Erst neun und schon am Extremlimit

Tito_Traversa

Tito Traversa klettert 7c+ onsight, hier in der Route «Octopus» in der Gorges du Tarn, Frankreich.

Klettern entwickelt sich zusehends zum Breitensport. Nicht nur unter Erwachsenen, sondern auch unter Jugendlichen und Kindern. Immer mehr kleine Mädchen und Buben begeistern sich für die Herausforderung in der Vertikalen und nehmen auch an Wettkämpfen teil. Der Übergang vom Freizeit- zum Leistungsklettern verläuft oft fliessend. Und das Durchschnittsalter der Knirpse, die bereits im harten Spitzenniveau klettern, wird von Jahr zu Jahr tiefer.

Ganz aktuell setzt ein 9-Jähriger neue Massstäbe. Tito Claudio Traversa aus dem Aostatal klettert Routen, die selbst für gestandene Profis ein harter Brocken sind – und noch nie von einem Kind in seinem Alter gemeistert wurden. Vor einem Monat gelang ihm in Italien seine erste 8b-Route, kurz darauf in Frankreich eine 8b/8b+. Zum Vergleich: Der 18-jährige Tscheche Andam Ondra, derzeit stärkster Sportkletterer der Welt, schaffte seine erste 8b-Route mit 11 Jahren.

Wie ein Berufskletterer

Tito Traversa (momentan 135 Zentimeter gross) begann im Alter von 6 Jahren zu klettern. Während der Schulferien reist er wie ein Berufssportler durch den Alpenraum. Längst hat er eine eigene Webseite, auf der seine Erfolge übersichtlich dokumentiert sind. Weltweit verehren ihn Kinder – und Erwachsene – als Kletteridol.

Im ersten Video stellt sich Tito gleich selber vor. Er zeigt, wie er trainiert und erklärt die Schlüsselstellen, die er an diesem Tag allerdings nicht sturzfrei überwindet. Gedreht wurde es vor einigen Monaten, seither hat sich der Bub weiter verbessert. Trotzdem: Ein Video, das man gesehen haben muss!

Wonderwall (English subtitles) from Mountain View on Vimeo.

Im Video unten: Tito Traversa in seiner bisher schwierigsten Route «Je est un autre» (8b/8b+), Castillon, Frankreich.

Je est un autre from Mountain View on Vimeo.

Faszinierend oder bedenklich?

Dass sich Leistungsklettern auch bei Kindern in den Extrembereich ausbreitet, finden viele faszinierend und inspirierend. Andere finden es bedenklich. Es sei schädlich für die Knochen, wenn Kinder im Alter von Tito Traversa so harte Routen angreifen. Insbesondere für seine Finger, welche sich ja noch im Wachstum befinden. Die Kraft, die er dafür brauche, könne an den Gelenken eine Früharthrose verursachen. Unbegründet sind diese Sorgen sicher nicht. Erste Studien an jugendlichen Kaderkletterern haben gezeigt, dass ernsthafte körperliche Schäden entstehen können.

Ashima Shiraishi

Die New Yorkerin Ashima Shiraishi (9): Hier beim Bouldern am «Rat Rock» im Central Park.

Bei den Mädchen ist es derzeit vor allem Ashima Shiraishi, die mit ihren Leistungen auffällt. Die schüchterne New Yorkerin ist – wie Tito Traversa – erst 9-jährig. Ihre Welt ist Bouldern – das ungesicherte Klettern an einem Felsblock in Absprunghöhe. Sie überwindet extreme Kraft-Schwierigkeiten (V11/12 = 8b+).

Bei ihren Leistungen wird jedoch immer wieder genörgelt, etwa nach der Route «Power of Silence» (V10/8b). Man habe sie zum ersten Griff hochgehoben, weil sie noch zu klein ist, um ihn selber zu erreichen. Darum gelte das nicht als ganze Durchsteigung. Das Video dazu hier. Damals war sie erst 8!

Ashima Shiraishi

Ihre Kraft ist enorm: Ashima Shiraishi wird professionell trainiert.

Kürzlich boulderte Ashima die Route «Shaken Not Stirred» (V12/8c) in der Martini-Höhle im North Mountain (USA) – ein Schwierigkeitsgrad, der noch kein Mädchen in ihrem Alter meistern konnte. Jemand schrieb danach in einem Boulder-Forum:

« … Als Ashima die Schlüsselstelle kletterte, berührten ihre Füsse bei einem Schwung einen kleinen Baum, der aus dem Fels herauswächst. Darum zählt ihre Durchsteigung nicht. Die Kleine weinte, als man ihr sagte, dass das Schwierigste, das sie je boulderte, ungültig ist. Trotzdem gehört es zum Beeindruckendsten, das wir seit langer Zeit gesehen haben … »

Kinder und Leistungssport im Extrembereich: Passt das zusammen?

