absehbaren Scheitern des zu früh gefeierten Abkommens von Paris müssten sich selbst Wirtschaftsliberale fragen, ob die unsichtbare Hand des Adam Smith in der Lage sein wird, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Höchstwahrscheinlich nicht.

Auch von der Aufklärung kann man das Falsche lernen. Dass der Mensch das Wetter verändern könnte, war im 18. Jahrhundert unvorstellbar. Bei der Handhabung des Klimawandels braucht die Marktwirtschaft ein Element der Steuerung. Vielleicht müssten Entscheidungen zur Begrenzung des Klimawandels der Demokratie entzogen werden, so wie die unverlierbaren Menschenrechte seit 1948 durch die UNO der Demokratie entzogen sind. Die am wenigsten ungerechte Lösung wäre, die Ablagerung von fossilem CO2 in einem ersten Schritt auf 5 Tonnen pro Kopf zu rationieren und die Erschliessung neuer Erdölvorräte zu verbieten. Dafür wäre eine globale Klimabehörde notwendig, die gegenwärtig niemand will.

Wie lange noch?