Verletzungen, Kreislaufprobleme und ein Herzinfarkt: Arztdienst am Zürich Marathon

Heute schreibt unser Running-Doc *Dr. med. Martin Narozny-Willi:

Laeuferinnen und Laeufer beim Zuerich Marathon am Sonntag, 7. April 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Wie sieht ein Laufanlass aus Sicht des medizinischen Dienstes aus? Im Bild: Läuferinnen und Läufer am Zürich Marathon, 7. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

7. April 2013, heute startet der Zürich Marathon. Es ist 4.30 Uhr morgens, ich bin verantwortlich für die Organisation der medizinischen Dienstes während des Laufs und fahre durch die Stadt zum Treffpunkt mit dem Rettungsdienst, um die letzten Vorbereitungen für das Sanitätsdipositiv des Marathons zu treffen. Es ist noch eisig kalt bei 1°C. Eigentlich erwarte ich eine menschenleere Stadt. Doch Scharen von partysuchenden Jugendlichen begegnen mir. Sind wohl nicht diejenigen, die wir am Marathon betreuen werden.

Erste OK-Sitzung
Die Vorbereitungen für den medizinischen Dienst begannen bereits sechs Monate vor dem eigentlichen Start an der ersten Sitzung des Organisationskomitees. Für 2013 konnte ein Sponsor gefunden werden, der nicht nur wie bisher die Kosten für das Sanitätspersonal, sondern auch neu die ganzen medizinischen Behandlungskosten übernimmt, was einen Mehraufwand von 50 Prozent bedeutet.

Das Konzept des letzten Jahres wird einer kritischen Prüfung unterworfen und Anpassungen vorgenommen. Ein Sanitätsposten bei jedem Verpflegungsposten und eine grosse Basis im Start-/Zielbereich haben sich in den letzten Jahren bewährt. Somit kann die Infrastruktur gemeinsam genutzt werden. Allerdings zeigt sich hier bereits ein erstes Problem: Im Zielbereich wird am 7. April eine grosse Baustelle sein. Niemand kennt aktuell die genaue Position. Somit steht noch in den Sternen, wo und wie die Sanitätsbasis erstellt werden kann. Ein Standort seeseitig von der Start-/Zielgeraden kommt nicht in Frage, da im Notfall eine rasche Wegfahrt mit der Ambulanz durch die Läuferschar zu hohe Risiken birgt. Die Lösung dieses Problems muss verschoben werden, bis der genaue Baustellenplan bekannt sein wird. Wir diskutieren bereits einen Plan B.

Detailplanung
In den Sitzungen 8 und 4 Wochen vor dem Marathon geht es um die letzten Planungen.
Der Bedarf an Sanitätspersonal und Fahrzeugen wird berechnet. Der Kontakt zur Seerettung muss hergestellt werden. Diese bringt Läufer, die unterwegs aus medizinischen Gründen aufgeben müssen, zur Sanität ins Ziel. Zu- und Abfahrtswege für die Sanität müssen definiert und sichergestellt werden. Die umliegenden Spitäler werden über  den Marathon informiert und vieles weitere mehr.  Der Zeltbauer muss wissen, wie viele Zelte er für uns im Zielbereich aufstellen soll.

Unzählige kleine Details wie Stromanschluss, Heizkörper für das Sanitätszelt, Tee und Bouillon sowie ein Toi Toi müssen bedacht werden, um nur einige Punkte zu erwähnen. Und noch immer keine genauen Informationen über die Baustelle im Zielbereich für den Aufbau unserer Sanitätsbasis. Der Stand der Bauarbeiten hänge vom Wetter ab, wird uns mitgeteilt. Erst 3 Tage vor dem Start erfahren wir von der Bauleitung, die sich sehr kulant gezeigt hat, dass wir genügend Raum für eine optimale Lösung erhalten werden und dürfen einen separaten Platz am Rande der Baustelle benützen.

