Neues Leben für alte Drahtesel

Gut unterwegs: Gespendetes Bike in Arusha, Tansania, 2015. Foto: Velafrica

Gut unterwegs: Gespendetes Bike in Arusha, Tansania, 2015. Fotos: Velafrica

Zur Weihnachtszeit wächst gewöhnlich die Spendenbereitschaft. Ob Gewissensentlastung oder Herzensangelegenheit – Spenden können viel bewirken. Vorausgesetzt, die Hilfe kommt dort an, wo sie dringend benötigt wird. Die Sorge, dass das Geld letztlich irgendwo im Sande versickert, hält manchen vom Schenken ab. Oder taugt zumindest als passende Ausrede.

Zukunft fürs Gebrauchte

Es muss aber nicht immer die Überweisung sein, manchmal tut es auch der Gang in den Keller oder die Garage. Steht bei Ihnen auch noch das alte Mountainbike in einer dunklen Ecke und träumt von besseren Zeiten? Die Schweizer Organisation Velafrica sammelt gebrauchte Velos. In sozialen Einrichtungen in der Schweiz werden diese zunächst wieder fahrtüchtig gemacht, dann nach Afrika verschifft. Die Zahl der Spenden wächst seit dem Start 1993 beständig. In diesem Jahr wurden mehr als 20’000 Velos verschifft, erzählt Claudia Meyr von Velafrica.

Während wir uns gerne ständig was Neues kaufen, um noch mehr Spass auf den Trails zu haben, kann schon ein recht simples Velo das Leben der Menschen in Afrika grundlegend verändern: Es macht unabhängig, eröffnet wirtschaftliche Chancen, erleichtert den Zugang zu Gesundheit und Bildung. «In manchen Gegenden laufen die Kinder täglich viele Stunden zu Fuss zur Schule», sagt Meyr, «ein Velo erleichtert die Wege deutlich oder macht den Schulbesuch gar erst möglich.» Velafrica nimmt jedes Bike. Aber klar, dass Mountain- oder Tourenbikes bei oft unbefestigten, holprigen Strassen besonders gefragt sind.

Spezialanfertigung für Afrika

Buffalo macht Schule: Dieses Bike wird in Kenya produziert. Foto: WBR

Buffalo macht Schule: Dieses Bike wird in Kenya produziert. Fotos: WBR

Die gleiche Intention verfolgt auch World Bicycle Relief (WBR), die vor über zehn Jahren von SRAM-Gründungsmitglied F. K. Day ins Leben gerufene Hilfsorganisation. Anders als bei Velafrica finanzieren sie über Spenden die Produktion eigens für Afrika entwickelter Bikes. Die sind besonders robust und haben einen grossen Gepäckträger. Sie werden in Werkstätten vor Ort montiert, wodurch Arbeits- und Ausbildungsplätze entstehen.

Etwa die Hälfte der Bikes wird gratis abgegeben, vor allem an Schüler. Die andere Hälfte wird verkauft. «Die Bikes sind nicht so günstig wie andere Importräder», so Kristina Jasiunaite von WBR. «Dafür halten sie aber wesentlich länger.»

Der Mech machts: Velafrica kooperiert mit Ausbildungsstätten vor Ort.

Der Mech machts: Velafrica kooperiert mit Ausbildungsstätten vor Ort.

Bei Velafrica setzt man sogar komplett auf den Verkauf der Gebrauchtvelos vor Ort. Man arbeite mit Partnern zusammen – kleinen Händlern oder Ausbildungsbetrieben –, um die wirtschaftliche Entwicklung im Land zu fördern und den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sagt Claudia Meyr. Zudem wolle man mit den Spenden nicht die lokalen Märkte unterwandern. Besonders bedürftige Gruppen wie Schulkinder erhielten jedoch im Rahmen von Förderprogrammen einen grossen Zuschuss über Geldspenden.

