Expedition Windelberg: Extrembergsteiger Stephan Siegrist wird Vater

Stephan Siegrist

«Jetzt keinen Seich machen.» Extrembergsteiger Stephan Siegrist denkt bei der ersten Winterbesteigung des Torre Egger in Patagonien an seine schwangere Freundin Niki.

Die nächste Expedition von Stephan Siegrist heisst: Vaterschaft! Mitte Januar 2011 wird der Ringgenberger Profialpinist erstmals Steigeisen und Eispickel gegen Windeln und Schoppen tauschen und eineinhalb Monate nur für seine Freundin und das frisch geborene Bébé da sein.

«Ich freue mich eigentlich sehr», sagt er. Eigentlich? «Natürlich bin ich etwas unsicher. Ich mag Kinder. Aber ich weiss nicht, wie es wird, ein eigenes zu haben. Noch ist es nicht da, darum kommt mir alles etwas abstrakt vor.»

Bisher waren vor allem die rauen Berge seine Welt. Der 38-jährige Berner Oberländer hat zahlreiche Erstbegehungen und Erstbesteigungen auf mehreren Kontinenten unternommen. Vergangenen August glückte ihm im Alpinstil die erste Winterbesteigung des Torre Egger im patagonischen Grenzgebiet zwischen Argentinien und Chile – gemeinsam mit dem Urner Daniel Arnold (27) und dem Fotografen Thomas Senf (29). Drei Tage sind sie über anspruchsvolle Felspassagen und gefährliche Eispilze auf den Gipfel geklettert. Eine Rettung wäre in dieser Abgeschiedenheit nicht möglich gewesen.

Siegrist auf dem Torre Egger

Erleichterung! Stephan Siegrist und Daniel Arnold (r.) auf dem Gipfel des Torre Egger. Das Team hatte grosses Wetterglück und schaffte die erste Winterbegehung auf den 2685 Meter hohen Felsturm in drei Tagen im Alpinstil. «Am meisten Respekt hatten wir vor dem aggressiven Wind.» Die Temperatur sank in der Nacht auf minus 25 Grad. Sie biwakierten zwei Nächte in der Wand. «Ein Mal konnten wir das Zelt nicht aufschlagen, sassen nur da und zogen die Blache über unsere Köpfe.»

Wird er künftig auch als Vater solch riskante Expeditionen starten – oder die Extrembergsteigerei aufgeben? «Ich mache sicher weiter. Das ist meine Passion, mein Leben», sagt Siegrist. «Aber ich werde die objektiven Gefahren und das Risiko noch besser kalkulieren, keine kritischen Eisfälle mehr klettern, bei heiklen Lawinensituationen nicht mehr denken: ‹Ach, das geht schon›. Ich nehme meine Verantwortung als Vater wahr, will mich jedoch nicht bremsen. Meine Touren sollen weiterhin für alle interessant bleiben.»

Diesen Sommer am Torre Egger habe er oft an seine schwangere Freundin Niki gedacht und sich gesagt: «Jetzt keinen Seich machen!» Besonders beim Abseilen, wo die meisten Unfälle vorkommen, sei er auf Nummer sicher gegangen, habe ein paar Camelots (Klemmgeräte) im Fels stecken gelassen, «obwohl sie sehr teuer waren. Aber ich wollte nichts herausfordern.» Für nächstes Jahr plant er ein grosses Projekt in der Schweiz und eines im Himalaja.

Seltenes Familienglück für Top-Alpinisten

Nicht viele Profibergsteiger führen ein harmonisches Familienleben mit Kindern. Die meisten sind zu stark auf sich und ihre mutigen Abenteuer konzentriert, bleiben monatelang von zu Hause weg, erhalten für ihr maximales Risiko eine minimale finanzielle Entschädigung. Und werden sie vor die Wahl gestellt , entscheiden sie sich: lieber in eisiger Höhe im gefrorenen Schlafsack zu biwakieren als im warmen Daheim eine «normale» Beziehung zu führen.

«Der Alpinismus hat etwas Egoistisches», sagt Siegrist. «Da braucht es extrem viel Verständnis von einer Partnerin.» Er kenne zwar einige wenige Berufskollegen mit Kindern, bei denen das Familienglück funktioniere. Aber das Gegenteil ist öfter zu hören: Beziehungschaos und Trennungen.

Torre Egger

In den unberechenbar gefährlichen Eispilzen aus Raureif am Torre Egger in Patagonien. Die Berge und die Landschaft sind einzigartig, die Kletterschwierigkeiten ziehen seit Jahrzehnten internationale Top-Alpinisten an – magnetisch!

«Niki hat Verständnis und unterstützt mich»

Mit seiner Freundin Niki (34) habe er eine Frau gefunden, die ihn unterstütze, sagt Stephan Siegrist. Sie ist selber keine Bergsteigerin, aber eine begeisterte Sportklettererin. Ursprünglich stammt sie aus Kanada. Die beiden sind seit dreieinhalb Jahren ein Paar und haben sich das Kind gewünscht. Aufs Standesamt gingen sie noch nicht. «Wir werden uns diesbezüglich auch keinen Stress machen.»

Bisher verlief die Schwangerschaft komplikationsfrei. «Ich finde es spannend, zu beobachten, wie ihr Bauch zu einer richtigen ‹Beule› anwächst. Sie ist jetzt im siebten Monat.» Er habe schon Baby-Sachen eingekauft, etwa aus Patagonien ein Schafwoll-Jäckchen mitgebracht. Im neu eingerichteten Kinderzimmer steht eine Wiege – und ein Buggy, mit dem man joggen kann. «Freunde schenkten uns Bébé-Kleider.» Und auch seine Eltern, die im selben Haus leben, freuen sich «brutal» auf den Nachwuchs. «Vor allem meine Mutter.»

Natascha Knecht

Hinweis: Soeben erschien das Buch «Eiszeit: Expedition Antarktis» von Alexander und Thomas Huber sowie Co-Autor Stephan Siegrist. Da beschreiben sie, wie sie im ewigen Eis zu dritt unter widrigsten Bedingungen – bei Schneestürmen und minus 45 Grad – zwei kraftraubende Erstbegehungen schafften. (Verlag Frederking & Thaler)

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4 Kommentare zu «Expedition Windelberg: Extrembergsteiger Stephan Siegrist wird Vater»

  • Andreas sagt:

    Wunderschöne Fotos habt ihr da gemacht. Wirklich toll!

  • Christian Marogg sagt:

    Ääääh, tschuldigung. Freundin natürlich, nicht Frau ;-)

  • Christian Marogg sagt:

    Da wünsche ich doch Stephan und seiner Frau alles Gute! War an seiner letzten Multivisionsshow „Where eart meet sky“. Sympathischer Typ und eine gute Einstellung.

  • Joachim Adamek sagt:

    … Vieles geht in der Geschäftigkeit des Alltags unter und manche Dinge verlieren dabei ganz ihren Glanz. Da tut es gut zu lesen, wie ein Stephan Siegrist über das Bergsteigen denkt und beiläufig erzählt, wie er sich privat auf eine neue Rolle vorbereitet. Das weckt die Lust, neue Pläne zu schmieden. °°

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