Doping am Berg

Am Boulderweltcup 2001 in München disqualifiziert: Chris Sharma wurde positiv auf THC getestet. Foto: chrissharma.com

In einem Winter vor Jahren durchstieg ich mit einem Freund eine kleine Nordwand. Es war ein eiskalter Tag, wir kletterten im Fels ohne Handschuhe und froren trotzdem nicht an die Finger. Vor dem Einstieg hatte jeder ein Ronicol geschluckt, was die Durchblutung fördert. Wir waren gedopt, aber der Begriff war uns unbekannt. Wir wussten nicht, dass an der Sommerolympiade 1960 in Rom der dänische Radrennfahrer Knut Enmar Jensen vom Velo gestürzt und gestorben war – gedopt mit Ronicol. Allerdings bei 40 Grad Hitze, während wir bei minus 10 oder 15 Grad kletterten.

Durstig: Edward Whymper. Foto: Wikimedia

Doping am Berg, das heisst die Einnahme leistungsfördernder Substanzen, ist so alt wie das Bergsteigen selber. Bernhard Vögeli, einer der Erstbesteiger des Tödi von Norden im Jahr 1837, erzählt, wie er unter Erschöpfung litt, den Gipfel aber dank «eines Schlückleins Kümmelwasser» trotzdem erreichte. Schnaps war das Doping der Pioniere – Edward Whymper, Erstbesteiger des Matterhorns, liess bei einer Expedition in die kanadischen Rockies im Jahr 1901 ein ganzes Arsenal von Spirituosen mitschleppen.

Viagra gegen Höhenkrankheit

Unter den Erstbesteigern der Achttausender in den 1950er-Jahren war Pervitin verbreitet, eine Droge, die Soldaten der deutschen Wehrmacht im Krieg verabreicht worden sei gegen die Angst und zur Leistungssteigerung. Hermann Buhl schluckte zwei Tabletten bei seinem legendären Alleingang 1953 am Nanga Parbat. Beim Höhenbergsteigen werden heute gemäss verschiedenen Studien und den Aussagen von Kennern offenbar häufig Substanzen wie Diamox oder Dexamethason eingesetzt. Viagra gegen Höhenkrankheit ist sozusagen Standard. Wobei zwischen Prophylaxe, Notfallmedizin oder Doping nicht immer unterschieden werden kann.

Reinhold Messner wird gern mit der Aussage zitiert, beim Bergsport werde «auf Teufel komm raus» gedopt – vor allem von Hobbysportlern. Die Elite sei sauber, glaubt er. Beweise gibt es nicht, Dopingkontrollen gibt es wie in jedem Sport nur bei Wettkämpfen. So wurde Maude Mathis von der SAC-Skitouren-Nationalmannschaft 2015 bei einer Weltmeisterschaft disqualifiziert – Pech allerdings, sie hatte die hormonelle Substanz wegen ihres Kinderwunschs eingenommen. Wegen THC-Befunds disqualifizierte sich der amerikanische Spitzenkletterer Chris Sharma bei der Boulderweltmeisterschaft 2001 in München. Das erinnert an die Bigwall-Freaks der 70er-Jahre, die sich gern mit einem Joint entspannt hatten.

«Jeder soll sich so umbringen können, wie er will»

Die Union Internationale des Associations d’Alpinisme UIAA hat sich zum Ziel gesetzt, über die Gefahren des Medikamentenmissbrauchs am Berg aufzuklären, und in Übereinstimmung mit der World-Doping-Agentur eine Liste von problematischen Substanzen publiziert. Sich daran zu halten, ist letztlich eine Frage der Fairness und der Vernunft, denn Dopingtests im Gebirge wünscht sich niemand, und Urinkontrollen im alpinen Gelände wären kaum machbar. «Wir lassen uns die Freiheit in den Bergen nicht nehmen», sagte Mediziner und Alpinist Oswald Oelz an einer Tagung zum Thema. «Jeder soll sich so umbringen können, wie er will.»

«Das Thema ist ein Tabu», sagt Alpinist Oswald Oelz. Foto: oswald-oelz.ch

Heutigen Outdoor-Spitzenathleten geht es allerdings nicht immer nur um Freiheit und Selbstverwirklichung. Auch ausserhalb offizieller Wettkämpfe findet ein harter Wettbewerb statt. Bei Speedrekorden an grossen Wänden, extremen Erstbesteigungen oder sensationellen Begehungen in den obersten Schwierigkeitsgraden geht es um Aufmerksamkeit in der Szene, um Medienpräsenz, um Sponsorengelder – und damit um die Existenz als Profi-Sportler. Da wird peinlich darauf geachtet, dass der Speedkletterer im richtigen Moment auf die Stoppuhr drückt, der Höhenbergsteiger einen Gipfelbeweis erbringt und der Sportkletterer beim 9c-Durchstieg keinen Haken berührt. Viel ist dabei von Ethik, Ehrlichkeit und Fairness die Rede, doch was einer oder eine im Training, vor oder während der Tour schluckt, bleibt im Dunkeln. «Das Thema ist ein Tabu», sagt Oelz.

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