«Geht’s doch vernünftig auf den Berg!»

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Die Profis sind nicht das Problem, die fahren auf abgesperrten Strecken: Nino Schurter an den Olympischen Spielen 2012 in London. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Gibt es ein Thema, zu dem die lebende Bergsteiger-Legende Reinhold Messner keine Meinung hat? Aber wissen Sie, was der Südtiroler von Mountainbikern hält? Im Gespräch mit Thomas Werz, Chefredaktor der Zeitschrift «Bike Sport», sowie dem Supertrail-Map-Kommunikationsverantwortlichen Stefan Becker nimmt er Stellung. Auszugsweise hier im Bikeblog – das ganze Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe der «Bike Sport» nachzulesen.

Immer mehr Mountainbiker wollen immer weiter in die Höhe, härter und länger radeln.
Reinhold Messner: Ich finde Mountainbiker in Ordnung, wenn sie dort fahren, wo sie fahren können. Wenn sie dann ihr Radl tagelang nur durch die Gegend schleppen, tun sie mir leid …

Es gibt derzeit verschiedene Trends, beispielsweise Bikebergsteigen …
Geht’s doch vernünftig auf den Berg! Das heisst: je nachdem, was ihr könnt. Ich sehe junge Burschen, die fahren auf ihren Bikes steile Pisten runter. Wirklich grandios. Ich könnte dort nur noch mit Mühe gehen – warum sollten sie das nicht tun dürfen? Ich war gerade erst gestern auf dem Kronplatz. Dass da nicht alle paar Tage einer schwer stürzt, ist ein Wunder. Aber, die fliegen zehn Meter durch die Luft und kommen auf, und es passiert nichts. Das ist gekonnt, grosse Kunst. Und es ist ein Hype, dazu ein Kick. Das soll ihnen nicht verboten werden. Aber mit Alpinismus hat das nichts zu tun. Jedem sein Habitat, im steilen Fels haben Biker nichts verloren.

Viele suchen immer das nächst Extremere, um sich zu steigern.
Man lernts besser, das ist sicher. Es braucht ausgewiesene Bike-Strecken, Entwirrung, Kletterer, Wanderer, Biker. Ich würde mir wünschen, dass mit den Jahren eine politische Diskussion beginnt. In den Alpen gibt es unendlich viele Wald- und Holzwege, die nicht genutzt sind. Weder von Wanderern noch von Bikern. Sollte man diese zugänglich machen, muss das Biken rechtlich geregelt sein. Sodass der Bauer, der den Wald besitzt, keine Verantwortung trägt, wenn da jemand aus dem Weg rausschiesst und auf einen Baum knallt. Das ist ein Problem. Es würde mich freuen, wenn klare Verhältnisse geschaffen würden. Wanderer und Biker stören einander. Deswegen bin ich der Meinung, die Radfahrer müssen selbst darum kämpfen, dass sie Wege nutzen dürfen, die bisher nicht genutzt wurden!

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Eine feste Grösse in der Bergwelt: Reinhold Messner. Foto: Keystone

Es gibt viele Wanderwege, die ein optimales Mountainbike-Terrain abgeben.
Das ist die Frage, die die lokale Politik betrifft. Ich bin nicht in der Politik und ich muss das nicht regeln. Wenn ich das mitbestimmen könnte, hier in Südtirol, dann würde ich sagen – das Gesetz schreibe ich in einer Nacht – «Wanderwege, die eindeutig als Wanderwege entstanden sind und sich fürs Mountainbiken nicht eignen, sind und bleiben Wanderwege». Für Biker müssen sie ja nicht gleich verboten sein, aber ich würde sie als «nicht zu empfehlen» einstufen. Bis Bike-Strecken dort ausgewiesen sind.

Aber wer entscheidet, was sich für das Mountainbiken eignet und was nicht?
Ein Wanderweg ist ein Wanderweg, und wenn der Biker die Wanderer stört, haben Letztere den Vortritt. Es geht in beiden Fällen um den Tourismus. Eine Gegend, die Mountainbiker haben will, wird sich bemühen, Mountainbike-Wege in allen Schwierigkeiten zu schaffen. Clevere Touristiker sagen vielleicht: «Den alten Steig da brauchen wir nicht mehr, den gehen die Wanderer nicht. Den sollen sich die Biker nehmen, und er wird auch offiziell als ein Bikerweg ausgewiesen.» Er könnte auch in der höheren oder höchsten Schwierigkeit sein.

Das heisst, man appelliert an die Eigenverantwortung?
«Das Können ist des Dürfens Mass!» Dieser Satz ist nicht von mir, es ist ein Satz von Paul Preuss.

Ergo: Wenn es ein Biker kann, dann darf er auch über Wanderwege fahren…?
(lacht) Ich finde das gut, wie ihr diskutiert. Aber ihr seht, es ist ein Politikum. Ihr müsst euch ausserhalb der alpinen Vereine drum kümmern. Ihr Biker müsst das selbständig machen. Ihr müsst alles selber mit den Liftministern ausmachen.

In Baden-Württemberg haben 58’000 Mountainbiker eine Petition für den freien Zugang zur Natur unterschrieben. Dort geht es nicht um Haftungsfragen, sondern nur ums Prinzip.
Ich weiss, die Albvereine sind stark. Ich sage seit langem, ich würde auch auf die Mountainbiker als Gäste setzen. Man muss ihnen ein Spielfeld geben, wo sie sich ihre Freude, ihren Kick holen können. Was auch immer sie wollen. Ihre Motivation ist legitim. Ich bin keiner, der sagt: Diese Art der Motivation ist gut und eine andere ist schlecht. Die einen wollen den Kick, die anderen sich auspowern. Wenn ich in einem Tal Touristiker wäre, dann würde ich mich bemühen und sagen: «Was machen wir konkret für die Biker?» Ich würde ihnen die Waldwege geben. Da hats ja fantastische Möglichkeiten für hinauf und hinab.

