Oh Eun-sun: «Ich stehe zu meinem Expeditionsstil, habe nie versucht, ihn zu beschönigen»

Oh-Eun-Sun-Annapurna

Dieses Bild ging um den Globus. Der dramatische Moment wurde im südkoreanischen Fernsehen live übertragen. Oh Eun-sun stand am 27. April 2010 auf dem 8091 Meter hohen Annapurna-Gipfel, liess ihre Landesfahne im Wind flattern und rief «Victory» – Sieg! Sie hat als erste Frau alle vierzehn Achttausender bestiegen. Jetzt reiste sie erstmals seit Jahren nach Europa – und stellte sich allen Fragen und Zweifeln.

Oh Eun-sun, umstrittene Königin der Achttausender und mittlerweile bekannteste Bergsteigerin der Welt. Die Südkoreanerin hatte ehrgeizig erklärt, sie wolle als erste Frau die vierzehn höchsten Berge der Erde erklimmen. Und machte sich damit zum Ziel von Geläster, Gelächter, Gespött.

Sie sei eine Unbekannte, die sich auf dem Niveau kommerziell geführter Bergreisen bewege. Keinesfalls vergleichbar mit der wahren, puristischen Profibergsteigerei. Ihr fehle der Anstand. Sie habe sich mit dem Helikopter in die Basislager fliegen lassen, um Zeit und Kraft zu sparen, künstlichen Sauerstoff gebraucht, Fixseile benutzt, Sherpas hätten ihr das Gepäck hochschleppen müssen. Nur so habe sie dieses Wettrennen gewinnen können.

Oh Eun-sun

10. Juli. 2009: Oh Eun-sun am Nanga Parbat.

Darüber wurde endlos berichtet, das Gefühl verbreitet, ein Achttausender sei mit den kritisierten Hilfsmitteln für jedermann erreichbar. Ging wieder ein Gipfelbild von ihr um die Welt, fragten die Medien: Ist das wirklich Oh Eun-sun unter diesem astronautenähnlichen Anzug? Mit ihr direkt sprach niemand. Trotzdem stellte man alles an ihr infrage.

Nun reiste Oh Eun-sun (44) ans International Mountain Summit in Brixen, seit Jahren ihr erster Besuch in Europa. Dort hatte ich Gelegenheit, sie zu treffen.

Oh Eun-sun

November 2010 im Südtirol. Oh Eun-sun: «1996 war ich in der Schweiz. Nachdem ich den Mont Blanc bestiegen hatte, reiste ich nach Zermatt und kletterte aufs Matterhorn.»

Frau Oh, in Ihrem Heimtland gelten Sie als Nationalheldin. Bei uns als Reizfigur im Alpinismus. Trifft Sie das?
Oh Eun-sun: Nein, ich habe mir ein Ziel gesetzt und es erreicht.

Warum wollten Sie unbedingt als erste Frau auf allen vierzehn Achttausendern stehen?
Das war zwar mein Plan, ich wusste jedoch nicht, ob er aufgeht. Zu viele Faktoren, wie etwa das Wetter, spielen eine Rolle. Aber ich habe es versucht, und es ist mir gelungen. Ich wäre auch zufrieden gewesen, wenn ich die zweite oder dritte Frau gewesen wäre.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen?
2007 bestieg ich den K2, meinen fünften Achttausender. Da merkte ich, dass ich fähig bin, auch die anderen neun Gipfel zu erreichen. Gerlinde Kaltenbrunner (Österreich) und Edurne Pasaban (Spanien) lieferten sich damals schon dieses Rennen. Sie brachten mich auf die Idee.

Die beiden werfen Ihnen einen kommerziellen Expeditionsstil vor.
Ich mag mich nicht rechtfertigen, stehe zu meinem Kletterstil, habe nie versucht, ihn anders darzustellen oder ihn zu beschönigen. Weder Gerlinde noch Edurne stieg je mit mir auf, ich nie mit ihnen. Darum habe nicht gesehen, wie sie unterwegs sind. Es liegt mir fern, ihren Stil zu kommentieren.

