«Ein Sturz wäre nicht ohne Folgen geblieben»

Dani Arnold

Nerven wie Stahlseile: Dani Arnold knackt die Mixed-Route «The Hurting» in Schottland. Im April 2011 durchstieg er die Eiger-Nordwand solo in Rekordzeit: 2 Stunden 28 Minuten. (Foto: Thomas Senf)

Wenn der Eiger-Speedrekordhalter sagt, er habe soeben seine «bisher härteste Route» geklettert, dann steckt eine echte Meisterleistung dahinter: Dani Arnold pusht das Limit am Fels nicht nur mit Kraft, Ausdauer und Technik. Es ist vor allem seine starke Psyche, die den 27-jährigen Urner zum Ausnahmekletterer macht. Sein jüngster Exploit gelang ihm im schottischen Hochland, dem Geburtsort des hochanspruchsvollen Trad-Mixed-Kletterns (kombinierte Fels- und Eisrouten ohne feste Sicherungspunkte).

Ende Januar 2012 durchstieg Dani Arnold die Route «The Hurting» (XI 11) rotpunkt. Ein mutiges Projekt, das bisher erst drei Schotten vollenden konnten, aber noch nie ein Ausländer. Denn klettern in Schottland ist anders und für Nicht-Heimische gewöhnungsbedürftig: Es gibt keine Bohrhaken und die meisten Möglichkeiten für mobile Sicherungsmittel (wie Friends) sind miserabel. Nach lokaler Ethik darf in Mixed-Routen nur eingestiegen werden, wenn der Fels zugeschneit oder von Reif überzogen ist – was die Begehung erschwert, weil die Hooks (Griffe) verdeckt und noch mühsamer zu finden sind. Zudem kann das Wetter unberechenbar schnell umschlagen, eisige Windböen mit über 100 Kilometer Geschwindigkeit gehören zur Norm. Oder mit anderen Worten: Nur schlechte Bedingungen sind gut für die Mixed-Kletterer in Schottland.

«Das war eine ernsthafte Sache»

«The Hurting» befindet sich im Nordosten, im Gebiet von Cairngorm, bekannt für sein raues und unfreundliches Klima. Die Route ist 35 Meter hoch, ihre abschüssigen Tritte und Hooks sind winzig, die bescheidenen Sicherungsmöglichkeiten erfordern Nerven wie Stahlseile. Sie zählt zu den schwersten Mixed-Routen der Welt.

Dani Arnold

«Die Tritte sind sehr schlecht. Immer abschüssig»: Als erster Nicht-Schotte schafft Dani Arnold die Mixed-Route «The Hurting» sturzfrei. (Foto: Thomas Senf)

Daniel Arnolds Plan, «The Hurting» onsight (beim ersten Versuch) zu klettern, machte eine starke Windböe zunichte: Sie blies ihm ein Eisgerät aus der Wand, das er kurz losgelassen hatte, um seinen Arm zu entlasten. Beim zweiten Anlauf gelangte er bis zum allerletzten Hook, dort rutschte sein Eisgerät ab, er fiel ins Seil – ein Sturz, der ins Auge hätte gehen können. Exklusiv bei «alpin im Outdoorblog» schildert Dani Arnold dieses Extrem-Abenteuer:

«Für die 35 Meter konnte ich lediglich drei Sicherungen anbringen, die erste in etwa zehn Meter Höhe. Bis zur Mitte der Route empfand ich die Kletterei am Schwersten. Die sehr kleinen, unter dem Schnee versteckten Hooks verlangten exaktes und kontrolliertes Klettern, was auch für den Kopf enorm anstrengend war, ein Sturz wäre in Bodennähe gegangen.» Die nächsten fünf bis sieben Meter seien etwas steiler verlaufen und für den letzten Teil musste er nochmals alles geben: «Die Tritte sind sehr schlecht. Immer abschüssig. In der Wand hat es ganz viele Risse. Hier einen kletterbaren Weg zu finden, war schwierig. Es brauchte Zeit und Energie, alles abzusuchen. Meine letzte Sicherung lag etwa vier Meter unter meinen Füssen, als ich zur Stelle kam, wo ich dann rausflog. Nur ein halber Meter fehlte, um die Route zu beenden. Lange suchte ich nach einem guten Hook, fand jedoch nichts Schlaues. Ich probierte es mit einem schlechten Hook, der dann nicht hielt.»

