Die Kritik am Zivildienst setzt am falschen Ort an

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Zivildienst soll keine Strafe sein: Zwei junge Wehrpflichtige arbeiten an einer Trockenmauer bei Brugg. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Zivildienst soll keine Strafe sein: Zwei junge Wehrpflichtige arbeiten an einer Trockenmauer bei Brugg. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Rechtzeitig zum 20-jährigen Jubiläum der Einführung des Zivildienstes ist eine Debatte um den zivilen Ersatzdienst entbrannt. Bürgerliche Sicherheitspolitiker kritisieren, der Zivildienst sei zu attraktiv und der Armee laufen die Leute davon. Sie fordern vom Bundesrat Gegenmassnahmen und denken laut darüber nach, den 1,5-mal längeren Zivildienst auf das 1,8-Fache des Militärdienstes zu verlängern.

Diese Forderungen kommen zur Unzeit. Denn Anfang Juli ist das neue Zivildienstgesetz in Kraft getreten. Es wäre Aufgabe der Parlamentarier, ihre Bedenken während der Beratungen vorzubringen. Und nicht unmittelbar nach Ablauf der Referendumsfrist das Gesetz grundsätzlich infrage zu stellen. Jedenfalls hat der Bundesrat wiederholt erklärt, dass der Zivildienst die Armeebestände nicht gefährde. Von den jeweils rund 40’000 Stellungspflichtigen der letzten Jahre waren in der Regel etwa 24’000 militärdiensttauglich. Zum Zivildienst wurden derweil 5400 bis 5800 Männer pro Jahr zugelassen. Daraus ergibt sich unter dem Strich, dass die Armee ziemlich genau auf die jährlich 18’000 neuen Armeeangehörigen kommt, die sie benötigt. Aber viel Reserve liegt tatsächlich nicht drin. Sollten sich in den kommenden Jahren deutlich mehr junge Männer für den Zivildienst entscheiden, könnte der Armeebestand darunter leiden.

Deshalb jedoch den Zivildienst zu verlängern, wäre das falsche Mittel. Dann nämlich hätte der Dienst definitiv den Charakter einer Strafe. Karrierebewusste Männer würden eine so lange Abwesenheit vom Arbeitsplatz nicht in Kauf nehmen. Es käme zu einer negativen Selektion, was angesichts der anspruchsvollen Einsätze von Zivis im Pflege-, Betreuungs- und Schulbereich nicht erwünscht sein kann. Zudem würden noch mehr junge Männer den «blauen Weg» wählen und sich untauglich schreiben lassen. Die Armee müsste dies tolerieren, denn angesichts der von der Politik definierten Bestandesgrösse kann sie jedes Jahr nur eine beschränkte Anzahl Rekruten aufnehmen – allgemeine Wehrpflicht hin oder her.

Ist also die Rede davon, dass der Armee die Leute fehlen, muss man nicht beim Zivildienst ansetzen. Sondern bei der Militärdiensttauglichkeit. Denn die Wehrgerechtigkeit ist längst ad absurdum geführt. 2015 waren in Obwalden 75,9 Prozent der Stellungspflichtigen militärdiensttauglich. Im Jura waren es 47,3 Prozent. Die Zahlen bewegen sich seit Jahren in dieser Grössenordnung. Da es gleichzeitig keine Belege dafür gibt, dass die männliche Jugend im Jura bei signifikant schlechterer Gesundheit ist als jene in Obwalden, besteht bei der Rekrutierung offensichtlich viel Spielraum.

Wenn sich also die Armee um ihre Bestände sorgt, sollte sie primär dafür sorgen, dass mehr junge Freiburger, Genfer, Jurassier, Neuenburger, Walliser und Zürcher (in diesen Kantonen sind weniger als 60 Prozent diensttauglich) Militärdienst leisten. Sollte dies aus medizinischen Gründen tatsächlich nicht gehen, wären die Gesundheitsexperten des Bundes gefordert. Sie könnten sich dann gezielt dem Wohlergehen der jungen Westschweizer und Zürcher widmen, anstatt die Allgemeinheit mit immer neuen Kampagnen zu beglücken – und wie diesen Sommer vor den Gefahren des Grillierens von Bratwürsten zu warnen.

 

10 Comments sur «Die Kritik am Zivildienst setzt am falschen Ort an»

  • Jonas Henn says:

    Nach 200 Tagen im Militär und 100 im Zivildienst, bin ich der Meinung man sollte lieber den Militärdienst attraktiver gestalten. Die Unteroffiziere sind mangelhaft ausgebildet und weissen oft wenig oder keine Führungsqualitäten auf.
    Viele glauben sie müssten die Rekruten schinden, um ihren Respekt zu bekommen.
    Zudem wechseln viele in den Zivildienst wen sie zum weitermachen gezwungen werden, auch hier sollte sich etwas ändern. Mit einem längeren Zivildienst wird nur die Ungerechtigkeit gefördert. Schon 390 Tage sind sehr viel. Darum Militär sinnvoller und attraktiver machen und nicht umgekehrt.