Es geht los
Starttag, wir haben am frühen Morgen sechs Sanitätsstellen entlang der Strecke eingerichtet, die Sanitätsbasis im Start-/Zielbereich wurde bereits am Vortag mit einem beheizten Zelt mit acht Liegestellen, einem Sanitätscontainer mit zwei Behandlungsstellen für ernsthafte Fälle und einem Sattelschlepperanhänger zur Therapie von einfachen Verletzungen fertiggestellt. 5 Ärzte sowie 26 Rettungssanitäter und Sanitätsgehilfen, 3 Ambulanzen und 2 Notarztfahrzeuge stehen bereit.

Laeuferinnen und Laeufer beim Zuerich Marathon am Sonntag, 7. April 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Am Zürich Marathon, 7. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

08.30 Uhr, der Startschuss fällt. 6000 Läuferinnen und Läufer setzen sich bei kalten 5°C in Bewegung. Wenigstens regnet es nicht wie letztes Jahr. Nach einer halben Stunde laufen bereits die schnellsten Teilnehmer des 10-km-Runs ins Ziel. Während der ersten Stunde bleibt es bei der Sanität ruhig. Dann hören wir über Funk die ersten Einsätze. Erschöpfte und verletzte Läufer werden in die einzelnen Sanitätsstellen entlang der Strecke gebracht und behandelt. Nach 2 Stunden 7 Minuten und 44 Sekunden läuft Abraham Tadesse aus Eritrea als Sieger durchs Ziel. Das bedeutet, dass ab jetzt auch in der Sanitätsbasis die eigentliche Arbeit auf uns zukommt. Sanitäter triagieren die eintreffenden Läuferinnen und Läufer. Manche sind so erschöpft und ausgetrocknet, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten können. Sie werden ins Sanitätszelt gebracht und medizinisch überwacht. Kleinere Wunden werden desinfiziert, unterkühlte Patienten wieder aufgewärmt und teils riesige Blasen an den Füssen versorgt. Um Muskelkrämpfe und Zerrungen kümmert sich kompetent unser Physiotherapeut.

Einige Stunden nach dem Startschuss bin ich froh, dass bisher noch keine schwerwiegenden medizinischen Fälle aufgetreten sind. Da wird mir gemeldet, dass sich einer der erschöpften Patienten, die in der Basis überwacht werden, nicht erholt. Der Patient ist ansprechbar, sein Blutdruck stabil, er berichtet über keinerlei Schmerzen, dennoch geht es ihm nicht gut. Das EKG bringt die Lösung. Nach 42 km Laufstrecke hat der Patient im Ziel einen Herzinfarkt erlitten! Jetzt ist die Sanität gefordert. Nach der Erstversorgung vor Ort, wird der Patient mit der Ambulanz und dem Notarzt umgehend in ein nahe gelegenes Spital verlegt, wo sofort das verschlossene Herzkranzgefäss wieder eröffnet werden kann und ein Implantat eingesetzt wird, um das Gefäss offen zu halten. Man kann lange über die Spitzenmedizin und ihre Kosten diskutieren, aber hier hat sie dem Patienten das Leben gerettet.

Zusammenfassung
Nachdem die letzten Teilnehmer durchs Ziel gelaufen sind, ist es Zeit für ein Résumé. Wir haben während des Zürich Marathons 2013 insgesamt 44 Patienten mit folgenden Diagnosen behandelt: 1 Herzinfarkt, 1 Epilepsie, 6 Kreislaufprobleme, 2 Unterkühlungen, 19 Verletzungen am Bewegungsapparat, 11 Wundversorgungen sowie 4 andere Beschwerden.

Und das Beste kommt zum Schluss

Am nächsten Tag erhalte ich die erfreuliche Meldung, dass es dem Patienten mit dem Herzinfarkt den Umständen entsprechend gut geht. Ich wünsche Ihnen, lieber Patient, auf diesem Weg weiterhin gute Besserung und eine erfolgreiche Rehabilitation!

Dr. med. Martin Narozny*Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. Medbase Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

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12 Kommentare zu «Verletzungen, Kreislaufprobleme und ein Herzinfarkt: Arztdienst am Zürich Marathon»

  • Stefan sagt:

    Mich überraschen die Unterkühlungen. So kalt war es ja nicht und man konnte sich gut auf die Bedingungen vorbereiten. Schliesslich war es während der ganzen Vorbereitung kühl.

