Geiz ist nicht geil

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Die Ausrüstung ist entscheidend – aber wo kauft man sie? Im Fachhandel oder im Internet? Foto: iStock Photo

In einem Bergsportgeschäft nehme ich zumeist Beratung in Anspruch. Ich schätze es sehr, wenn mir die Vor- und Nachteile der Produkte erklärt werden. Noch nie wurde mir diese Dienstleistung des Verkaufspersonals extra verrechnet. Und ehrlich gesagt, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass mich die Beratung einst kosten könnte.

Nun lese und höre ich, dass das Intersport-Geschäft Zürcher Sport in Frutigen BE ein Pionierprojekt gestartet hat. Kundschaft, die sich dort beraten lässt, muss eine Beratungsgebühr bezahlen: Von einem erfahrenen Verkäufer kostet sie 72 Franken pro Stunde, beim Erstjahrslehrling beträgt der Stundenlohn 24 Franken. Mit diesem neuen Konzept will der Geschäftsinhaber der preiswerteren Internetkonkurrenz entgegenhalten. Er spricht damit ein Problem an, das fast alle Branchen des Fachhandels betrifft: Immer mehr Kunden lassen sich in den Geschäften ausführlich beraten, kaufen aber nicht dort. Sie bestellen das Produkt stattdessen bei einem Onlinediscounter im Ausland. Bei Zürcher Sport ist damit jetzt Schluss: Auch Beratung habe ihren Preis, sagt der Inhaber. Im Gegenzug erhält der Kunde einen Rabatt von 20 Prozent auf den Einkaufsbetrag.

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Fachberatung ist hilfreich, aber nicht umsonst. Wie viel ist man bereit, dafür auszugeben? Foto: Markus Hubacher

Auf einen Bericht letzte Woche in der «Berner Zeitung» folgte online eine Flut von Leserkommentaren. Grundtenor: Nicht das Internet sei das Problem, sondern «die zum Teil masslos übersetzten Preise der Detailhändler». Ich selber finde die Idee einer Beratungsgebühr in einem Sportfachgeschäft sicher auch nicht gut. Aber noch viel schlechter finde ich, dass es tatsächlich Leute gibt, die sich in einem Fachgeschäft beraten lassen und dann im Internet günstig bestellen. Wie billig ist das denn? Unterirdisch!

Für mich fällt dieses Verhalten etwa in dieselbe Kategorie wie die neue Mentalität in den unbewarteten Gebirgsunterkünften. Immer mehr Leute übernachten im warmen Lager, verheizen vom bereitgestellten Holz, nutzen alle Annehmlichkeiten. Dafür zu bezahlen, halten aber einige offenbar für unnötig. Statt das Geld in die Kasse zu werfen, brechen sie diese sogar auf. Selbstverständlich macht das nicht jeder Alpinist, aber offenbar so viele, dass das heutige Konzept, das auf Vertrauen basiert, überdacht werden muss. Gut möglich, dass die Winterräume und Biwaks bald nicht mehr jederzeit und für jedermann offen sind.

Solche «Gratisübernachter» kenne ich persönlich nicht, aber durchaus solche, die zumindest einen Teil ihrer Bergsportausrüstung günstig im Internet bestellen. Zum Beispiel Tourenski mit Bindung und Fellen. Seine Ersparnis habe mehrere Hundert Franken betragen, sagte mir diesen Winter ein Tourenkumpel. Ein bestechendes Argument, zweifellos. Jeder hat das Recht auf «Geiz ist geil» und «Ich bin doch nicht blöd». Wenn jemand findet, in einem Fachgeschäft seien die Preise masslos übersetzt, dann ist das legitim. Doch weshalb meidet er solche Läden dann nicht konsequent? Warum geht er hin und lässt sich beraten? Wieso probiert er sich z. B. durch das Schuhsortiment, bis er ein passendes Modell findet – im Wissen, dass er es dann im Internet bestellt? Weil man die Schuhe aus dem Internet vorher nicht anprobieren kann? Ist Profitieren zulasten anderer geil? Oder vielleicht doch nur blöd?

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