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13 Kommentare zu «Erst neun und schon am Extremlimit»

  • patrick sagt:

    Seit wann ist V12 eine FB 8C? Right Martini ist wirklich eine V12, aber in der Vergleichsskala kommt das auf um die 8a+. Das ist immer noch erstaunlich, aber doch nicht gerade eine 8c!

  • Richard Hennig sagt:

    In der heutigen Welt, muss alles sicher sein, Eltern wollen für ihre Kinder eine 100% Sicherheit, damit ihnen ja nichts passiert. Sorry aber soviel ich weiss, gibt es keine 100% Sicherheit sobald man geboren wird. Klettern ist viel Spass, auch ich nehme meine Neffen mit zum Klettern, ob auf Felsen oder Bäume, wenn notwendig sicher ich sie ab Die Sache ist aber die Kinder mögen Risiken, sie wollen über ihre Grenzen hinaus, was diese zwei Kinder machen ist einfach nur viel extremer als was die meisten Kinder machen. Aber was solls, sollen wir Erwachsene den Kindern alles verbieten, nur aus dem Grund, es könnte ihnen was passieren. Tja dann sollte man ihnen gleich verbieten über ein Strasse zu laufen, denn das ist meistens viel gefährlicher als das Klettern. Lasst den Kindern ihren Spass, sie werden leider genug schnell erwachsen.

  • Joachim Adamek sagt:

    Es gab eine Zeit, ich glaube Mitte / Ende Dezember letzten Jahres war das, da habe ich befürchtet, dass dem Alpin-Blog irgendwann einmal die spannenden Themen ausgehen könnten… Ich muss gestehen, dass das Gegenteil eingetreten ist. Der Blog von Fr. Knecht ist heute noch spannend wie am ersten Tag, und nicht zuletzt, weil er immer wieder unerschrocken heiße Eisen angepackt.
    Was das Thema Kinder und Leistungssport betrifft, so dürfte zwischen Medizinern, Pädagogen und Sportverbänden ein Konsens bestehen: Bestimmte Trainingsarten und Belastungen stellen für Kinder und Heranwachsende auf die Dauer eine Gefährdung und ein Gesundheitsrisiko dar. Es ist weder Willkür noch Schikane, wenn für die Teilnahme an bestimmten Sportwettbewerben ein Mindestalter von 18 Jahren gefordert wird.
    Eine andere Frage ist, ob Eltern ihrern Kindern das Klettern in der Halle oder im Fels erlauben sollten. Das würde ich uneingeschränkt bejahen. Denn Kinder und Jugendliche haben nicht nur Spass am Abenteuer und an der Ausbildung sportlicher Fähigkeiten und Techiken, sie lernen beim Klettern auch, daß die Welt zuweilen ein gefährlicher Ort ist, an der man sich mit Umsicht bewegen muß.
    Aber mit dem Klettern ist es wie mit allem anderen: Alleine der Wille genügt nicht, das Klettern muss gelernt sein. Wenn Mama und Papa gute Kletterer sind, können sie ihren Sprösslingen gute Mentoren sein.
    Nur eines sollten Eltern nicht: Ihre Kinder zum Klettern zwingen, wenn sie es nicht wollen. Es ist immer fatal, wenn die Eltern größeren Ehrgeiz haben als die Kinder an Fähigkeiten mitbringen.

  • Martin Gallmann sagt:

    Bin 44 Jahre alt und habe intensiv geklettert.
    Ich finde zu frühes Klettern in hohen Schwierigkeitsgraden bei Kindern gar nicht ideal. Obwohl ich erst als Jugendlicher begann habe ich vom vielen Bouldern heute teilweise Schmerzen an den Fingern, die sicher auf Überlastung zurückgehen. Wie sieht das dann erst bei Kindern aus, die noch gar nicht ausgewachsen sind? Bänder, Sehnen und Gelenke müssen da Energien aufnehmen, weil die entsprechende Muskulatur noch fehlt. Darum mein Rat an die Eltern: Möglichst polysportiv, kein übermässiger Kraftsport bis ins Erwachsenenleben.

  • John Kipkoech sagt:

    Klettersport für Kinder ist so lange OK, als keines der Kinder schwer verunfallt oder gar stirbt. Jede Wette, wenn
    dem Kindwas passiert, wissen die Eltern sofort ob die vormalige Entscheidung diesen Sport zu fördern, richtig war.

  • Arnold sagt:

    Die Menschen lebten früher auch schon 100 Jahre lang – warum sind sie nicht gestorben, obwohl alles ja so EXTREM schädlich für den Körper ist? Die Technik um solche Verletzungen und Abnutzungen am menschlichen Körper festzustellen, hat sich verbessert. Der Mensch ist aber gleich geblieben. Nur weil man heute weiss, dass etwas abnutzt, bedeutet das nicht, dass es früher nicht so war.

