Laufen, wenn die Welt noch schläft

Das Licht ist sanft: Eine Läuferin trainiert am frühen Morgen. Foto: Getty Images

Es ist einer der abscheulichsten Momente des Tages – und ich geniesse ihn im Sommer, wann immer ich kann: jener Zeitpunkt, in dem der Wecker in aller Herrgottsfrühe unter sämtliche Träume einen Schlussstrich zieht, ohne Rücksicht auf deren Drehbuch. Das ist der scheussliche Part. Glücklicherweise dauert er nicht länger als ein Wimpernschlag. Augenblicklich gefolgt von meinem innerlichen Katapult in die Realität – in der meine Laufschuhe und die Welt warten. Intensiviert von der Vorfreude auf einen der schönsten Momente des Tages: aufs Laufen, wenn die Welt noch schläft.

Mein Herz schlägt schneller, wenn die frisch betauten Wiesen nur mir allein gehören, wenn das sanfte Morgensonnenlicht die Landschaft in Pastelltöne tunkt und die Welt neu anfängt, der Kopf noch leer ist und der Tag voller Chancen. Ich bin eine Frühaufsteherin, dankbar für jeden Morgenmuffel da draussen, der mir die Pfade und Hügel, Feld und Wald überlässt. Denn der Zauber dieser Laufzeit ist es gerade, dass sie mir ganz allein gehört. Noch traumtrunken, ausgeruht und unverbraucht, entwickle ich Ideen, schmiede Pläne, um sie wieder zu verwerfen und neu zu beginnen – ich erlaube mir geistig zu «sändele». Mein innerer Optimist hat dann das Sagen, denn noch hat niemand den Realisten geweckt.

Feiermorgen statt Feierabend

Der frühe Morgen bietet ein Zeitfenster, das nur ich zu öffnen oder schliessen vermag. Anders als die Laufmomente am Abend kann keine Überzeit mir diese Augenblicke rauben, kein verspäteter Zug, kein Stau. Feiermorgen statt Feierabend. Ich allein entscheide nach dem ersten Wimpernschlag, ob ich mir den Genuss gönne oder nicht. Diese Unabhängigkeit ist befreiend, mitreissend und lässt zuweilen die Pferde mit mir durchgehen. So wird aus dem gemächlichen Traben ein übermütiger Aufgalopp in den Tag, der mich leise jubeln lässt. Dieses Hochgefühl ist mein Startkapital. Es ist mein Vorsprung gegenüber all den miesepetrigen Mitpendlern, die eben aus dem Bett gekrochen sind und sich über alles in der S-Bahn ärgern. Dieser Vorsprung ist es wert, am Vorabend den Wecker zu stellen, auch wenn er mir den abscheulichsten Moment des Tages beschert.

Dieser aufputschende Start in den Tag ist aber nicht der einzige Grund, weshalb es sich lohnt, mit dem Sonnenaufgang aus den Federn zu kriechen und direkt in die Laufschuhe zu steigen. An Hitzetagen sind die frühen Morgenstunden schlicht die beste Trainingszeit – frischer ist die Luft auch am Abend nicht. Das gilt insbesondere für Badeferiendestinationen. Damit nicht genug. Englische Forscher sind zum Schluss gekommen, dass der Körper mehr Fett verbrennt, wenn seine Kohlenhydratespeicher ausgeschöpft sind, und das ist am Morgen der Fall, vorausgesetzt, am Vorabend stieg keine Pastaorgie. Eine Studie mit Profisportlern hat zudem ergeben, dass durch das Nüchternlaufen der Körper lernt, länger mit den in der Muskulatur gespeicherten Kohlenhydraten auszukommen – was für Langstreckenläufer oder solche, die es noch werden wollen, von Vorteil ist.

Trotz all den Vorteilen gilt es aber einige Dinge zu beachten: Nicht nur die Kohlenhydratespeicher sind leer, das sind auch die Flüssigkeitsreserven nach der Nachtruhe. Es ist deshalb wichtig, ein oder gar zwei Glas Wasser zu trinken, bevor man an die frische Luft tritt. Und ganz grundsätzlich sollte es der Feiermorgen-Läufer und die Feiermorgen-Läuferin langsam angehen, denn auch wenn die Nestwärme noch in den Knochen steckt, ist der Motor kalt, Sehnen, Bänder und Muskeln sind es ebenfalls. Das erhöht das Verletzungsrisiko. Deshalb vor die Tür treten, ausgiebig alle Glieder durchstrecken und erst einige Meter gehen. Als wohltuendes Warm-up eignet sich aber auch sanftes Morgen-Yoga. Und zwar noch im Bett.

Ideal zum Aufwärmen: Morgen-Yoga im Bett. Video: Yoga by Candace (Youtube)

8 Kommentare zu «Laufen, wenn die Welt noch schläft»

  • Arlette Hochreutener sagt:

    Danke für die Motivation. Der Morgenlauf heute Morgen war perfekt.

  • sophie sagt:

    Rennen muss ich nicht, nein, aber am Morgen früh mit dem Hund spazierengehen bevor Turisten aufwecken, ja das liebe ich ! Der frühmorgen hat etwas ganz besonderes in sich, die Welt ist noch schön und unschuldig und frisch. Eine Gabe.

    • Bruno sagt:

      Geht mir genauso. Um 6 Uhr mit dem Hund eine gute Stunde spazierenzugehen ist für mich der beste Start in den Tag. Besonders bei diesen Temperaturen geniessen wir beide die frische Morgenluft und die Ruhe in den Wäldern.
      Dann nach Hause, duschen und ich bin bereit für den Tag.

  • Patricia sagt:

    Geht mir genauso. Das Aufstehen fällt mit dieser Aussicht auch in den Ferien leicht. Bin heute früh bei Sonnenaufgang hier auf einer italienischen Insel gelaufen und habe im Kopf „gesändelet“ während ich die verschiedenen Düfte, Winde und Aussichten genoss.

  • Lukas Aeschbacher sagt:

    Am frühen Morgen trainieren ist für mich das beste überhaupt. Deshalb habe ich vor gut 15 Jahren meinen Tagesablauf um zwei Stunden vorverlegt, d.h. stehe 2 Std. früher auf und gehe entsprechend früher schlafen. Deshalb brauche ich schon lange keinen Wecker mehr, um vor Sonnenaufgang aufzustehen. Somit entfällt der schreckliche Moment des Gewecktwerdens. An den Tagen ohne Sport nutze ich den Feiermorgen, um diversers zu erledigen oder in Ruhe zu lesen (die Familie schläft ja noch). Und ja, mit dem Wissen, bereits etwas Sinnvolles getan zu haben, ist der ganze Pendler-Blues viel leichter zu ertragen.

  • jost sagt:

    ja wie sagt man, Morgenstund hat Gold im Mund….und das passt ja auch fürs Laufen. Perfekt und gesund.

  • Dani Blattmann sagt:

    Uneingeschränkte Zustimmung von einem, der ebenfalls am liebsten am Morgen früh los läuft! Der Kopf will nicht immer, aber man darf einfach gar nicht erst nicht überlegen, man muss einfach aufstehen und gehen. Es lohnt sich.

  • Erich Christen sagt:

    Liebe Frau Wertheimer, Sie haben ein grosses Geheimnis verraten :-)

Kommentar

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