Vielfältiges Engagement

Ines Thoma, Profi-Bikerin aus dem Canyon Enduro Factory Team, strickte in den vergangenen Jahren Mützen, die Einnahmen stiftete sie an WBR. Mit ihrem Engagement ist sie nicht alleine: «Die Radszene ist unglaublich», sagt Jasiunaite. Also: Wie wäre es mal mit einer Bike-Tour für Afrika? Oder einer Velo-Sammelaktion im Bekanntenkreis? Möglichkeiten, zu helfen, gibt es viele.

Was halten Sie von der Möglichkeit, Ihr Hobby mit einer Hilfsaktion zu verbinden? Spenden Sie und wenn ja, warum? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Kennen Sie andere Hilfsprojekte im Fahrradbereich, für die sich Ihrer Meinung nach ein Engagement besonders lohnt?

Besonders robust und mit grossem Gepäckträger: Bike des World Bicycle Relief.

Besonders robust und mit grossem Gepäckträger: Bike des World Bicycle Relief.

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5 Kommentare zu «Neues Leben für alte Drahtesel»

  • asiot sagt:

    Und das ist nicht Alles. Unser 17-jähriger, behinderter Pflegesohn kann bei Velafrica eine Praktiker Ausbildung absolvieren. Für ihn ist es sehr wichtig einer Arbeit nachzugehen, die ihn mit Stolz erfüllt.

  • Cello sagt:

    Hilfe zur Selbsthilfe schaffen. Alles andere führt zu Abhängigkeiten wie in der bisherigen Ausbeutungs-Geschichte Afrikas. In diesem Sinne würde ich kein Velo spenden, auch wenn ich mehrere besitze und auch benutze. Vielmehr müsste das Benutzen des Velos hierzulande gefördert werden: Menschen werden immer dicker- jeder besitzt ein Auto/Roller trotz gutem ÖV- Ihr Politiker, führt mal ein Steuerbelohnungsprogramm für Velovielfahrer ein. Vorteile sind dass Menschen sich mehr bewegen. Das Klima sprich die Erderwärmung und ihre Folgen werden besser hier und in Afrika. Es würde ein Vorbildeffekt für andere Staaten entstehen. ÖV UND VELO, diese Mischung macht Sinn!

  • Bob sagt:

    Ich kenne F. K., der Buffalo Bike Man seit ’89. Was er mit diesem Velo erreicht hat darf man unterstützen. Hilfreiche Entwicklungshilfe!

  • linus sagt:

    Wir alle wissen, dass wir den Afrikanern deren Rohstoffe viel zu billig abkaufen, die Potentatengelder auf unseren Banken sicher verwahren, Export von modernen Waffensystemen zulassen. Wir alle wissen, dass wir mit fragwürdigen Freihandelsabkommen unseren steuerpriveligierten Grosskonzernen ermöglichen, in einen direkten Wettbewerb einzusteigen, bei dem afrikanische Kleinfirmen garantiert den Kürzeren ziehen.
    Ob es da dem Gewissen hilft, unsere alten Velos teuer nach Afrika zu verschiffen um dort just wieder in Konkurrenz zu den kleinen einheimischen Veloproduzenten zu stehen, welche ihre Velos nicht verschenken können?

    Spenden sind sinnvoll, um kurzfristiges Leid zu überbrücken, z.B. nach einem Erdbeben, einer Dürreperiode usw. Wirtschaftliche Langzeitspenden sind wirkungslos.

  • Eduard J. Belser sagt:

    Das Velo ist ein energieeffizientes, umweltschonendes und erschwingliches Verkehrsmittel, dass für breite Bevölkerungsschichten in armen Ländern einen Quantensprung an Lebensqualität bringt. Es erleichtert den Alltag und schafft Arbeitsplätze. Leider besitze ich selbst nur ein Velo, das ich rege benutze und nicht entbehren kann. Aber in vielen Garagen, Keller, Abstellräumen usw. stehen funktionstüchtige oder mit wenig Aufwand zu reparierenden unbenutzte Velos, diese sollten unbedingt an Velafrica gespendet werden. das schafft auch Platz und Ordnung bei uns. Glücklicherweise sind es sogar robuste aber einfach Mountainbikes, die in Afrika besonders gefragt sind und bei uns in grosser Zahl unbenutzt herumstehen.

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