Gigantische Lawinen nach dem Erdbeben

«Alpin im Outdoorblog» begleitet exklusiv die Himalaja-Expedition des Lausanner Alpinisten Sébastien de Sainte Marie. Er will als erster Mensch über die 2000 Meter hohe und extrem steile Shishapangma-Südwestwand fahren. Was bisher geschah: hier nachlesen.

Sébastien de Sainte Marie und sein Team haben das Shishapangma-Basislager erreicht. Die Reise verlief unkompliziert – bis auf wenige Kleinigkeiten: In München gabs im Check-in-Probleme wegen der Verankerungshaken des Zelts. «Aber nachdem die Sicherheitsbeamten eingesehen hatten, dass ich damit keinen erschlagen kann, gings weiter.» Bei der Zwischenlandung in Doha war es dann das Satellitentelefon, welches den Sicherheitsleuten nicht gefiel. Sie nahmen es ihm ab, weil sie befürchteten, er würde aus dem Flugzeug telefonieren. «Nach der Landung in Kathmandu gaben sie es mir dann zurück.» Gewicht und Volumen seines Gepäcks sind relativ bescheiden: Ein 35-Liter-Rucksack, Ski und Skischuhe. Die Waage am Flughafen zeigte «nur» 10 Kilo Übergewicht an. Expeditionsnahrung kauften sie in Kathmandu. Da sie ohne Lastenträger unterwegs sind, halten sie ihr Gepäck so klein und so leicht wie möglich.

Mit Opfergaben die Götter milde stimmen

Das Wiedersehen mit Pasang, seinem Sherpa-Führer, habe ihn zusätzlich motiviert, erzählt Sébastien. «Pasang hat sich überhaupt nicht verändert, seit dem letzten Jahr. Ein sehr schüchterner, aber unglaublich aufrichtiger Mann. Fast zu freundlich.» In Kathmandu gingen sie in den buddhistischen Swoyanbunat-Tempel und nahmen an einer traditionellen Puja-Zeremonie teil – ohne die ein Sherpa niemals einen Fuss an einen Berg setzen würde. An einer Puja wird den Göttern mit Opfergaben Ehre, Respekt und Verehrung gezeigt, um sie milde zu stimmen, um sie um eine sichere Besteigung zu bitten. «Zur Zeremonie haben wir unsere ganze Ausrüstung mitgebracht», erzählt Séb.

Für Sightseeing in Kathmandu blieb ihnen kaum Zeit. Bereits am Tag darauf folgte die Weiterreise nach Tibet. In Nyalam nahe der Grenze verbrachten sie eine Nacht zum Akklimatisieren. Die Ortschaft liegt auf 3750 Meter Höhe. Am nächsten Morgen marschierten sie weiter bis zum Shishapangma-Zwischenlager auf 4500 Meter, am Tag darauf ins Basislager auf 5200 Meter. «Es geht mir supergut», sagt Séb am Satellitentelefon und schaut auf sein Ziel, den Shishapangma. «Ein riesiger Berg, seine Südwestwand ist massiv. Ein Traum!»

Neuschnee, Erdbeben und Lawinen

Sébastien hat nicht lange Zeit, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Der Gipfelsturm wird voraussichtlich – wenn alles stimmt – zwischen dem 25. September und dem 5. Oktober stattfinden. «Aber ich bemühe mich, bis dahin fit zu bleiben.» Jetzt in der Phase der Akklimatisation liegt er nicht einfach im Zelt und wartet. Er steigt den Berg auf und ab. Erst bis 5900 Meter – und zurück ins Basislager. Am nächsten Tag etwas höher – und zurück. Inzwischen war er bereits auf 6500 Meter – und ist von dort mit den Ski abgefahren. Diese Tagestouren unternimmt er weitgehend ohne Begleitung. «Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, ganz alleine am Berg unterwegs zu sein. Am Shishapangma. Im Tibet.» Sébastien klingt sehr glücklich.

Auch sie spürten das starke Erdbeben, das vorgestern in Nordindien, Nepal und Tibet Todesopfer forderte und Verwüstungen anrichtete. Die Erschütterungen lösten am Berg gigantische Lawinen aus. Aber: Die Schneeverhältnisse seien traumhaft, schwärmt er. Fast täglich falle Neuschnee. Im Moment überlegt er, ob er eventuell über die «Briten»-Route abfahren will, statt über die geplante «Schweizer»-Route. Das Briten-Couloir sei zwar noch steiler, aber es liege in den obersten hundert Metern unter dem Gipfel mehr Schnee drin.

Wie sich Séb entscheidet und wie es am Shishapangma weiter geht – wir werden es bald erfahren.

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3 Kommentare zu «Gigantische Lawinen nach dem Erdbeben»

  • bäckerfan sagt:

    Ich verfolge interessiert den Blog über Sébastian und kann verstehen wenn er die ganze Aufmerksamkeit des Alpinblog geniesst. Trotzdem kann man nicht über super Brot sprechen ohne den Bäcker zu erwähnen oder über Bergsteigen ohne Walter Bonatti zu erwähnen, gerade das was kürzlich passiert ist.

  • Joachim Adamek sagt:

    Eigentlich bin ich der Meinung, dass es nicht nötig ist, jeden Gipfel zu beseitigen und ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen. Aber mit jedem Bericht werde ich ein bisschen mehr von Fernweh und Neid gepackt und erahne, von welcher Abenteuerlust Sébastien angetrieben wird. Ich will ihm gerne glauben, dass es ein astfittes Gefühl ist, in Tibet alleine am Berg durch den Schnee zu powdern. Da wird das Gestern und Morgen einfach bedeutungslos, und man geniesst das Leben, ganz ohne Vollegefühl, wahrhaft in Saus und Braus. Tröstlich, dass auch ein Sébastien Ärger mit dem Zoll hat. Es beweist, dass die Sicherheit weltweit funktioniert, so dass ich jetzt beruhigt zu Bett gehen kann.

  • Eduardo sagt:

    Ein hochinteressantes Unternehmen. Ich hoffe sehr, dass Sébastien einen zuverlässigen HD-Videorekorder dabeihat (oder lieber gleich mehrere, falls einer bei den extremen klimatischen Bedingungen ausfällt), um seine Abenteuer zu dokumentieren und nachher ins Internet zu stellen. So etwas muss heutzutage einfach sein. Ich dachte in diesem Zusammenhang beispielsweise an den norwegischen Basejumper Jokke Sommer, der seine faszinierenden Wingsuit-Flüge vor allem in den Schweizer Alpen mit HD-Kameras aufnimmt und in Youtube veröffentlicht.

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