    Vielen Dank allen Helfern!

  • Albert Augustin sagt:

    Bewegung, ob Marschieren, Gehen oder Rennen, ist an sich gut, ich glaube aber nicht auf hartem Teer- oder Beton-Boden. Und aus diesem Grund sind alle diese Städte-Marathons ein zweifelhaftes „Vergnügen“ !

    • Blub sagt:

      Lassen Sie sich von einem Fachgeschäft für Laufschuhe beraten – oder meinten Sie Barfuss-Laufen?

      • Martin sagt:

        Laufen Sie barfuss. Wenn sie richtig rennen, ist Barfusslaufen das beste Laufen für Ihren Bewegungsapparat. Über den Boden: Je stabiler desto besser. Ein Städtemarathon ist ideal, um ihn barfuss zu laufen. Ich habe das letztes Jahr in Zürich gemacht, ohne Probleme, die ein Läufer in Schuhen nicht auch gehabt hätte. Schmerzmittel habe ich aber natürlich nicht genommen, das wäre barfuss zu gefährlich, aber auch nicht nötig…

  • michael klein sagt:

    sport ist mord – hat schon churchill so gesagt ! ich gebe ihm recht.

    • Narozny sagt:

      Winston Churchill ist im Alter von 25 Jahren während des Burenkriegs 1899 aus einem Gefangenenlager ausgebrochen und teils zu Fuss und teils per Bahn durch die südafrikanische Steppe ins 480km entfernte Mosambik geflüchtet. Ohne eine gute körperliche Grundkondition wäre das wohl kaum möglich gewesen.

      • Roland K. Moser sagt:

        Hans-Ulrich Rudel hat seine Erfolge und seine erfolgreichen Fluchten auch damit begründet, dass er weder geraucht noch Alkohol getrunken sondern viel Mllch getrunken und in der Freizeit Sport getrieben hat.

  • Hans sagt:

    Nun es gibt ja bekanntlich keinen besseren Ort um einen Herzinfarkt zu bekommen, als an so einer Veranstaltung (vom Krankenhaus mal abgesehen).
    Trotzdem wundere ich mich etwas. Sie schreiben, manche Läufer kommen ausgetrocknet ins Ziel. Kann ich fast nicht glauben, dass man sich bei 5°C und alle paar Meter eine Wasserflasche (!) richtig dehydrieren kann. Die meisten Amateurläufer trinken doch gerade zuviel (Wasser) und schaden so ihrer Leistungsfähigkeit.

    • Roland K. Moser sagt:

      Das Trinken geht bei „richtigen“ Amateuren vergessen, wie auch die Kohlenhydrat-Zufuhr.

      • Hans sagt:

        Da bin ich anderer Meinung. Es sind doch die „richtigen“ Amateure, die für ihren 10km Trainingslauf einen Wasserflaschengürtel anziehen und für einen Halbmarathon Gels (<- Mehrzahl!) konsumieren. Wie ich gehört habe, soll es in Zürich alle 2,5km eine 0,5l Wasserflasche gegeben haben, da kann nun wirklich niemand mehr dehydrieren oder vergessen zu trinken. Es sind doch gerade die Amateure, die denken bzw. Angst haben, sobald man nur ein bisschen schwitzt muss man trinken.

        • Blub sagt:

          Ein erfahrene Läufer, der dehydriert? Wohl kaum.

          Ein Amateur, der sich nicht bewusst ist, wie viel Körperflüsslgkeit bei einem Lauf verloren geht, sehe ich schon eher (da nützen die zig Trinkstationen nichts mehr).

        • Roland K. Moser sagt:

          Der Running Doc sagt etwas anderes. Meine Erfahrung auch. Unsere Erfahrungen widersprechen sich – Das ist interessant.

          Das wäre ein Thema für einen Blog: Ernährung und Flüssigkeitszufuhr während Ausdauerbelastungen.

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