«Über uns die Unendlichkeit»

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Eine Ausnahmeleistung: Heute vor 60 Jahren, am 18. Mai 1956, erreichte der Schweizer Bergsteiger Ernst Reiss als erster Mensch den Lhotse-Gipfel auf 8516 Metern. Foto: Archiv Familie Reiss

Das Buch lag in einer Kiste im Flohmarkt: «Ernst Reiss: Mein Weg als Bergsteiger». Ich kaufte es, las es mit Begeisterung, dann reiste ich nach Basel und lernte den Menschen kennen, der am 18. Mai 1956 zusammen mit seinem Seilgefährten auf dem Gipfel des vierthöchsten Berges der Erde stand. Die Erstbesteigung des 8516 Meter hohen Lhotse durch Ernst Reiss und Fritz Luchsinger ist einer der bedeutendsten Erfolge von Schweizern bei der Erschliessung der Himalajaberge – doch leider etwas in Vergessenheit geraten. Unter anderem wohl, weil die Lhotse-Erstbesteiger Menschen waren, die sich nicht ins Rampenlicht stellten. Obwohl beide aussergewöhnliche Persönlichkeiten waren – total unterschiedlich in Herkunft und Charakter. Reiss, gelernter Schlosser aus Davos, Gewerkschafter und aus Familientradition Mitglied der politisch linksorientierten Naturfreunde. Luchsinger aus Thun Berufsoffizier im Rang eines Oberst, zäh und verschlossen, «der eiserne Fritz», nennt ihn Reiss. Wenige Wochen vor der Erstbesteigung litt er an einem geplatzten Blinddarm, den der Expeditionsarzt Edi Leuthold unter einfachsten Bedingungen mit Medikamenten kurieren konnte.

Die Erstbesteigung des Lhotse war ein Handstreich, «eine Ausnahmeleistung für die damalige Zeit», schreibt der erfolgreiche Höhenbergsteiger Ralf Dujmovits. Erst nach zwanzig Jahren konnte die Besteigung wiederholt werden.

Mit wenig Proviant, ein paar Haken und zwanzig Meter Seil brachen Reiss und Luchsinger im Hochlager auf 7850 Metern auf, kämpften zwei Stunden mit einem vereisten Sauerstoffgerät, dann kletterten sie schweigend und verbissen, sich nur mit Handzeichen verständigend, durch das steile, vereiste und von einem Felsriegel unterbrochene Couloir zum Gipfel. Neuschnee war gefallen und ein Sturm tobte, der die Lhotseflanke in eine Schneestaubwolke hüllte.

In seinem Buch schildert Reiss den Moment auf dem Gipfel in bewegenden Worten. «Tief unten liegt die Vergangenheit der letzten Tage, die nicht mehr sichtbaren Lager und Spuren unserer Kameraden. Der Weg zurück nach der Heimat scheint seinen wirklichen Zusammenhang verloren zu haben. Über uns steht die Unendlichkeit.»

Keine Spur von Heldenpose. «Wir fühlen uns nicht heroisch, aber dennoch glücklich», notiert er am Abend in sein Tagebuch. Zu mir sagte er einmal: «Bergsteiger sind keine Helden. Putzfrauen sind Helden.»

Teilnehmer der Everest-Lhotse-Expedition 1956: Sitzend vorne von links: Edi Leuthold, Wolfgang Diehl, Dölf Reist; dahinter Fritz Luchsinger, Expeditionsleiter Albert Eggler, Hans Grimm; stehend Ernst Schmied, Jürg Marmet, Hansrudolf von Gunten; hinter ihm Verbindungsoffizier Pradhan, Ernst Reiss. (Foto: Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung)

Teilnehmer der Everest-Lhotse-Expedition 1956: Sitzend vorne von links: Edi Leuthold, Wolfgang Diehl, Dölf Reist; dahinter Fritz Luchsinger, Expeditionsleiter Albert Eggler, Hans Grimm; stehend Ernst Schmied, Jürg Marmet, Hansrudolf von Gunten; hinter ihm Verbindungsoffizier Pradhan, Ernst Reiss. (Foto: Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung)

Reiss hatte schon vier Jahre zuvor an einer Schweizer Expedition zum Everest teilgenommen. Bei der vom Berner Notar und Alpinoffizier Albert Eggler geleiteten Expedition 1956 war er der Alpinchef, verantwortlich für Ausrüstung und Technik. Es war «ein militärisches schweizerisches Präzisionsunternehmen», schreibt Oswald Oelz in einem Buch zum 50-Jahr-Jubiläum. Acht Tonnen Gepäck liess man mit Sherpas und Kulis anschleppen, in der Lhotseflanke wurde eine Seilwinde installiert. Wenige Tage nach dem Erfolg am Lhotse gelang Ernst Schmied und Jürg Marmet die zweite Besteigung des Everest, Hansrudolf von Gunten und Dölf Reist die dritte.

Fritz Luchsinger konnte 1980 den Dhaulagiri besteigen, drei Jahre später starb er am Shishapangma an einem Lungenödem. Ernst Reiss verstarb 2010 mit 90 Jahren nach längerem Leiden. In seinem Buch erzählt er von seiner Jugend, seinen grossen Fahrten in den Alpen und Expeditionen in den Himalaja und die Anden. Es waren Unternehmen, bei denen schon der Anmarsch wilde Abenteuer ohne Kontakt zur Aussenwelt waren. Das Buch habe ich neu auflegen lassen – zur Erinnerung an einen Bergsteiger, von dem die österreichische Alpinistin und Schriftstellerin Helma Schimke an der Trauerfeier sagte: «Du warst einer der ganz Grossen, der still und bescheiden geblieben ist.»

AS VerlagBuchhinweis: Ernst Reiss: Mein Weg als Bergsteiger. AS-Verlag, Zürich 2013. Neuauflage nach der Originalausgabe von 1962. Mit einer Einführung von Emil Zopfi.

 

 

 

 

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3 Kommentare zu ««Über uns die Unendlichkeit»»

  • vogel sagt:

    Ich habe das Buch „Erfolg am Daulaghiri“ genauso mit Interesse verschlungen. Es lag einsam in einer Kiste in der GGG Bibliothek ( Verkaufsware) Gute Organisation, Wagemut, Können, Erfahrung die verschiedenen Charaktre ein einem Team vermengt und das Ziel vor Augen vermischen sich zu einem wunderbaren Tagebuch und fast wähnt man sich dabei.

  • Claudina Reiss (Tochter von E. Reiss) sagt:

    Danke Emil für diesen Artikel, gut geschrieben.
    Mein Vater hätte sich sicherlich darüber gefreut, wie natürlich auch über die gut recherchierte Neuauflage seines Buchs.
    Der Nachlass (Tagebücher, Dias) von Ernst Reiss ist im Alpinen Museum in Bern – jeweils sind dort sehr gute Ausstellungen zu sehen!

    Herzliche Grüsse
    Claudina Reiss

    P.S Könnte mir die Redaktion bitte nachträglich noch 1-2 Exemplare zukommen lassen? Danke für die Bemühungen.

  • Hans W. sagt:

    Hoffentlich hat die Neuauflage Erfolg. Sie ist auf jeden Fall lesenswert. Schon das Original verschlang ich damals förmlich. Ernst Reiss war zweifellos eine Ausnahmeerscheinung. Auch in den Alpen machte er von sich reden. Ein Beispiel unter vielen: Eine herausragende Erstbegehung der direkten Gspaltenhorn-NO Wand mit Ruedi Schatz und Erich Haltiner. Erich, auch so ein Tausendsassa, verstarb übrigens vor kurzem, in diesem Jahr.

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