Sind Bergsteiger Egoisten mit stinkenden Socken?

Italienische Bergsteiger in alter Ausrüstung auf der Dufour-Spitze. (Keystone)

Die Freunde des Heliskiings wollen, dass auch Bürogummis auf höchste Berggipfel gelangen können: Italienische Bergsteiger in historischer Ausrüstung auf der Dufour-Spitze anlässlich der 150-Jahr-Feier der Erstbesteigung, 1. August 2005. (Keystone)

Geschätzte Bergfreunde

Heute möchte ich Sie um Ihren Rat bitten. Doch dazu muss ich Ihnen erst berichten, welch grosse Ehre mir zuteil wurde. Das Blatt «Berner Oberländer» widmete mir eine ganze Zeitungsseite. Stellen Sie sich vor: Mir und dem Alpin-Blog! Ich wurde bereits im ersten Satz namentlich erwähnt. Ohne dass man mich vorher oder danach informiert hätte. Erst jetzt bin ich zufällig darauf gestossen. Anlass zur Ehre gab mein Blog-Beitrag vom 4. April über das Heliskiing im Unesco Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch (hier nachlesen). Obschon dieses einzigartig schöne Gebiet rechtlich durch das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung geschützt ist, finden dort jährlich 3500 Flüge statt, die rein dem touristischen Vergnügen dienen.

Der kollegiale Schreiber vom «Berner Oberländer» startete seinen Printartikel in der Samstagsausgabe vom 14. April wie folgt:

«Die kurze Berichterstattung dieser Zeitung vom 2. April nahm Natascha Knecht zum Anlass, sich im Tagi online einmal mehr über das Thema Heliskiing auszulassen. Die im Berner Oberland aufgewachsene junge Journalistin des Tages-Anzeigers schrieb: Es war ein gefundenes Fressen für die Anbieter der touristischen Gebirgsfliegerei. In der Folge schoben sich im Alpin-Outdoorblog des Newsnet (u. a. www.berneroberlaender.ch) die Gegner und Befürworter der Helikopterfliegerei in den Bergen auf mehr oder weniger niveauvoller, dafür umso emotionellerer Ebene gegenseitig den Schwarzen Peter zu. (…)»

Werter Journalist vom «Berner Oberländer»,

ein paar Anmerkungen:

  • Dass Sie mich als «jung» bezeichnen, schmeichelt einer Frau in meinem Alter so fest, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Damit haben Sie nicht nur meinen Tag gerettet – nein, you made my week, my month, my year!
  • Herzlichen Dank auch dafür, dass Sie so grosszügige Werbung für den Outdoorblog machen. Fantastisch!
  • Gestatten Sie mir bitte eine klitzekleine Korrektur: Nicht Ihre kurze Berichterstattung vom 2. April nahm ich zum Anlass, mich «einmal mehr über das Thema Heliskiing auszulassen». Mit Verlaub: Ihre Selbstüberschätzung amüsiert mich. Alle relevanten Schweizer Medien wurden von Mountain Wilderness (der Alpenschutzorganisation, die sich für mehr Respekt gegenüber der Bergwelt einsetzt) im Vorfeld darüber informiert, dass am 1. April Kundgebungen gegen das Heliskiing stattfinden. «Konditionsstarke Skitouren- und gletschererfahrene Medienschaffende» waren eingeladen. Teilgenommen hat kein einziger Journalist. Ich selber war privat im Gebiet Jungfrau-Aletsch unterwegs und nicht, wie Sie vermuten, «offensichtlich als Aktivistin». Das hatte ich in meinem Text übrigens geschrieben und eine kurze Recherche hätte genügt, um herauszufinden, dass ich Mountain Wilderness hier im Outdoorblog schon mehr als ein Mal kritisiert habe, auch im Zusammenhang mit dem Heliskiing.
  • Unbestritten hingegen: Es ist oberpeinlich, dass eine Aktivistin von Mountain Wilderness ausgerechnet nach deren Kundgebung auf der Aebeni Flue stürzt, sich verletzt und von der Air-Glaciers-Basis Lauterbrunnen mit dem Helikopter ins Spital gebracht werden muss. Aber ist deswegen nachhaltige Schadenfreude lustig? Mountain Wilderness hat ja nicht versucht, den Vorfall zu verheimlichen oder zu verwedeln. In einem Communiqué informierten die «Fahnenträger» transparent, viele Medien im ganzen Land berichteten dann über diese Rettungsaktion, Sie im «Berner Oberländer» als allererster, die Schweiz hat darüber geschmunzelt (ich übrigens auch), ca. fünf Minuten lang, danach war die Sache gegessen und vergessen. Es gibt Wichtigeres auf der Welt und vor allem gabs schon weitaus peinlichere Fälle, die mit dem Heli geholt werden mussten. Leute, die sich am Berg überschätzen oder unbedarft mit Sandalen und Hotpants unterwegs in eine Gletscherspalte fallen. Mir haben Retter gesagt, sie hinterfragen nicht, Not sei Not. Meine Bewunderung für die Bergretter ist grenzenlos – eben auch, weil sie nicht urteilen, sondern einfach helfen, wenn sie gerufen werden, oft mit spektakulären Einsätzen.
  • Ob ein Helikopter für eine Rettung aufbricht, ist deshalb auch nicht vergleichbar mit den durchschnittlich zehn Rotationen pro Tag für touristische Spassflüge durch ein geschütztes Gebiet von nationaler Bedeutung. Da nützt es nicht mal der Heli-Lobby, wenn Sie in ihrem «Schwerpunkt-Artikel» Fälle auflisten, bei denen angeblich schon mehrmals Aktivisten von Mountain Wilderness nach ihren Kundgebungen gerettet werden mussten – ohne die Akten anzufordern, welche diese Behauptung stützen. Prompt musste Ihre Zeitung danach eine Gegendarstellung publizieren, weil es offenbar gar nie solche Fälle gegeben hat. Das ist auch etwas lustig, würde mich aber nichts angehen, hätten Sie mich nicht namentlich erwähnt.