    Manchmal nervt die moderne Technik nur noch, weil sie alles als Schlimm darstellt…

  • Daniel sagt:

    Meistens sind es ja die Eltern die die grösste Freude daran haben, das ihre Sprösslinge so was machen. Die Kinder werden ja selten gefragt. Langsam aber sicher haben wir ein Sytem a la China. Voll auf Drill.

  • Felix sagt:

    (Ich bin 36 und klettere seit 13 Jahren).

    Der obige Kommentar erscheint mir etwas einseitig und wenig fundiert. Der Artikel beschreibt kleine Kinder, welche Spitzensport betreiben, das ist sehr wohl kritisch. Solange sich ein Kind im Wachstum befindet, sollten kraftorientierte Sportarten vorsichtig angegangen werden.

    Unser Körper ist zum Benutzen da, ja. Aber nur für etwa 35 Jahre. Das war über die längste Zeit der menschlichen Evolution die ungefähre „Nutzdauer“. Noch heute haben Menschen, die hart körperlich arbeiten (Bsp. Bau) eine signifikant kürzere Lebensdauer und leiden unter körperlichen Abnutzungserscheinungen. Erst das weitgehende Ausbleiben körperlicher Entbehrungen und harter physischer Arbeit – in Kombination mit moderner Medizin – ermöglichte den rasanten Anstieg der Lebenserwartung von rund 65 Jahren nach dem 2. Weltkrieg um rund einen Drittel auf heute über 80 Jahre (oder noch mehr).

    Beim extremen Klettern ist zu berücksichtigen, dass es zu hohen Belastungen bei Gelenken und Muskelgruppen kommt, welche nicht dafür vorgesehen sind. Es ist nicht natürlich, an den Fingern herumzuhängen. Und unsere Schulter ist für starke Über-Kopf-Belastungen (im Gegensatz zum Affen) anatomisch nicht mehr geeignet. Dagegen sind z.b. unsere Beine sehr wohl für hohe Dauerbelastungen konstruiert.

    Richtig erscheint mir eher, dass eine moderate körperliche Aktivität die Lebensdauer wohl verlängert und auch „Standschäden“ vorbeugt. Weil Sportklettern viele Muskelgruppen trainiert, die Körperspannung fördert und die Beweglichkeit erhält/erhöht ist es sicher per se nicht ungesund.

    Die im Artikel beschriebenen Extrembeispiele erscheinen mir dagegen bedenklich, zumal die Kinder selber sich nicht über die Konsequenzen ihres Trainings bewusst sein können.

    • Kurt sagt:

      Mit ‚Der obige Kommentar…‘ meinst du wahrscheinlich den Kommentar von Steve Schneider. Ist dem so? Klick das nächste Mal auf ‚Antwort‘ unter einem Kommentar. Sonst bin ich ganz deiner Meinung.

      • Felix sagt:

        ja, korrekt, ich meine den ersten Kommentar mit „gesund und 100 jahre alt“, unsere Antworten wurden irgenwie vermischt.

  • Kurt sagt:

    Ich finde Klettern den besten Sport für Kinder. Die Verletzungsgefahr ist klein (Ich hatte immer Angst wenn meine Tochter reiten ging) die Ausrüstung ist erschwinglich und für Kinder angepasst und sie lernen sehr schnell, was ihnen Selbstvertrauen gibt. Man sieht schon Babies an Sachen hochklettern, bevor sie gehen können.
    Was allerdings im Bericht gezeigt wird finde ich extrem. Das ist Spitzensport und Spitzensport kann (muss nicht) viele Auswüchse haben.
    Es gibt von diversen Vereinen Kinderbergsteigen in der Halle und draussen. Dort wird spielerisch in das Klettern eingeführt. Schreibt doch einmal darüber einen Bericht. Ist nicht so spektakulär aber auch lustig.

  • Sport und Wettkämpfe sind die beste Lebens-Schule. Solange die Kinder es aus Spass machen, ist es sehr gut. Denn unser Körper ist dazu gemacht, ihn zu benutzen und belasten. Die heutige „Zivisilatose“ ist nicht auf Über- sondern Unterlastung zurück zu führen. All die Beschwerden wie Arthrose und Diskushernien sind zu einem grossen Teil „Standschäden“, oft gekoppelt mit jahrelanger Fehlernährung. In jungen Jahren Sport zu treiben baut den Körper auf. Und Klettern sehe ich als besonders geeignet an: Keine oder nur wenig Schläge (im Vergleich zu Kunstturnen), Gleichgewicht, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit… Perfekt! Gekoppelt mit einer gesunden Ernährung und die Kinder werden gesund 100 Jahre alt.

    • dani sagt:

      kraftorientierte sportarten sind für kinder nicht unbedenklich, sie sollten bis dahin mehr koordinative sportarten ausüben. ab der pubertät spricht nichts mehr dagegen.

      der steve scheint nicht so viel von standschäden zu verstehen. der bewegungsapparat der alten männer und frauen, welche als kinder in unserem land auf bauernhöfen geschuftet haben ist oft komplett ruiniert da er schon früh überlastet wurde.

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