Gut Ding will Seile haben

Ein Beweisbild, das hunderttausendfach um die Welt geht: Suzanne E. Maier mit Sauerstoff auf dem Üetliberg-Gipfel, Fotografiert von Thomas M. Hürzeler. 12. September 2003, 14.24 Uhr.

Sieben Tage Extrem-Expedition ab Basislager Dietlikon: Suzanne E. Maier erreicht mit Sauerstoff den Uetliberg-Gipfel, Fotografiert von Thomas M. Hürzeler. 12. September 2003, 14.24 Uhr.

Liebe Leserin, lieber Leser

Dies ist vorläufig mein letztes Posting im Outdoorblog. Ich wage eine Expedition in ein Gefilde, vor dem ich grossen Respekt habe, verbunden mit der Angst, dass ich auf dem Weg zum Gipfel scheitern könnte, wenn ich meine ganze Energie und Konzentration nicht ausschliesslich auf dieses Projekt fokussiere. Ich schreibe ein Buch. Ein Bergsteigerbuch. Es wird 2014 im Limmat-Verlag erscheinen. Zurück bin ich im nächsten März. Bis dahin vertreten mich ausgewählte Gastblogger.

Bevor ich mich in die Einsamkeit verziehe, möchte ich noch etwas loswerden: Es geht um die Erstbesteigung des Uetlibergs mit Sauerstoff von Suzanne E. Maier und Thomas M. Hürzeler im September 2003. Über dieses Jahrhundert-Abenteuer berichtete ich vor einem Monat (falls verpasst: hier nachlesen). Zur alpinistischen Horizonterweiterung und zum Training der Lachmuskeln empfahl ich, den Expeditionsbericht in ganzer Länge zu bestellen. In der Folge gingen bei Thomas Hürzeler Hunderte von E-Mails ein. So viele, dass er zeitweilig befürchtete, sein Mac explodiere. Doch das Beste: Sein satirisches Büchlein wird nicht nur begehrt wie ein heisses Weggli in einer SAC-Hütte, sondern auch auf herrlich kreative und fantasievolle Art bestellt – und das ausschliesslich aus dem Kreis unserer virtuellen Outdoorblog-Familie! Beispiele:

«Gerne würde ich ein Exemplar des ‹Bericht von der Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff› bestellen, um vielleicht eines fernen Tages, sofern es meine Kondition erlaubt, es Ihnen gleichzutun und das Abenteuer der Besteigung des Uetlibergs in Angriff zu nehmen. Allerdings wäre auch eine mögliche Erstbesteigung des Gurten bei Bern in Betracht zu ziehen.»

«Zuerst einfach WOW. Chapeau zu dieser grossartigen alpinistischen Leistung. Unmenschliche Strapazen, Entbehrungen und Kosten für einen kurzen Endorphinausstoss. Meine grosse Bewunderung Ihnen und Suzanne Maier. Auf die Gefahr hin, dass ich angefixt werde und mir selber eine noch nicht begangene Route (z.B. das Fällandertobel über den schwierigen Einstieg Dorfbach) suche: Ich muss das Ding haben. Bitte neutral verpacken, ich möchte nicht, dass meine Frau davon erfährt. Sie macht sich sonst grosse Sorgen um meine geistige Gesundheit.»

«Mit senkrecht dem Uetliberg hinaufgerichteten Haaren habe ich den Schreckensbericht auf dem Tagi-Blog gelesen. Gott sei Dank haben alle Teilnehmer dieser Wahnsinnsexpedition überlebt und blieben offensichtlich von nachhaltigen Schäden wie Erfrierungen oder einem psychischen Kollaps verschont! Ansonsten wäre es Extremsportlern wie mir (ich fahre jeden Tag zweimal mit dem 4er-Tram vom Basislager am HB hoch hinauf zum Höhenlager Kunsthaus!) nicht möglich, den Erlebnisbericht zu bestellen. Bei einem Preis von je 5.– würde ich dies gleich dreifach tun.»

«Erst jetzt habe ich via digitaler Zeitung von Ihrer damaligen Besteigung des Zürcher Hauptgipfels mit Sauerstoff gelesen. Chapeau und Gratulation nachträglich! Damals habe ich als einfacher Sherpa am Fusse des Berges im kleinen Arbeiterdorf Altstetten gelebt. Gut akklimatisiert wäre es mir vielleicht möglich gewesen, meine erste und einzige Skitour auf den Gipfel auch mit Sauerstoff zu bewältigen. Doch leider fehlte mir nicht nur das Geld für die teure Ausrüstung, sondern auch der Mut (und die Idee) zu einer solchen Pioniertat, wie sie Ihnen und Frau Maier gelungen ist. Es wurde in der digitalen Zeitung ein Punkt nicht erwähnt, der mir aber sehr am Herzen liegt: Nicht nur haben Sie Alpingeschichte geschrieben, nein, Sie haben auch die erste wirklich umweltverträgliche Form des Spitzenalpinismus begründet. Mögen Sie viele Nachahmer finden.»