Über Stock und Stein – und Wanderwege – mit dem Mountainbike von Oberstdorf nach Riva:

(Quelle: Youtube)

Teilen Sie Reinhold Messners Meinung zum Thema Mountainbiking? Erachten Sie seine Lösungsvorschläge zur Vermeidung von Nutzerkonflikten als praktikabel?

9 Kommentare zu ««Geht’s doch vernünftig auf den Berg!»»

  • Rainer sagt:

    Die ganze Geschichte mit dem Streit zwischen Wanderer und Mountainbikern im Wald wäre doch gar nicht nötig. Wenn beide Seiten Rücksichtsvoll und ohne Vorurteile miteinander umgehen würden wäre doch alles kein Problem. Ich fahre auch gerne schnelle Abfahrten mit dem MTB, wo es möglich ist und ich keine Wanderer störe. Vielleicht liegt es auch an meinem freundlichen Auftreten dass ich fast nie negative Kommentare von Wanderer höre, im Gegenteil auf ein freundliches „Grüß Gott“ werde ich fast immer ebenso gegrüßt. Leider gibt es halt bei den Mountainbikern schwarze Schafe die dann eine ganze Sportart einen schlechten Ruf verpassen.

  • Roland sagt:

    Biker verhalten sich meistens rücksichtsvoll. Natürlich gibt es Grenzen des sinnvollen, aber das muss jeder selbst erfahren und entscheiden.
    Das Wild lebt in der Natur und ist der gesamten Zivilisation ausgesetzt. Es lebt in grosser Anzahl in unseren Wäldern, die Bestände sind gesund.

    Als grösstes Problem erlebe ich die motzenden Wanderer die nicht merken, dass sie auch nur Teil der erholungssuchenden sind und sich als einzige Steuerzahler brüsten.

    Gegenseitiger Respekt sollte ausreichen, mehr Regeln sind nicht nötig. Aber Biker sollten sich untereinander besser organisieren.

    • bea sagt:

      Ja, gegenseitiger Respekt sollte ausreichen. Dies höre ich auch von den meisten meiner Mitbiker. Allerdings erwidern die wenigsten Wanderer den Respekt und motzen, obwohl ich anhalte und die Fussgänger vorbei lasse.

  • Ivo Steinmann sagt:

    Ich glaube der Kanton Graubünden macht es am besten. Viele Wege und trotzdem kein Zwang oder Verbot.

  • Berggeist sagt:

    Na prima! Rücksichtslos durch die abgelegene Bergwelt wuchten und dabei ausser Acht lassen, dass die dort lebenden Wildtiere durch solche Sportskanonen massiv gestört werden. Rücksichtnahme ist für Einige offenbar ein Fremdwort. Hauptsache, man kann sein eigenes Ego – „hoppla jetzt komm ich“- austoben lassen. Noch vierschrötiger gehts wohl nicht?

    • Annalena sagt:

      Sie sagen es! Danke

    • Placebo Domingo sagt:

      Lieber Bergeist
      ob ich nun als Wanderer oder Biker mich durch die Berge wuchte, macht doch beim Stören der lebenden Wildtiere keinen Unterschied. Regen Sie sich lieber über die wahnsinnig sinnvollen Erschliessungen durch neue Bergbahnen (letztes Beispiel Lenzerheide-Arosa) auf.

      • Berggeist sagt:

        Lieber Placebo
        ein „kleiner“ Unterschied besteht: Biker fahren i.d. R. mit grossem Tempo und sind für die Tiere deshalb gefährlich, weil sie aufgrund ihrer Fahrtgeschwindigkeit PLÖTZLICH auftauchen,- deshalb auch die Tiere panisch (und kopflos) flüchten. Dabei kann es bei Tieren zu Abstürzen oder Verletzungen kommen. Per pedes – Wanderer sind für Tiere schon von weitem gut zu orten (Geruch-,Geräusch- und Akustikmässig) und den Tieren bleibt genügend Zeit und Abstand, um zu fliehen.

        • Daniel Heierli sagt:

          @Berggeist
          In der Realität sieht es etwas anders aus. Auf schwierigeren Strecken (schmalere Wanderwege) sind Biker nicht dermassen rasch unterwegs, ausserdem mit mehr Geräuschen als Wanderer. Wildtiere kommen da problemlos weg. Auf eigentlichen Forststrassen kann man mit einem Bike natürlich schneller fahren. Aber wiederum: keineswegs lautlos!
          Ich frage mich manchmal, woher diese Schauermärchen von wegen Wild zu Tode erschrecken kommen. Beim Lauftraining sehe ich immer wieder Rehe. Die hoppeln dann gemütlich zur Seite. Manche schauen mir aus einer Distanz von wenigen Metern beim Vorbeirennen zu. Die Tiere wissen, dass Läufer, Spaziergänger und Mountainbiker ihnen nichts zu leide tun wollen.
          Möglicherweise kommen die Schauermärchen von den Jägern, die sich ja so gerne als die grossen Experten und Wildschützer sehen. Kann gut sein, dass Wildtiere Jäger besser kennen, als es diese für möglich halten würden. Kein Wunder, wenn sie dann flüchten!
          P.S. Selbstverständlich müssen Biker auf Wanderwegen kontrolliert und rücksichtsvoll fahren, das steht fest.

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