Die Jagd nach der Krone

Wer gewinnt? Das Strava-System macht aus Einzelsportarten wie Laufen und Radfahren ein Spiel. Foto: Roman Pohorecki (Pexels)

Der Putsch ist lautlos, unerwartet. Heimlich, einem Hinterhalt gleich, ohne Vorwarnung, ohne jedwelche Anzeichen. Ich hatte es mir so richtig bequem gemacht auf meinen Lorbeeren, wähnte mich unbesiegbar, als mich die unheilvolle Nachricht ereilte: Man hat mir meine Krone gestohlen!

Fort ist der hart erarbeitete Titel «Queen of the Mountain», QOM im Fachjargon. Umsonst die Schweisstropfen, die brennenden Beine, die nach Sauerstoff lechzenden Lungen. Eine andere Radfahrerin hat auf meinem Thron Platz genommen. Sie hat die Steigung unweit von meinem Zuhause im Zürcher Oberland schneller zurückgelegt als ich.

Der Strassenabschnitt ist auf der Sportplattform Strava als Segment definiert und hat daher seine eigene Bestenliste. King und Queen of the Mountain heissen jeweils die Spitzenreiter auf diesen Strassenabschnitten. Sie halten den Streckenrekord und werden als Belohnung mit einer virtuellen Krone ausgezeichnet.

Jedes Segment hat seinen König

Diese Segmente finden sich nicht nur im Zürcher Oberland, sondern auf der ganzen Welt verteilt – wo auch immer Strava-Nutzer sie eben erschaffen. Etwa auf US-Militärstützpunkten, wie im vergangenen Herbst bekannt worden ist, oder auf Honolulu. Jedes einzelne Segment hat seinen König, wobei nach Sportart unterschieden wird. Pokale gibt es für die Plätze zwei bis zehn.

Kronen, Pokale, Medaille: Das gibt es bei Strava zu gewinnen.

Ehrensache, dass ich in meinem Trainingsrevier einige Kronen trage. Ich verteidige sie gegen analoge und digitale Bekannte, die ebenfalls Strava nutzen, aber auch gegen mir völlig unbekannte Sportlerinnen. Und das macht so richtig Spass!

Ein Spiel für das innere Kind

Denn das Strava-System macht aus meinen Einzelsportarten Laufen und Radfahren ein Spiel, es weckt das Kind in mir – und motiviert. Die Segmentkarte ist quasi mein Sport-Monopoly, die Segmente die begehrten und kostbaren Felder. Die Währung heisst Muskelkraft und Durchhaltewillen, statt Würfel- braucht es Wetterglück und die Tagesform beeinflusst die Strategie.

Anders als beim Brettspiel, sitzen die Kontrahenten aber nicht am selben Tisch. Es ist unmöglich, ihre Mimik zu lesen, ihre Strategien zu erahnen oder mit ihnen zu verhandeln. Sie schlagen unerwartet zu – so wie diese Radfahrerin, die mich vom Thron stiess.

Lieber Eindringling, sei gewarnt!

Dabei komme ich vom Galgen aufs Rad, denn das Strava-System ist gnadenlos – es überbringt mir nicht nur per digitaler Post die Hiobsbotschaft. Es führt mir auch gleich vor Augen, wie viele Sekunden oder Minuten mir die Widersacherin abnahm. Oder umgekehrt, was ich herausholen muss, um mir die Krone zurückzuholen.

Denn mein Revier einer Fremden zu überlassen, kommt nicht in die Tüte. Darum, lieber Eindringling, sei gewarnt! Denn jetzt heisst es: Aufstehen, Krönchen erobern – und weiterfahren.

14 Kommentare zu «Die Jagd nach der Krone»

  • Sebastian Michel sagt:

    Liest sich wie ein Werbeartikel. Da gibt es mind. noch ein andere Anbieter, der ähnliches anbietet – und das schon lange.
    Generell finde ich das Jagen nach Trophäen was schönes. Und wie ernst man damit umgehen soll, wird wohl jeder selber wissen.

  • lola sagt:

    es ist ausdruck unserer leistungsgesellschaft. neben der topleistung im geschäft braucht man auch noch die in der kontemplation. messbarkeit und transparenz überall. wir sind hamster im laufrad. gut? schlecht? ich weiss es nicht.

