«Grösstes Risiko in Pakistan ist nicht Entführung, sondern Steinschlag»

Gerlinde Kaltenbrunner

Die Österreicher Spitzenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner versuchte vergangenen August den K2 von pakistanischer Seite – und scheiterte. Jetzt versucht sie ihn von der chinesischen Seite. (Bild: Gerlinde-kaltenbrunner.at)

Auch in Bergsteigerkreisen wird diskutiert, ob Reisen durch Pakistan seit Osama Bin Ladens Tod gefährlicher geworden sind – und dies nicht erst, seit dort Anfang Juli ein Schweizer Paar entführt wurde. Pakistan beheimatet fünf der vierzehn magischen Achttausender: Der Nanga Parbat (8125 Meter) liegt im pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir. Weitere vier Achttausender befinden sich im Grenzgebiet von Pakistan und China, darunter der K2.

Schon seit längerem geht in Pakistan die Zahl der internationalen Trekking-Gruppen und Bergsteiger-Expeditionen kontinuierlich zurück. 2010 kamen noch 26 Expeditionsteams mit insgesamt 234 ausländischen Bergsteigern (Statistik «Explorersweb»). Zu feiern gabs letztes Jahr nur gut 100 Gipfelerfolge, auf dem K2 stand niemand. Kein Vergleich zu den enormen Anstürmen an den anderen Achttausendern im Himalaja, insbesondere am Mount Everest.

Abgeschreckt von den politischen Unruhen

Erdbeben, Überflutungen und die schwierige Wirtschaftslage haben das Land geprägt. Aber vor allem die politischen Unruhen, Bombenangriffe, Terroranschläge und Entführungen schrecken die Masse der Höhenbergsteiger ab. «Wegen verschiedener, hoher Risiken wird von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Pakistan abgeraten», warnt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten seit Monaten.

«Explorersweb» fragte kürzlich seinen Korrespondenten in Pakistan, wie gefährlich er die Situation für westliche Bergsteiger einschätzt. Karrar Haidri ist Vorstandsmitglied des Pakistanischen Alpenclubs und Manager eines lokalen Expeditionsunternehmens: «Ausländische Bergsteiger brauchen sich bei uns nicht zu fürchten», sagt er. «Die Unruhen beschränken sich auf gewisse Gegenden. Wir tun alles Menschenmögliche, um unsere Gäste zu schützen.» Auch die pakistanische Regierung bemüht sich, den Alpinisten Schutz zu gewähren und begleitet sie mit Polizeieskorten über den Karakorum-Highway.

Abbottobad / Dave Hancock

Der Australier Dave Hancock organisiert Bergsteiger-Expeditionen auch in Pakistan. «Dieses Bild wurde in Abbottabad aufgenommen, lange bevor US-Truppen Osama Bin Laden hier gefunden haben. Wir haben nichts gewusst. Ich war acht Mal hier.» (© Dave Hancock)

Hat sich die Lage dieses Jahr verschärft?

Unternehmen aus den USA und Australien, welche Bergsteiger-Expeditionen in Pakistan organisieren, berichten: Keine einzige Person habe eine geplante Expeditions-Teilnahme annuliert, weil Extremisten nach Bin Ladens Tod Vergeltungsanschläge gegen westliche Ausländer angedroht haben. «Durch die Gebiete im Norden kann man problemlos reisen. Das bestätigt jeder, der in den letzten fünf, sechs Jahren in Pakistan war», sagt Dave Hancock, ein Expeditions-Unternehmer.

«Das grösste Risiko in Pakistan ist nicht eine Entführung, sondern Steinschlag, oder Erdrutsch, oder eine Lawine», berichtet ein Deutscher, der 2007 durch das Karakorum-Gebirge trekkte. Aber ob sich die Lage nach den neusten Ereignissen auch in den nördlichen Gebieten verschärft hat? «Ich kann allen Bergsteigern nur raten, zu kommen», sagt ein Einheimischer. «Im Karakorum können sie nachts sichererer herumlaufen als in vielen westlichen Grossstädten. Zudem sind sie für die lokalen Träger und die einheimische Bevölkerung eine grosse ökonomische Unterstützung.»