«Kann mich nicht daran erinnern, im Tagesanzeiger schon jemals so einen historisch bedeutsamen + literarisch wertvollen + extrem erheiternden Artikel gelesen zu haben. Also bitte her mit der ganzen Story – gaaaaaanz dringend.»

«Es ist unglaublich, aber auch in der heutigen Zeit gibt es noch wahre Meister der Berge, die vor keiner Herausforderung zurückschrecken. Damit wir Österreicher von den grossen Schweizer Alpinisten noch lernen können und uns auf die nächste Expedition bestens vorbereiten können, wäre es super, wenn Ihr mir ein Exemplar Eurer Expeditionstour schicken könntet. Ich weiss, Ihr müsst befürchten, dass wir Euren Bericht detailliert analysieren und vielleicht demnächst die erste ausländische Expedition auf den Uetliberg vornehmen, und vielleicht unterbieten wir noch Eure Zeit und orientieren uns an Ueli Steck und schaffen es dann in 2, 3 oder 4 Tagen. Also, zieht Euch warm an.»

«Ich habe im Outdoorblog des Tagesanzeigers voller Ehrfurcht von Ihrer Leistung gelesen. Ich selber habe auch die Neigung zu Extremtouren. So habe ich in umfassenden Weltreisen schon alle 4 (sic!) Himmelsrichtungen erforscht. Nämlich 2010 nach München, 2011 nach Lausanne, 2012 nach Locarno und dieses Jahr nach Karlsruhe. Die Extremlagen des Uetlibergs gehören dafür regelmässig zu meinem Überlebenstraining, welches ich jeweils vor meiner Abreise absolviere. Selbstredend nur ohne Sauerstoffmaske – ich hoffe, Sie können mir diese Nachlässigkeit verzeihen, aber bei mir steht ja eher das Überleben in freier Wildbahn im Vordergrund (wo finde ich zeitig die nächste Kneipe mit Mittagsmenü und für die Nacht ein Bett mit Frühstück). Lange Rede, kurzer Sinn: Zur Inspiration für zukünftige Projekte an der Leistungsgrenze möchte ich sehr gerne bei Ihnen den Bericht bestellen.»

«Ihre todesmutige Uetliberg-Expedition hat mich in Erwartung eigener hochalpiner Wagnisse bereits dazu inspiriert, meine Regenpelerine neu zu imprägnieren.»

Wenige Tage später hat Thomas Hürzeler die Bestellerinnen und Besteller informiert:

Liebe Extremalpinistinnen und Kampfsportkletterer

Kaum zurück von unserer 10-Jahres-Jubiläumstour,
einem Gleitschirmflug am Uetliberg OHNE Sitzheizung,
wurden wir von Bestellungen des Berichts unserer epochalen
Uetliberg-Erstbesteigung überrannt. Die Emaillierungen gingen
und gehen über uns nieder wie die Eis-Lawinen und die
leeren Bierdosen über die weisse Spinne in der Eigerwand.

Unverzüglich haben wir den Nachdruck des Werks in
Angriff genommen. Unser Hauptsponsor wird wegen
der grossen Auflage die Broschüre im Offsetdruck
erstellen, was einige Tage Geduld erfordert,
aber auch Qualität mit sich bringt.

Es ist eben wie beim Klettern:
«Gut Ding will Seile haben.»

Es sind viele Fragen zur Modalität der Bezahlung
(5 Dukaten pro Ex.) gestellt worden. Keine Bange:
Wir werden mit der Zusendung die analogen und
digitalen Zahlwege angeben.

Wir danken für die vielen Bestellungen, für die lustigen
Kommentare und vor allem für die Geduld.
Bis spätestens Ende dieses Monats werden alle
Bestellungen versandt sein. Versprochen.