  • Franz sagt:

    Die KOM‘s sind für mich irrelevant da zu weit entfernt von meiner Leistung aber die Vergleiche unter „Abonniert“ sind lustig da man sieht wie schnell die Kollegen an dieser Stelle waren

  • Samuel sagt:

    Strava ist Fluch uns Segen zugleich. Es kann tatsächlich enorm motivieren und falls der KOM/QOM nicht erreichbar ist, fährt man das ‚Rennen‘ halt gegen sich selbst und seine letzte Bestzeit. Aber genau hier liegt auch das Problem. Es wird zum Rennen. Immer. Das wird dann gefährlich, wenn es auch abwärts geht. Ich habe selber einige Top 10 Resultate auf gewissen Trails in meiner Umgebung, habe aber aufgehört dem KOM nachzujagen, da es schlicht unverantwortlich ist, in unserem Wald herum zu brettern wie auf einer abgesperrten Rennstrecke. Mittlerweile fahre ich fast nur noch ohne GPS. Ich fahre nun wieder viel bewusster, verspielter und der Freude wegen. Im angelsächsichen Raum gibt es übrigens schon länger den Ausdruck ‚Stravasshole‘. Googlen Sie’s.

    • M. Battaglia sagt:

      Bis vor einigen Jahren hat Strava keine Rad-Downhillsegmente zugelassen. Das war eigentlich vernünftig. Man kann gefährliche Segmente auch melden, aber schlussendlich muss das wohl jede/r selber wissen – solange man nur sich selber gefährdet. Ich habe ein paar gerade und ansteigende Segmente, die ich für das Tempotraining verwende, da ich mich dazu sonst nicht überwinden kann, betrachte das im Übrigen aber als nette Spielerei.

  • Zufferey Marcel sagt:

    Die Datenqualität ist, zumindest beim Velofahren, ziemlich schlecht: Man weiss nie, ob da einer oder eine mit dem E-Bike oder einem Töffli unterwegs ist.

    • Andi sagt:

      Das stimmt so nicht ganz. Gerade wenn man eventuell andere verfügbare Daten noch mit anschaut (Trittfrequenz, Puls, Leistung) sowie Geschwindigkeitsverlauf über das Segment bzw. den Rest der Fahrt, kann man sich schon ein gutes Bild machen. Und wenn man ein Segment kennt, kann man idR auch einschätzen, was dort möglich ist und was nicht.

  • Rico Zurigo sagt:

    Dumm, wenn mal ein Profirennen über dein Segment rauschte oder irgendein Crack mal Lust, in deiner Ecke zu trainieren. Dann heisst es Abschied nehmen – meist für immer. Es gibt sogar welche, die das Krönchen mit Hilfe von E-Doping an sich reissen zumindest beim Velofahren.

    • Joe Weiss sagt:

      Ja… ich kenne sogar zwei Fälle, bei denen echtes Dopping im Spiel war (Sattelegg). Bei einem Fall hatte das gravierende Konsequenzen punkto Gesundheit. Dann auch einen Fall, wo das «Um’s Verrecken» schneller in einer Abfahrt im Rollstuhl endete.

  • Nina sagt:

    Strava ist auch eine Datingplattform. Kaum angemeldet wird frau von gutaussehenden und mega durchtrainierten Männer kontaktiert. Auch das ist wohl ein Spiel oder gehört dazu.

  • Isabel Koster sagt:

    Krank!

    • Xriss sagt:

      Was, geschätzte Isabel, ist denn hier krank?
      Ich habe immer gemeint körperliche Betätigung sei gesund?
      Und dass sich der Mensch gerne mit Anderen misst, ist auch nichts neues.
      Wenn dann noch die spielerische Herausforderung die notwendige Überwindung zum Sport treiben reduziert ist das doch wunderbar?!

      Und am allerschönsten ist doch, dass wer nicht will auch keineswegs dazu gezwungen wird.

      Ps: Vielleicht haben Sie ja ein anderes Hobby? Es wird sicher nicht kränker sein als Laufen oder Radfahren.

    • Maike sagt:

      Korrekt. Mit diesem System wird aus Freizeitvergnügen überall und immer ein Wettkampf. Wenn man das mal weiterspinnt, wenn sich dieses System auch noch woanders breit macht, hat man nur noch Wettkämpfe zu bestehen. Da geht jemand schneller als ich, isst das Mittagessen schneller, schläft länger, lebt länger usw. Aber offensicht muss der Mensch wohl immer wissen, das sie besser als einige andere auf dieser Welt sind. Diesen würde ich gerne den Budhismus empfehlen, damit sie Ruhe in sich selbst finden. Ist aber vermutlich unnütz, weil sie versuchen würden, besser als Buddah zu werden…

      • Isabel Koster sagt:

        Liebe Maike
        Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Sie haben es perfekt dagelegt.
        Ich bin früher Marathon gelaufen. Selbst dort war Doping unter den Freizeitsportler keine Seltenheit. Die Laufkollegen haben kein Geld damit gewonnen. Eigentlich waren wir alle zum Vergnügen laufen. Unfassbar was die Menschen alles tun, damit sie die vermeintlich besseren sind. Und durch so ein unsinniges Tool werden sie noch angespornt.

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