Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

barfuss

Statt auf wissenschaftliche Studien sollte man sich bei Barfuss-Schuhen lieber auf das eigene Gefühl verlassen. (Bild: Mark Gamba/Vibram Fivefingers)

Vor einigen Jahren noch waren die Regale der Sportgeschäfte voll mit Laufschuhen, die sich immer wieder an Dämpfungsmaterial übertrafen – die einen hatten Gel, andere wiederum Luft in den Sohlen. Die Hersteller untermauerten ihre Verkaufsargumente mit Aussagen von Vorzeigeärzten, die für dick besohlte Treter eine Lanze brachen.

Dann kam die grosse Wende – andere Ärzte proklamierten plötzlich, dass die stark dämpfenden Laufschuhe unsere Muskulatur verkümmern liessen. Weniger war plötzlich mehr. Die Sohlen wurden zusehends dünner – es kam die Stunde der Minimalisten. Sei es am Kyburglauf oder im New Yorker Central Park – in allen Ländern fand dieser Trend seine Anhänger. Im Sortiment der verschiedensten Hersteller haben die sogenannten Natural-Running-Schuhe ihren festen Platz erhalten. Nun droht wegen einer juristischen Querele in den Vereinigten Staaten die Barfuss-Schuhblase zu platzen. Es fehlt offenbar der wissenschaftliche Beweis, dass diese Schuhe tatsächlich die Fuss- und Wadenmuskeln stärken und das Verletzungsrisiko schmälern. Der Hersteller der Minimalschuhe kann also sein Versprechen nicht wissenschaftlich belegen und darf es künftig nicht mehr als Verkaufsargument nutzen.

Braucht es diesen Beweis aber wirklich? In meinem Regal stehen zwar keine Five Fingers von Vibram. Ich besitze dennoch drei Schuhpaare, die durch dünne und sehr flexible Sohlen das Barfusslaufen mehr oder weniger simulieren. Mit den einen bestreite ich den Arbeitsalltag. Andere wiederum trage ich für kurze Laufeinheiten. Ich bin keine Wissenschaftlerin und mit meinen Erfahrungen weit entfernt von einer repräsentativen Studie – ich bin aber eine Läuferin. Und das muss reichen.

Für mich als gelegentliche Nutzerin dieser Minimalistenschuhe und regelmässige Läuferin steht fest: Meine Fuss- und Wadenmuskeln arbeiten in diesen Tretern merklich mehr als in herkömmlich gedämpften Schuhen – das kriege ich entweder am Feierabend oder nach dem Training deutlich zu spüren. Natürlich kann ich den Muskelzuwachs in Millimetern nicht beziffern, denn gemessen habe ich den Umfang meiner Beine nie. Ebenso wenig bin ich in der Lage aufzuzählen, welchen Verletzungen ich dadurch aus dem Weg gegangen bin. Ich kann also genauso wenig wie derzeit Vibram oder irgendein anderer Hersteller den wissenschaftlichen Beweis erbringen, dass diese Schuhe meine Füsse stärken und vor Verletzungen schützen.

Schlimmer als den fehlenden wissenschaftlichen Beleg finde ich ohnehin, dass diese Schuhe in Läden angeboten werden, deren Verkäufer keine kompetente Beratung dazu bieten können. «Tragen Sie diese Schuhe – und Sie tun Ihren Füssen Gutes», heisst es in den Marketingkampagnen. Das ist gefährlich! Denn wer schon einmal in diesen Tretern unterwegs war, spürt ihre Wirkung. Ohne Medizinerin zu sein, weiss ich: Sie sind gewöhnungsbedürftig – nicht nur optisch. Faule Füsse können darin leiden, ihre Überlastung kann zu ernsthaften Verletzungen führen.

Sicher, eine wissenschaftliche Studie zu diesem Thema wäre interessant. Aber ist in dieser Frage nicht vielmehr gesunder Menschenverstand gefragt?

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