Steil ist geil

Sie hat es und sie ist geschafft: Unsere Autorin auf den letzten Treppenstufen vor dem Free Fall. Foto: Engadiner Sommerlauf

Sein Name klingt furchterregend. Tatsächlich ist der Vertical Sommerlauf nichts für Mutlose. Zwar ist die Distanz mit 5,5 Kilometern bescheiden. Allerdings sind dabei satte 980 Höhenmeter zu überwinden. Die Strecke verläuft auf der Abfahrtspiste der Ski-Weltmeisterschaft der Herren von 2017 – das Ziel ist die Plattform mit dem furchterregenden Namen Free Fall. Von dort aus stürzen sich die Skihelden ins Rennen und donnern immer schneller werdend ins Tal. Genau umgekehrt ergeht es der Läuferin – zuversichtlich stürzt sie sich in St. Moritz ins Abenteuer, um im Berg ihren Meister zu finden.

Zwar geht es gleich beim Start in den Strassen des Engadiner Ferienortes bergan. Die Steigung ist jedoch moderat und für Flachländer nichts Ungewöhnliches. Auch nach einer längeren Treppe – die wegen der zahlreichen Teilnehmer nicht im Laufschritt bewältigt werden kann, was sich nur einen Kilometer später als wahrer Segen entpuppt – führt eine Serpentine mit mässiger Steigung die Teilnehmer hoch Richtung Piz Nair.

Der Berg knechtet den Läufer

Angesichts des Namens dieses Berglaufs ein harmloser Auftakt. Er verleitet die Läuferin dazu, die anfängliche Angst zu vergessen. Der Respekt vor dem Anstieg schwindet – ein Fehler, wie sich herausstellt, denn auf dem Hochplateau von Salastrains zweigt die Strecke auf die Ski-Abfahrtsstrecke. Hier führt kein Weg mehr hoch – zu steil ist der grasbewachsene Hang, der gefühlt senkrecht ist. Wer keine Stöcke dabei hat, hält sich hier an Grasbüscheln fest, um die Balance nicht zu verlieren. Der Berg knechtet den Läufer. Zwingt ihn auf allen vieren weiterzukraxeln. Die Luft ist dünn, die Sauerstoffschuld hoch. Welche Erleichterung, als das zweite Plateau erreicht ist.

Es kann nur aufwärtsgehen: Streckenplan zum Vertical Sommerlauf. Karte: PD

Auf den zwar steilen, aber human berganführenden Trampelpfaden kehrt die Zuversicht zurück. Der Kampfwille steigt, während der Puls sinkt. Die kurze Erholung ermöglicht der Läuferin einen Blick nach oben – ob des Anblicks stockt ihr der Atem. Der Free Fall erhebt sich vor ihr. Eine Wand aus Fels, Geröll und Lawinenbarrikaden, die selbst die legendären Engadiner Steinböcke Gian und Giachen verstummen lassen würde.

Am Ziel fühlt man sich wie auf einem Thron

Der Free Fall, mag von oben – also von der Perspektive eines Skifahrers – eindrücklich sein. Von unten erscheint er schlicht unbezwingbar. Zeit für die Flachländerin, sich zu fragen, was um Himmels Willen sie an diesem Hang verloren hat. Zeit, sich seinem Schicksal zu ergeben und sich dem Ende zu stellen. Anfangs geht es noch Meter für Meter voran, später nur noch Zentimeter für Zentimeter. Der Berg zeigt dem Menschen den Meister. Die Demütigung der letzten hundert Meter steht in einem krassen Kontrast zum Gefühl, das sich nach dem Ziel einstellt. Die Plattform wird zu einem imaginären Thron. Erhaben blicken die Finisher auf die Engadiner Seen – auf ein Reich, das sie in nur 5,5 Kilometern erobert haben.

So gehts einfacher den Berg hoch:

  • Tempo anpassen – sonst droht das frühe Aus, denn in einer kontinuierlichen Steigung wie es der Vertical im Engadin ist, kann man sich laufend oder gehend von einer Sauerstoffschuld kaum mehr erholen.
  • Schritte verkürzen, weil so auch der Kraftaufwand für den einzelnen Schritt kleiner wird.
  • Auf dem Fussballen und nicht auf dem Fersen aufsetzen, um möglichst aktiv und kräfteschonend weiterlaufen zu können.
  • Gewicht nach vorne verlagern, das hilft für die Balance und die aktive Vorwärtsbewegung.
  • Armarbeit intensivieren, und zwar in Laufrichtung dem Rumpf entlang. Das hilft gegen die Müdigkeit, denn die Arme fungieren als Taktvorgeber für die ausgelaugten Beine (das funktioniert übrigens bestens auch im flachen Gelände).
  • Aufrecht bleiben, denn wer bei jedem Schritt in sich zusammensackt, muss viel mehr Energieaufwand betreiben, um weiterzulaufen.
  • … und manchmal ist der Läufer mit zügigem Marschieren schneller und spart die Energie der Wadenmuskeln.

4 Kommentare zu «Steil ist geil»

  • Markus Schöpfer sagt:

    Das ist doch mal was, wo man sich die Zähne ausbeissen kann. Viel Spass Euch Bündnern! :-)

  • Lori Ott sagt:

    Wer keine Stöcke hat hält sich an den Grasbüscheln fest um das Gleichgewicht zu halten???
    Nein! Wer im steileren Grasbüschel-Gelände an Gleichgewichtsstörungen leidet wird auch eine normale Treppe kaum ohne Gehhilfen bewältigen können.
    Es ist aber schon so, dass wer keine Stöcke einsetzt weniger schnell vorwärts kommt, denn bergauf kann man von einem Schritt zum nächsten wenig oder gar keinen Schwung mitnehmen, mit den Stöcken abstossen hält hingegen den Körper in kontinuierlicher Bewegung, so dass er von den Beinen nicht jedesmal neu beschleunigt werden muss. Jeder Berggänger der gerne zügig unterwegs ist weiss dies aus Erfahrung.
    Dasselbe gilt, natürlich alles genau umgekehrt, auch beim Abstieg.

  • Michael sagt:

    Gibt es nicht auch einen Lauf die Streif hinauf ? Kann mir das schon gut als neuen Kick für Läufer vorstellen, die es zunehmend langweilig finden, immer nur auf der Ebene zu laufen. So wie es zunehmend auch Mountainbiker gibt. Ist alles besser als auf dem Sofa zu liegen !!!

  • werner boss sagt:

    ….und donnern immer schneller werdend ins Tal…! “ Blick “ ist dann sicher auch dabei, wenn diese Naturzerstörenden Anlagen ihren all zu menschlichen Zweck endlich wieder erfüllen dürfen. Mit oder ohne energiefressende Schneekanonen, welche es den Hoteliers möglich machen wieder zu jammern, dass sie in der Schweiz viel zu wenig Personal rekrutieren könnten und deshalb dringend auf Subventionen und ausländisches Personal angewiesen seien um ihre meist ausländischen Inhaber zu befriedigen.

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