Der falsche Bergsee

Diese Woche von Stein zum Bergsee über Bad Säckingen (AG/D)


Wenn das nicht die perfekte Wanderung für die beginnende Weihnachtszeit ist! Wir lernen ein Münster kennen. Wir können in der zugehörigen Altstadt flanieren und shoppen. Und schliesslich erwandern wir uns einen Bergsee, der so heisst, obwohl er auf 382 Metern über Meer liegt. Die Tieflage hat auch ihre Vorzüge: Lawinengefahr gibt es um diesen Bergsee nicht. Nach seiner Umrundung können wir uns im Übrigen im Seerestaurant aufwärmen.

Die Unternehmung beginnt am Bahnhof Stein-Säckingen. Das aargauische Stein ist mit zwei Novartis-Produktionsstätten begnadet, ansonsten handelt es sich allerdings um einen eher unromantischen Flecken. Wir gehen zum Rhein hinab, passieren ein verblichenes Zollhaus, nehmen die Fussgänger-Holzbrücke. Über 200 Meter lang ist sie und gilt als längste gedeckte Holzbrücke Europas. In der Mitte steht eine Statue Nepomuks, jenes Heiligen, der für Brücken zuständig ist.

Hallo, Deutschland

Und nun sind wir bereits in Deutschland. Bad Säckingens Zentrum ist voller Läden und Restaurants, wir Schweizer dürfen wieder einmal staunen, wie preiswert alles ist. Ob wir nun einkaufen wie die Wilden oder doch das Schweizer Gewerbe favorisieren: Jeder und jede soll das selber entscheiden. Sicher ist, dass wir unbedingt das nahe Fridolinsmünster, Gotik mit aufgepfropftem Tortenbarock, besuchen müssen.

Fridolin: Bei diesem Namen werden Glarnerinnen und Glarner aufhorchen. Der legendenumwobene Wandermönch, der angeblich aus Irland kam, steht in ihrem Wappen und ist überhaupt der einzige Mensch in einem Schweizer Kantonswappen. Glaubensbote Fridolin soll das Kloster Säckingen gestiftet haben und dessen erster Abt gewesen sein; das Kloster wurde zum Ausgangspunkt für die christliche Missionierung des heutigen Baden-Württemberg. Weil besagtem Kloster im Mittelalter auch das Glarnerland gehörte, kam der Heilige in das Glarner Wappen.

Vorbei an der Therme zum Bergsee

Als wir uns satt gesehen haben, gehen wir weiter zum Bahnhof von Bad Säckingen. Links davon – wenn wir hangwärts schauen – führt eine Strasse über die Schienen. Wir nehmen sie, biegen schnell links ab, kommen zum Parkgelände Badmatte mit dem zentralen Wanderwegweiser in Weiss. Was folgt, ist im Grunde genommen simpel, auch wenn es vielleicht nicht so klingt; ein Blick auf die Schweizer Wanderkarte 1:50’000 «Liestal» hilft. Wir gehen einen Bachweg entlang aufwärts, kommen an der Aqualon-Therme, am Hotel Schweizerblick, am Kurzentrum vorbei, biegen nach dem letzten Kurgebäude links ein.

Die Strasse wird zum Feldweg, bald folgt ein Rechtsschwenk in den Wald. Auf dem Franz-Müller-Weg halten wir aufwärts und sind schon beim Bergsee.

Scheffels Blockbuster

Der Weg um den von bewaldeten Höhen gesäumten Bergsee ist Naturbelag; gut so, denn in Stein und in Bad Säckingen gingen wir immer auf Asphalt. Nun ist der Moment, an den «Trompeter von Säckingen» zu denken; im besten Fall hat man das berühmte lange Gedicht von 1854 gleich bei sich, welches zeitweise das meistgelesene literarische Werk Deutschlands war und Hunderte Male neu aufgelegt wurde. Heute würde man von einem «Blockbuster» reden.

Die Geschichte handelt von der Liebe eines Bürgerlichen im 17. Jahrhundert zu einer Adelsdame; die beiden können zuerst nicht zueinander kommen, schaffen es nach leidvoller Trennung schliesslich doch.

So weit die Literatur. Und nun zurück ins Leben. Im Restaurant am See können wir, bevor wir wieder nach Bad Säckingen absteigen, essen und gleichzeitig der alemannischen Verkleinerungsform huldigen, die uns in ihrer Schnuckeligkeit vertraut ist und doch mit der Endung -le statt wie bei uns -li ein wenig fremd klingt: Wir nehmen ein Tannenzäpfle-Bier und dazu ein Schäufele mit Käsespätzle.

Widmer Bergsee 2. Dez.Route: Stein AG, Bahnhof – Holzbrücke über den Rhein – Bad Säckingen – Bad Säckingen, Bahnhof – auf der Westseite des Bahnhofs über die Geleise – Badmatte mit zentralem Wegweiser in Weiss – Bachweg – Aqualon-Therme – Hotel Schweizerblick – Kurzentrum/ Eggbergklinik – nach dem letzten Kurgebäude links einbiegen, die Strasse wird zum Feldweg – dann wieder rechts in den Wald – Franz-Müller-Weg – Bergsee, Restaurant – Rundweg um den See. Retour auf demselben Weg.

Wanderzeit: 2½ Stunden für den ganzen Weg vom Bahnhof Stein-Säckingen zum Bergsee und retour. Für die Besichtigung der Säckinger Innenstadt und des Fridolinsmünsters muss man Zeit dazurechnen.

Höhendifferenz: Je knapp 200 Meter aufwärts und abwärts.

Wanderkarte: 214 T Liestal, 1: 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Kultur und Natur, Winterspaziergang und Weihnachtsshopping in einem. Leicht. Mehr als die Hälfte Hartbelag. Trotzdem braucht man gute Schuhe, weil es auch über Feld- und Waldwege geht.

Höhepunkte: Die wunderbare Holzbrücke über den Rhein mit dem Brückenheiligen Nepomuk. Das Fridolinsmünster. Der winterstille Bergsee mit dem Naturweg rundum.

Kinder: Perfekt.

Tipp: Südöstlich des Bergsees gibt es am Gewerbebach einen Wildpark mit einheimischen Tieren. Er ist ganzjährig offen.

Nicht vergessen: Ausweis, weil wir die Grenze überqueren. Euros für die Einkehr in Bad Säckingen.

Einkehr: In Stein und in Bad Säckingen. Restaurant am Bergsee: In der Winterzeit Montag Ruhetag, ansonsten jeweils von 11 bis 18 Uhr.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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3 Kommentare zu «Der falsche Bergsee»

  • Burgdorfer Ernst, Walenstadt sagt:

    Zu „Fax“-Zeiten fragte ich eben damit die Gemeinde Stein und Stein Säckingen an, ob die Insel im Rhein unterhalb der Holzbrücke zu Deutschland oder zur Schweiz gehöre. Beide Gemeindeverwaltungen waren der Ansicht, sie gehöre zu Ihrem Territorium.. Gem. Auskunft bei der Landestop. in Wabern verläuft die Grenze in der Rheinmitte und ist deshalb vom Wasserstand abhängig.

  • Tim sagt:

    Schöner Post!

    LG Tim

  • Rudolf Albonico sagt:

    Die ganze Gegend ist „energetisch“ und historisch sehr interesant! Nicht weit vom „Bergsee“ gibt es ein kleines, aber feines Energie-Museum: http://www.energiemuseum-rickenbach.de . Und dort erfährt man einiges über das völlig gestörte Projekt eines riesigen Pumpspeichersees zuoberst auf einem der Hügel. Worüber ich gerne mehr im TA lesen würde!

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