  • Beobachter says:

    Ich war im Militär und mal kurz 1 Tag im Zivildienst. Militär hat mir gut getan, ZVD war rein gar nichts. Unsere Jugend ist zu weich. Lieber Pokemon spielen als dem Land einen Dienst tun. Leute wie Cedric Wehrmut würde Dienst gut tun, denn er wird vom STaat fürstlich bezahlt, tut aber nichts für unser Land. Solche Jungen sind wirklich zu nichts zu gebrauchen. Sie nehmen nur aber geben ist nicht ihre Stärke. Das ist die neue Ignoranz der Jungen und die nimmt deutlich zu. Ich bezogene Menschen die nur tun, was ihnen persönlich gefällt. Jeder Junge kann Militär machen, wenn nicht draussen, dann eben am Computer im Büro. Aber die Armeeführung mit dem abtretenden CdA Blattmann ist momentan leider nicht fähig, klare Anweisungen zu geben. Man denke an den letzten Brief von Blattmann. Unfähig.

    • roman says:

      Wegen dieser Mentalität von gewissen Männern gibtbes überhaupt Krieg! Nur wenn das übel an der Wurzel gepackt wird kann dier Wahnsinn dezimiert werden. Flüchlinge wollen sie nicht aber Waffen verkaufen schon. Die dummen sind die welche da keine Zusammenhänge sehen…

    • Jan says:

      Es ist doch gar nicht möglich nur 1 Tag Zivildienst zu leisten. Die minimale Dauer eines Einsatzes ist 26 Tage. Und Sie können mit 1 Tag ZVD doch gar nicht darüber beurteilen.

  • Marco Knecht says:

    Finger weg vom Zivildienst! Richtig wäre: Abschaffen der Armee und der allg. Wehrpflicht, Einführen eines allg. (Sozial-)Dienstobligatoriums für Männer und Frauen. Die Armee lässt sich aber nur abschaffen, wenn eine sicherheitspolitische Alternative dazu ausgearbeitet würde: Eine Bundespolizei, welche die heutigen Aufgaben der fedpol übernimmt, die zuständig ist für Terrorschutz und -bekämpfung, Luftpolizei, Grenzschutz, Bahn- und Autobahnpolizei.
    Das ist mit Sicherheit besser & effizienter als eine Armee mit Larifari, Kampfpanzern, Füsilieren und einer sauteuren, aufgeblasenen Logistik und Administration.

  • Martin Frey says:

    Jegliche derartige Probleme wären sehr einfach zu lösen mit einer allgemeinen Dienstpflicht für Frauen und Männer mit entsprechender Wahlfreiheit, welche anstelle der allgemeinen Wehrpflicht treten würde. Dies käme quasi einer win-win-win Situation gleich. Die Armee hätte auf eine Schlag keine Rekrutierungssorgen mehr und könnte mit dem Leuten arbeiten, die auch motiviert sind. Der Zivildienst hätte für seine dringend nötige Arbeit ebenfalls endlich genügend Leute, insbesondere da in Zukunft der Bedarf an “Zivis” eher noch steigen dürfte. Und die mit Abstand grösste Ungerechtigkeit bei der Gleichberechtigung der Geschlechter wäre ebenfalls beseitigt.

  • Hans S says:

    Als ehemaliger Militärdienstleistender (rund 180 Tage) und bald ehemaliger Zivildienstleistender (~ 120 Tage) habe ich schon mehr Diensttage geleistet als 90 % der Schweizer Bevölkerung (berücksichtigt man Frauen, Untaugliche, Ausländer, Schützler und die all die ADA’s die nie alle Diensttage geleistet haben). Und ich habs trotzdem gerne gemacht, auch wenn der ZIVI meines Erachtens einiges mehr Initiative, Verantwortung und Einsatz verlangt als dumbes in der Masse untergehen in unserer Armee. Das man sich, trotz mehr Dienst am Staat als die allermeisten Menschen in diesem Land, ständig als Nestbeschmutzer, Drückeberger oder Antipatriot bezeichnen lassen muss, ist jedoch eine völlige Sauerei und Respektlosigkeit.

  • Gabi Reiss says:

    Ich finde der Zivildienst sollte genau so lange dauern wie die RS. Die jetzige Dauer finde ich falsch.

    • Jan says:

      Ende diese Jahres werde ich meine letzten 39 Tage ZVD leisten (insgesamt sind es dann ca. 390 Tage) Ich habe diese Zeit sehr genossen und habe Einblick in verschiedene Einrichtungen erhalten (Altersheim, Kinderheim, etc).
      Darum finde ich die Dauer des ZVD sehr gut und sinnvoll. Mein Arbeitgeber findet es aber natürlich zu lang.

  • Ott says:

    Ich sehe das Problem vor allem bei denen, die nach der RS in den Zivi wechseln. Werden von der Armee teuer ausgebildet und stehen ihr danach nicht zur Verfügung. Gegenüber WKs ist der Zivi eindeutig zu attraktiv, vor allem wenn man seine DT nach Studienabschluss leistet (hohe EO-Ansätze).
    Vorschlag: Wer sich von Anfang an für Zivi entscheidet und ihn an einem Stück leistet, sollte nur ein Jahr (statt jetzt 390 DT) Dienst leisten müssen.
    Wer einmal Ja zur Armee gesagt hat und dann später in den Zivi wechseln will, sollte schon mit einigen Diensttagen mehr “bestraft” werden.
    Und nein, Zivis sind keine Drückeberger, Antipatrioten oder ähnlich. Wenn schon trifft das auf die “blaue Weg”-Fraktion zu.

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