Herzliche Grüsse aus der Todeszone

Suzanne E. Maier
Thomas M. Hürzeler
thomas@huerzeler.ch

This e-mail is not confidential at all
and best viewed im Dülfersitz dev. 2.2 or above

Inzwischen ist die zweite Auflage «Bericht von der Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» gedruckt und verschickt. Die Feedbacks sind ebenso kreativ wie die Bestellungen:

«Soeben ist Ihr Machwerk ‹Die unalpinistischste Erklimmung eines Nicht-Berges› oder so (ich bin Walliser, also bitte, alles unter 3999 Meter über Normalniveau ist für uns niveaulos und weder der Rede noch der Besteigung wert) bei uns im Büro eingetroffen. Dies hat einen Tumult ausgelöst und zwar dahingehend, dass nun schon seit mehreren Stunden teure Mitarbeitende mit dämlichem Grinsen, zwischengestreuten, lauten und unpassenden Lachern sich unproduktiv um ein Pult scharen. Nicht mal Stromberg könnte diesen gordischen Knoten, der sich um diese ‹Publikation› gebildet hat, lösen.

Nun hatte ich aber eine glänzende Idee: Die Weihnachtstage stehen vor der Türe (schauen Sie jetzt bitte nicht vor die Türe, sie stehen natürlich nicht wirklich da – aber man sagt das halt so); in der Regel verbringe ich diese Tage gerne in Gesellschaft von Bruce Willis und Gin Tonic. Meine fortschreitende Sozialisation und erzwungene Einbettung in fremde Familienstrukturen hat es aber mitgebracht, dass zu solchen Zeiten (immer dann, wenn mehr als 2 arbeitsfreie Tage aneinander fallen und die Menschen sich nach anderer Menschen Gesellschaft sehnen …) vermehrt mehr oder weniger Verkannte und Bekannte bei mir Zuhause rumhängen und mit mir reden wollen; das Auflegen Ihres Heftes könnte diese Personen nun aber derart ablenken, das ich einerseits meinen gewohnten Gewohnheiten nachgehen könnte, es aber andererseits nicht auffällt, dass ich dies tue.

Sollte also von Ihrem Magazin noch das eine oder andere Exemplar zu haben sein (ich denke an etwa 10 Heftchen), würde ich diese grossflächig verteilen und verschenken und damit vielen Menschen (auch mir) in dunklen Zeiten wie diesen eine grosse Freude bereiten.

Besten Dank, und ich hoffe, Sie unterlassen es fortan, solche Magazine zu veröffentlichen, ansonsten unsere Produktivität einen nicht mehr zu tragenden Tiefpunkt erreichen wird; wofür wir Sie, wie Sie verstehen werden, mit aller juristischen Härte, die uns zur Verfügung steht, belangen müssten.»

Oder ein handgeschriebener Brief mit Absender: Extremalpinistin aus Basel → täglicher Aufstieg in den 6. Stock – MIT Lift!!

«Ihr seid grosses Kino! Wenn ich mich getrauen würde, würde ich eine analoge Expedition hier in Basel (Spalenberg) versuchen. Leider denke ich, die Überlebenschancen wären zu gering, schliesslich hat es an dieser Strasse nur ganz zuunterst und ganz zuoberst eine Bäckerei, bei der man sich mit den dringend benötigten Kalorien eindecken könnte. So überlasse ich solche Abenteuer doch lieber waghalsigeren Extremalpinisten wie euch!!! Liebe Grüsse & merci 1000x für euer Superheft.»

Extrenalpinistin

Machen Sie mit!

Um den Rahmen eines Blogs nicht zu sprengen, kann ich hier nur eine kleine Auswahl der Briefe und E-Mails veröffentlichen, die Extremalpinist Thomas Hürzeler erhalten hat. Die Selektion fiel äusserst schwierig, da so viele einzigartig-lustige Feedbacks formuliert wurden. Falls Sie sich inspiriert fühlen: Wir lancieren heute einen alpinistischen Schreibwettbewerb – in Bezug auf den «Bericht von der Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff». Es geht nicht um höher, weiter, schneller, sondern um amüsant, kreativ, fantasievoll.

An: thomas@huerzeler.ch

1. Dem Wettbewerbgewinner werden Suzanne Maier und Thomas Hürzeler ihre Uetlibergroute mit Sauerstoff zur ersten Rotpunktbegehung freigeben, das heisst sturzfrei im Vorstieg in einem Zug, und ohne die Sicherungskette zu belasten. Unter Kletterern bekanntlich eine ganz grosse Geste, weil dieser Begehungsstil noch mehr Ruhm und Ehre einbringt.

2. Die Verfasserinnen und Verfasser der zwanzig witzigsten E-Mails/Briefe werden zu einer neuen Extrem-Expedition eingeladen: der ersten Sommerbesteigung des Uetlibergs mit Schneeschuhen – Ende Juli 2014. Voraussichtlich organisiert von Kobler & Partner.