Dani Arnold

«Ein Sturz wäre in Bodennähe gegangen»: Dani Arnold. (Foto: Thomas Senf)

Stolz auf seinen Mut

Trotz dieses 10-Meter-Sturzes wagte sich der Innerschweizer Mixedspezialist zwei Tage später erneut in «The Hurting» und kletterte «die Schmerzhafte» erfolgreich. «Die Verhältnisse waren noch schlechter», sagt er. «Es hatte noch mehr Schnee. Aber weil ich wusste, wo und wie ich klettern musste, ging es einfacher. Dennoch musste ich aufpassen, dass mir kein Flüchtigkeitsfehler unterlief. Gerade im unteren Teil wäre ein Sturz nicht ohne Folgen geblieben.»

Dass er «The Hurting» als erster Nicht-Schotte rotpunkt begehen konnte, habe eine grosse Bedeutung für ihn, sagt Dani Arnold. «Schade, habe ich es nicht beim ersten Versuch geschafft und sicher gibt es noch schwerere Routen. Aber für mich ist es bis jetzt das Härteste, das ich geklettert bin.» Besonders der Begehungsstil habe eine wichtige Rolle gespielt. «Da ich noch nicht über so viel Erfahrung mit dieser speziellen Absicherungstechnik verfüge wie die Einheimischen und den Mut aufbrachte, die Route ohne vorherige Informationen onsight zu versuchen, macht es mich schon stolz. Das war eine ernsthafte Sache.»

Dani Arnold

«Ich mache kein spezielles Mentaltraining»: Dani Arnold. (Foto: Thomas Senf)

Seine starke Psyche sei das Resultat von jahrelanger Erfahrung, er mache kein besonderes Mentaltraining. «Ich lerne, indem ich mich selber und andere beobachte. Es gibt mir Selbstvertrauen, wenn ich heikle Situationen am Berg erfolgreich manage. Darauf kann ich aufbauen, das bringt mich weiter.»

Alpin-Fotograf Thomas Senf, der zusammen mit Dani Arnold in Schottland kletterte, attestiert ihm nicht nur psychische Stärke, sondern auch ein ausserordentliches Gefühl für die Eisgeräte. «Bei Dani halten sie fast immer, da ist er extrem stark.» Als Fotograf braucht Thomas Senf ebenfalls gute Nerven. «Solch heikle Klettereien begleite ich nur mit Leuten, die nichts riskieren, weil ein Fotograf dabei ist. Ich muss ihnen vertrauen.» Dani Arnold und Thomas Senf – er ist selber ein exzellenter Mixed-Kletterer – arbeiten seit Jahren zusammen. Um ihn in «The Hurting» zu fotografieren, hing er über zwei Stunden im Seil, bei minus zehn Grad und anhaltendem Schneefall. «Das gehört zum Business», sagt er. Speziell sei aber gewesen, dass die Linse seiner Kamera jeweils nach zwei, drei Bildern zugefroren war und er sie immer wieder neu putzen musste.

Folgendes Video zeigt, wie heikel «The Hurting» zu klettern ist. Der einheimische Erstbegeher Dave MacLeod wiederholte die Route für den Film «Committed II». Wie Dani Arnold stürzte auch er beim ersten Versuch beim letzten Hook. Für den Film liess sich MacLeod an dieser Stelle noch mal ins Seil fallen (ganz am Schluss des Videos zu sehen). In Schottland gelten übrigens eigene Schwierigkeitsgrade, welche nicht mit unseren vergleichbar sind. Die Skala besteht aus einer römischen Ziffer, welche für die Ernsthaftigkeit steht, und aus einer arabischen Ziffer für den schwierigsten technischen Abschnitt. «The Hurting» ist mit «XI 11» eingestuft. In Schottland gibt es bislang eine einzige Route, die schwieriger bewertet wurde.