Ihnen war jedes Mittel recht, um schneller zu sein. Sie liessen sich sogar per Helikopter in die Basislager fliegen.
Das habe ich ein einziges Mal gemacht, am Dhaulagiri. Bei meinem letzten Gipfel, dem Annapurna, wurde ich von einem Fernsehteam begleitet, das die Unterstützung von Helikoptern in Anspruch nahm. Es wurden viele falsche Informationen über mich verbreitet.

Auch dass Sie Fixseile und künstlichen Sauerstoff genutzt haben?
Fixseile sind mittlerweile an jedem Achttausender angebracht. Und die Sauerstofflasche benötigte ich nur am K2 und am Mount Everest. Die anderen zwölf Gipfel erreichte ich ohne.

Weshalb am K2 und am Everest?
Beide bestieg ich, bevor ich mir vorgenommen hatte, alle Achttausender zu erreichen. Der Stil war mir zu dieser Zeit noch nicht wichtig. Damals konnte ich mir gar nicht vorstellen, diese beiden Gipfel ohne Sauerstoff zu erreichen. Ich dachte, sonst würde ich sterben.

Glauben Sie mittlerweile, Sie würden es schaffen?
Ja. Nächsten Frühling versuche ich den Everest nochmals ohne Sauerstoffflasche. Aber nicht um meine Gipfelerfolge zu verbessern, sondern um auf ein Hilfsprojekt aufmerksam zu machen.

Und den K2?
Ich habe grossen Respekt vor diesem Berg. Er war für mich der schwierigste von allen, technisch und mental.

Welcher war der einfachste?
Eine schwierige Frage. Vielleicht der Cho Oyu. Diesen Gipfel erreichte ich ohne Sherpas, war nur mit einer jüngeren Begleiterin unterwegs. Aber kein Achttausender ist einfach.

Die ersten fünf Gipfel über 8000 Meter erreichten Sie innert zehn Jahren. Dann gaben Sie Vollgas und bestiegen die anderen neun in weniger als zwei Jahren ohne Sauerstoffflasche, davon sieben innert 17 Monaten. Das ist Rekord.
Ich war selber überrascht, dass es so schnell geklappt hat!

Leidet da nicht die Gesundheit?
Vor und nach jedem Gipfel liess ich mich medizinisch untersuchen. Ich war immer kerngesund.

Oh Eun-sun

6. Mai 2009: Steht Oh Eun-sun wirklich auf dem Gipfel des Kangchendzönga?

Einer Ihrer Gipfelerfolge wird mittlerweile angefochten: der vom Kangchendzönga. Auf Ihrem Beweisfoto sei Fels zu sehen, auf dem Gipfel habe es jedoch nur Schnee.
Das Bild wurde tatsächlich fünf oder zehn Meter unter dem obersten Schneegipfel gemacht. Mein Sherpa sagte: Du bist jetzt ganz oben auf dem Berg, über uns liegt nur noch eine Schneedecke. Man kann sich streiten, wo genau der Gipfel ist, ob zuoberst auf dem Fels oder zuoberst auf dem Schnee.

Weshalb sind Sie die letzten Meter über den Schnee nicht hochgestiegen?
Es herrschten an diesem Tag lebensbedrohliche Bedingungen. Es ging ums Überleben.

Was, wenn dieser Gipfelerfolg in der Himalaja-Chronik nicht anerkannt wird?
Wenn andere sagen, ich sei nicht ganz oben gewesen, ist das deren Meinung. Ich bin davon überzeugt, dass die Besteigung als erfolgreich registriert wird.

Das glaubt auch Reinhold Messner, nachdem er das vorhandene Film- und Fotomaterial analysiert und mit den Sherpas gesprochen hat. Er ist der einzige respektierte Alpinist der Welt, der zu Ihnen hält, obschon er normalerweise genau Ihren Expeditionsstil verpönt.
Er weiss genau, was im Himalaja vor sich geht. Wir können alle viel von ihm lernen.

Sie haben nicht nur die Achttausender bestiegen, sondern auch alle Seven Summits, die höchsten Berge der Kontinente. Was wollen Sie noch erreichen?
Vorläufig plane ich kein grosses Bergprojekt. Ich habe abgeschlossen.

Sie waren viel unterwegs, haben keinen Lebenspartner. Zeit, Ihre private Situation zu verändern?

Ich bin glücklich, dass ich noch lebe. Und zufrieden mit allem, was ich habe.

Natascha Knecht

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