Extrem – extrem übersättigt

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Tollkühn: Die Stunts an der Red Bull Rampage in der Wüste Utahs. Foto: Bartek Wolinski (Red Bull Content Pool)

Irre Stunts, unglaubliche Lines – die Red Bull Rampage polarisiert wie kaum ein anderes Bike-Event. Bewunderung für die Bikebeherrschung und Tollkühnheit der Fahrer einerseits, Unverständnis für die Inkaufnahme so grosser Risiken andererseits. Am vergangenen Freitag gaben sich die Besten der Freeride-Szene zum 11. Mal ihr legendäres Stelldichein in der Wüste Utahs. Weltweit verfolgten Hunderttausende Zuschauer das Event gespannt per Live-Stream am Bildschirm.

Belangloses «Nur-Runterfahren»?

Und dann das: «Da geht es ja bloss noch darum, mit Style runterzukommen!», beschwert sich einer der Beobachter daheim vor dem Fernseher. «Wo bleiben die Tricks, die einem das Blut in den Adern stocken lassen?» Einen Backflip über ein Canyon Gap, wie den von Kelly McGarry, bekommt man dieses Jahr nicht zu sehen, das verhindern neue Regeln: keine gigantischen Gaps, keine hölzernen Drops. So soll das Risiko für die Fahrer reduziert werden. Dafür gibt es weiterhin extrem steile und ausgesetzte Abfahrten.

Gigantisch: Der Backflip von Kelly McGarry. Quelle: Youtube

 

Wie gewohnt zieht sich das Event in die Länge. Nach dem ersten Run nimmt der Wind zu, die Fahrer zögern am Start. Nicht jeder wagt den zweiten Run. Und ich ertappe mich plötzlich selbst dabei, das Interesse zu verlieren. «Eigentlich pervers», denke ich, «da gibt es eigentlich nichts Wichtigeres, als dass sich niemand schwer verletzt oder gar stirbt. Aber wenn auf einmal weniger Risiko in Kauf genommen wird, droht sich schon Langeweile breitzumachen.» Ist denn «nur runterfahren» etwa gleichbedeutend mit belanglos? Sind wir mittlerweile wirklich schon so übersättigt mit Eindrücken von Rekordjagden und Extrem-Projekten – festgehalten in Video-Einstellungen aus allen Blickwinkeln, geteilt auf allen Kanälen – dass nur durch immer noch stärkere Eindrücke unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse geweckt werden können?

Das Niveau, auf dem sich die Fahrer bewegen, hat in den letzten Jahren fortlaufend zugenommen. Ob bei der Rampage, dem Extrem-Downhillrennen Hardline oder Slopestyle Events wie den Crankworx. Das Verletzungsrisiko ist hoch. Das wissen die Fahrer, die Sponsoren und die Zuschauer. Ein kleiner Fehler kann im schlimmsten Fall das Aus bedeuten. Und trotzdem wird immer mehr an der «Risikoschraube» gedreht.

Souverän: Der Sieger-Run von Brandon Semenuk. Quelle: Youtube

 

Welchen Anteil haben wir Zuschauer am Geschehen? Einerseits befürchten wir das Schlimmste, nicht zuletzt nach dem schweren Unfall von Paul Basagoitia im letzten Jahr (Er brach sich einen Brustwirbel, spürte zunächst seine Beine nicht und musste im Anschluss an seine neunstündige OP mühsam wieder das Laufen lernen). Andererseits erwarten wir, dass die Grenzen immer weiter verschoben werden. Höher, weiter, schneller war einmal. Spektakulärer, risikoreicher, verrückter könnte die Forderung der Zuschauer heute heissen.

Das bisschen Nervenkitzel

Crashs gibts natürlich auch an der diesjährigen Rampage: Graham Agassiz stürzt bei einer 360°-Drehung, überschlägt sich mehrfach und bricht sich das Becken. Cam Zink stürzt ebenfalls beim 360er, vor den Augen seiner Frau und kleinen Tochter, steht aber sofort wieder auf den Füssen. Glück gehabt! Und natürlich: Auch dieses Mal können wir feinste Styles feiern. Abgesehen vom souveränen Sieger-Run von Brandon Semenuk unter anderem auch den ersten Doppel-Backflip in der Rampage-Geschichte vom Zweitplatzierten Antoine Bizet. Ganz ohne Nervenkitzel war also auch die diesjährige Ausgabe nicht.

Zum ersten Mal: Doppel-Backflip von Antoine Bizet. Quelle: Youtube

 

Aber nehmen wir die Tatsache, dass die Veranstalter Risiken reduzieren möchten zum Anlass, auch unsere eigene Wahrnehmung und Erwartung zu reflektieren…

Verfolgen Sie Anlässe wie Rampage, Crankworx oder Hardline? Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das Publikum, wenn die Protagonisten ständig an der Risikoschraube drehen? Oder ist das ganz einfach ein gesellschaftliches Phänomen, dass alles auf die Spitze getrieben werden muss?

4 Kommentare zu «Extrem – extrem übersättigt»

  • Bont sagt:

    Von wegen ein gang runter. Das gelände war so krass ausgesetzt und steil wie noch nie. Das risiko grösser den je. Deswegen hat vllt nicht gerade jeder extreme tricks gemacht. Aber wartet nur bis nächstes jahr wenn sie wieder am selben berg sind.
    Die riesen sprünge sind publikumsmagnetetn führen aber schlimmstenfalls zu spektakulären crashs ohne grosse verletzungen.

  • Marlon Goldbach sagt:

    Wie so oft ist gibt es da wohl keine monokausale Erklärung. Klar spielen alle genannten Punkte eine rolle: das Publikum, die Sponsoren, die Gesellschaft. Und alle hängen zusammen. Manche finden es ja ziemlich spannend wenn radsportler die Berge hochfahren. Relativ unspektakulär. Klar üben auch die Sponsoren immer druck aus. Aber sie alleine für die hohen risiken anzuklagen reicht nicht. Viele Extremsportler wie z.b. Alex Polli, den ich mal für mein Blog naturedomination.wordpress.com interviewt habe, sind doch sogar dankbar, dass Firmen wie Red Bull ihnen erlauben den Sport überhaupt professionell auszuüben. Man darf nicht vergessen dass die Sportler auch mündige Leute sind. Aber es gibt eben schon auch eine Tendenz dass alles extremer und abenteuerlicher werden muss, siehe Bergsport.

  • Mike sagt:

    Red Bull wurde ja schon öfter vorgeworfen, dass sie mit ihrem Sponsoring Extremsportler zu unsinnigen Risken anstiften, und die Rampage war wohl immer eins der krasseren Beispiele. Von daher find ich’s prinzpiell mal gut, dass jetzt einen Gang zurückgeschaltet wird. Die Holzrampen fand ich sowieso nie besonders prickelnd, das Interessante an diesem Event ist doch das extreme Terrain – und darum kann ich mit „nur Runterfahren“ statt diesen bekloppten Selbstmord-Tricks auch gut leben.

  • Henriette sagt:

    Ich glaube, nicht nur das Publikum will mehr Action und Risiko, es sind wahrscheinlich auch die Sposoren, die Spektakuläres erwarten und verlangen.

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