Lesen Sie auch: Neuer Speedrekord in der Eiger-Nordwand

Ihre Meinung interessiert uns!

Beliebte Blogbeiträge

11 Kommentare zu ««Ein Sturz wäre nicht ohne Folgen geblieben»»

  • hallo mitenand

    ich danke frau natascha knecht für die hervorragenden berichte zum thema alpinismus. es werden alle spielarten des bergsteigens behandelt, und die berichterstattung ist bestens. hier erkennt man, frau knecht ist selber eine aktive allround-alpinistin. Danke auch für die tollen fotos und filme.

    ich gratuliere daniel arnold zu dieser super leistung. hier ist ein vollblutbergsteiger am werk, der mit respekt und ehrfurcht
    an seine projekte geht. eins seiner erfolgs geheimnisse ist: die verbundenheit mit dem berg, und seinen elementen… solche
    spitzen alpinisten gibt es ganz wenige.
    daniel arnold gehört zu den alpinisten, die das bergsteigen weiterentwickeln werden… er wird mit seinen aussergewöhnlichen fähigkeiten auch im himalaya noch neue massstäbe setzen.

    ich wünsche daniel arnold weiterhin viel spass, und erfolg.

    mit bergkameradschafltichen gruessen
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  • Joachim Adamek sagt:

    Muss mitteilen, das letzte Woche zwei sehr gute Eiskletterer, die Norweger Bjørn-Eivind Årtun (45) and Stein-Ivar Gravdal (37), im Lysefjord bei Stavanger tödlich verunglückt sind. Bei der Suche auf einer neuen Route zur Besteigung Kjerag, der höchsten Felswand im Fjord, wurden sie vermutlich Opfer eines Steinschlages. Beide galten in der international community als Top-Eiskletterer.

  • Roger Reuss sagt:

    Herzlichen Dank für diesen und all die anderen immer wieder tollen Berichte von euch! Echt coole Sache!

  • Adrian Vogel sagt:

    Der Sturz im Film (6:12) ist aber wohl gefakt. Sauberer Stand mit beiden Füssen, Eisgerät rechts sieht so aus, als ob es auch gut hält. Auf einmal fällt er, ohne dass sichtbar wäre, dass er mit den Füssen abrutscht. Auch der Sturz sieht sehr „komisch“ aus…

  • Alpin sagt:

    Danke für den tollen Bericht! Weiter so!

  • Aschi sagt:

    Ich staune über die Leistung und das Material: Hangelkraft der Arme und Pickel die auch so grosse Querbeanspruchung ohne Verformung aushalten nebst dem Spezialstahl zum Verankernm und die Steigeisen. Solches „Treiben“ ist auch Ausdruck unserer Wohlstandsgesellschaft wo es an Herausforderungen sonst fehlt. Auch wer nicht arbeitet kommt recht gut über die Runde.

    • Jürg sagt:

      Der Ausdruck ‚Berufssportler‘ ist Ihnen aber schon geläufig? Wenn jemand so gut klettert, dass andere ihn dafür bezahlen, dann hat er das Geld nicht nur verdient, sondern leistet ganz einfach bezahlte Arbeit, wie Sie vermutlich auch.

  • captain kirk sagt:

    Respekt vor dieser Leistung. Super Bilder!

  • Joachim Adamek sagt:

    Es ist immer toll, spannend und lehrreich, einen Meister seines Faches kennenzulernen, auch wenn dies nicht unmittelbar, sondern vermittelt erfolgt. Die Verhältnisse auf der Insel sollte man wirklich nicht unterschätzen. Sie sind z. T. rauher und ursprünglicher als in den Alpen. Deshalb kann ich sehr gut nachvollziehen, weshalb der Urner Daniel Arnold äussert stolz auf seine Leistung ist. — Für Kennedy und Kruk dürften die “schottischen Regeln” ganz nach deren Geschmack sein. Es gibt andere, die klettern allerdings auch ganz vorne “im Feld”, ohne jedoch grossen Spektakel zu machen, und die sind mir eindeutig sympathischer. Hätte ich den heutigen Blog nicht gelesen, ich hätte was verpasst.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.