In Ihrem Tun liessen Sie sich aber möglicherweise von Ihrem beruflichen Vorbild Herrn G. aus Thun motivieren? Herr G. war früher Journalist in leitender Stellung. Heute wäre er pensioniert. Aber weil er wohl noch nicht ganz loslassen kann, arbeitet er jetzt als Medienberater und unterhält die Redaktionen im Kanton Bern mit seiner Meinung. Jedenfalls mailte Herr G. an mehrere Journalisten folgendes:

·  Ich fahre genau seit 40 Jahren zum Skifahren im März nach Zermatt. Die Helis dort empfindet man nicht als Belästigung, sondern als Attraktion – wenn man sie denn hört.

·  Als Nicht-Bergsteiger flog ich vor längerer Zeit mal mit einem Bergführer auf die Monte-Rosa-Schulter und dann mit den Skis zurück ins Tal. Ich erlebte ein grandioses Natur- und Bergerlebnis, das mir Bürogummi ohne Heli vorenthalten gewesen wäre. Zudem unterstützte ich damit ein Heli-Unternehmen, über das schon mancher Bergsteiger froh gewesen ist – wie die Umweltaktivistin am Sonntag.

·  Man müsste wohl mal abklären, in wie manchem anderen Unesco-Weltnaturerbe ein Heliverbot gilt.

·  Letzte Woche war ich wieder in Zermatt. Meine Frau verletzte sich auf 3200 m am Knie und musste abtransportiert werden. Sie verzichtete auf den Heli und wurde mittels Schneetöff, Bergbahn und Ambulanz in eine Arztpraxis gefahren organisiert von der Air Zermatt, auf terrestrischem Weg…

Und nachdem Herr G. auf meinen Heliski-Beitrag vom 4. April aufmerksam gemacht wurde, mailte er wieder mit «cc» an mehrere Journalisten (auch an mich):

Ach lieber B. (Anmerkung: «B» ist der Journalist vom «Berner Oberländer»)

Es ist ja unglaublich, was die Jammertante Natascha Knecht alles von sich gibt (aber die Fotos sind toll!) und dann all die eindimensionalen Blogger hinterher… Ich frage mich bloss, warum sie ausgerechnet die Ebnefluh besteigt, um sich dort über die Helis zu ärgern, statt einen der hundert anderen Gipfel in der Umgebung, um sich dort am Bergerlebnis zu freuen? Was mich an ihr stört und warum ihre Nachfolgeblogger eindimensional sind: Sie kommen in ihrer Arroganz gar nicht auf die Idee, dass es Menschen gibt, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, Berggipfel zu besteigen und Abfahrten von dort zu erleben. Dank dem Heliskiing auf weniger als 1 Prozent der CH-Berggipfel ist auch diesen Menschen dieses Erlebnis vergönnt. Und nebenbei bringen sie Bergführern und Heliunternehmen noch etwas Verdienst. All die Anti-Heli-Fundis sind vor allem Egoisten, die sich nicht an 99% Heli-freien Gipfeln freuen, sondern in Tabula-rasa-Manier alles nach ihrem Gusto befehlen wollen. Mountain Wilderness? Mountain Egoism! Motto: «Die Berge gehören nur uns echten Bergsteigern mit Fellen, Schweiss und stinkenden Socken. Und die Helis brauchts nicht. Ausser natürlich wir verdrehen uns das Knie oder landen in einer Gletscherspalte.» Ich freue mich, wenn Du als Top-Bergsteiger und Journalist mit Augenmass das Thema im BO wieder mal aufgreifst! Alles Gute, harte Ostereier und lieber Gruss

Liebe Bergfreunde,
auf diesen «Steilpass» habe ich Herrn G. noch nicht geantwortet. Was soll ich ihm schreiben? Dass ich richtig herzhaft lachen musste über seine «Bürogummi»-Argumente? Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, mit den «eindimensionalen Bloggern hinterher» meint er Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, die in «Arroganz» einen Kommentar geschrieben haben. Muss ich ihm den Unterschied zwischen einem Blog und einem Printartikel erklären? Soll ich erwähnen, dass es absolut keine Rolle spielt, auf welchen Gipfel man in diesem Gebiet steigt – die Helitouristen sieht und hört man von weitem. Ich selber wusste bis anhin nie genau, was für Leute sich fürs Heliskiing begeistern, aber dass jemand in allen Facetten dem Klischee-Bild entspricht, hätte ich in dieser Form nicht erwartet. Neu ist für mich auch, dass es im «Berner Oberland» so viele «harte Ostereier»  gibt – was soll ich als «junge Journalistin» davon halten?

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