3. Alle Einsendungen (auch die vielen bereits eingegangenen) werden von Thomas Hürzelers klimaneutralem Hauptsponsor in einem neuen Büchlein gedruckt und verewigt.

Hinweis: Der «Bericht von der Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» kann nach wie vor bestellt werden. Direkt bei: thomas@huerzeler.ch Kosten inklusive Versand: 5 Franken. Bitte Postadresse angeben.

Mehr Infos zur epochalen Expedition: «Die kurioseste Besteigung aller Zeiten»

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14 Kommentare zu «Gut Ding will Seile haben»

  • Hello. excellent job. I did not expect this. This is a impressive story. Thanks!

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich schreibe auch ein Buch: „Das Mountain-Bike im modernen Alpinismus – Wie der normale Bergsteiger ersetzt wird.“

  • Roland K. Moser sagt:

    Guten Tag Frau Knecht

    Sind Sie sicher, dass Sie ein Buch schreiben und nicht Ihren defekten Fuss endlich ausheilen?

  • hallo mitenand

    danke für den super beitrag.
    ich habe mich selten so amüsiert wie bei diesem beitrag.

    weiter so.

    gruss von
    raphael wellig

  • Florian sagt:

    Liebe Natascha
    Danke für die super Blogs die Du uns die letzten Jahre geschenkt hast, ich habe immer gespannt auf den Nächsten gewartet!. Du erwähnst nicht wohin es geht aber ich denke Du wirst Höhenluft schnuppern! Ich wünsche Dir von Herzen viel Erfolg und komm gesund zurück!
    Wir (ich auf alle Fälle :) werde deine Blogs vermissen!
    Liebe Grüsse
    Florian

    • Natascha Knecht sagt:

      Lieber Florian
      Herzlichen Dank für Dein Feedback. Das freut! Bei mir geht es tatsächlich in die Höhe, allerdings rund 150 Jahre retour. Eine Biografie aus der alpinistischen Historie, die mich sehr fasziniert und viele witzige, aber auch überraschende Komponenten beinhaltet. Hoffentlich wird Dir – und anderen – das Buch gefallen. Ich wüsche Dir einen erlebnisreichen Herbst und Winter!
      Lieber Gruss, Natascha

  • Johanna sagt:

    Liebe Natascha,

    solltest du auf deinem Gipfelgang einmal eine Verschnaufpause benötigen: München ist eine Reise wert :-) Alles Gute für dein Buch! Und: ich bin ja gar nicht neugierig, worum es in dem Buch geht :-) Freue mich auf März und dein Comeback hier im Blog.

  • Maria Schüpbach sagt:

    Danke für den Input! Wenn das keine Herausforderung an alle Extremsportler mit der Lizenz zum Schreiben über den höheren Blödsinn ist… Ich muss mich gleich an mein Lebenswerk mit dem bereits feststehenden Titel „Die Überquerung des Alpenrheins zwischen Widnau und Diepoldsau über 2 Rheindämme und 25m wilde Wasser, ohne GPS und Daunenschlafsack – Notizen aus meinem Biwakzelt“ machen. Ich bin zuversichtlich, dass der Text meines Abenteuers mindestens so lang sein wird wie der Titel.

    • Kurt sagt:

      Pfff, ohne GPS und Daunenschlafsack. Sie müssen gar nicht erst mit Schreiben beginnen, ich schaff nämlich die gleiche Strecke MIT GPS und Daunenschlafsack. Da staunen Sie, was?

  • Joachim Adamek sagt:

    Ich habe leider neulich die Nacht unplanmässig auf einem Gletscher verbringen müssen, weshalb ich in den Fingerspitzen noch immer kein rechtes Schreibgefühl habe. Nichtsdestotrotz wünsche Frau Knecht für Ihr Projekt den richtigen „flow“: Ruhe, Muse
    und jede Menge Ideen. Und gespannt bin ich freilich auf die Beiträge der Gastblogger.

    • Natascha Knecht sagt:

      Lieber Herr Adamek

      Eine Nacht unplanmässig auf dem Gletscher und taube Fingerspitzen – das klingt gar nicht schön. Ich wünsche Ihnen gute Besserung, tragen Sie sich Sorge!

      Lieber Gruss, Natascha Knecht

  • Robert Herz sagt:

    Das ist jetzt aber ein Bizzeli unverhältnismässig, dass Sie selbst grad ein halbes Jahr frei nehmen um diesen Wettbewerb für sich selbst zu gewinnen!

  • Airliner46 sagt:

    Danke für den Beitrag. Habe mich selten so amüsiert beim Lesen des Tagi online.

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