Skandal-Bergsteiger Christian Stangl zurück am K2

In diesen Wochen beginnt im Karakorum-Himalaja die Hauptsaison für die grossen Gipfelbesteigungen. Die internationalen Expeditionsgruppen sind zurzeit unterwegs zu den Basislagern, oder bereits angekommen. Probleme mit Extremisten wurden bisher keine gemeldet.

Von der pakistanischen Seite versuchen vier Teams den K2 zu besteigen – darunter auch der Österreicher Skandal-Skyrunner Christian Stangl, der vergangenen August behauptete, er sei auf dem K2 gestanden und ein gefälschtes Bild verbreitet hat, obschon er in Wahrheit den Gipfel nur «visualisierte» (wir haben darüber hier im Alpinblog berichtet). Stangl denkt noch immer nicht daran, sich für seine Lügengeschichten zu entschuldigen. Aber falls er es dieses Jahr bis nach ganz oben schafft, will er als Beweis eine 360-Grad-Videoaufnahme machen.

Auch zwei Schweizer Alpinisten in Pakistan

Den K2 von der chinesischen Seite versuchen drei Expeditionen, darunter die Österreicher Spitzenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner. Sie bestieg bisher 13 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff, am K2 ist sie schon mehrmals gescheitert, vergangenen Sommer von pakistanischer Seite. Bei diesem Versuch stürzte ihr Bergpartner tödlich ab, nachdem sie umdrehen mussten und auf dem Abstieg waren.

Den Broad Peak nehmen diesen Sommer neun internationale Expeditionsgruppen in Angriff (von pakistanischer Seite), die beiden Gasherbrums neun Teams – dabei zwei Walliser: Kilian Volken und Willi Imstepf. Für den Nanga Parbat sind drei Expeditionen registriert und drei weitere Teams befinden sich im Karakorum an 7000ern.

Was halten Sie von den internationalen Bergsteiger-Expeditionen in Pakistan?

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11 Kommentare zu ««Grösstes Risiko in Pakistan ist nicht Entführung, sondern Steinschlag»»

  • Charlotte Woerner sagt:

    Viel Glueck und Erfolg den Bergsteigern – ist eine wunderbare Gegend – ebenso die Menschen dort.

  • Meine ganze Bewunderung gebe ich diesen Freien Höhenbergsteigern.
    Sie nehmen sich die Freiheit durch Ihre Leidenschaft die mit keiner Sicherheit zu bezahlen ist.
    Das Risiko am 8000 er steht in keinem Vergleich zu den sonstigen gefahren in Pakistan.
    Gerlinde Kaltenbrunner und Ihrem gesamten Team wünsche ich alles Glück für
    Ihre Besteigung des K 2.

  • Joachim Adamek sagt:

    Es gibt zwei Sorten Abenteuer: Die einen sind relativ gefahrlos, bei den anderen bleibt ein gewisses Restrisiko. Wer es möglichst gefahrlos will, dem empfehle ich den Gang ins Kino. — Allerdings ist das 120 minütige Abtauchen in die Dunkelheit auf Plüschsesseln nicht mit der Besteigung eines 8000ers vergleichbar…
    Um zur Sache zu kommen: Ich fand den Artikel über das Bergsteigen in Pakistan’s Top-Destination recht interessant, weil er einige nicht alltägliche Informationen bot. Schade, dass sich der Tourismus in Pakistan in den letzten Jahren aufgrund bestimmter Vorkommnisse zurückentwickelt hat.
    Ich war noch nie in Pakistan, besitze deshalb nur Informationen aus zweiter Hand, und doch bin ich mir ziemlich sicher, dass man ungeachtetet aller politischen Wirren zu den 5 Achttausendern ziemlich unbeschadet gelangen kann: Denn das ist eine Frage der Planung, des Studiums, des Erfahrungsaustausches und ortskundiger Führung. Profis haben ihre eigenen “Netzwerke”, von denen Aussenstehende oft nichts wissen, und die für solche Fälle unverzichtbar sind.
    Nun bin ich allerdings kein Extrem-Höhenbergsteiger, deshalb werde ich mich über Pakistan weiterhin lediglich beiläufig übers Internet informieren bzw. die Bibliotheken nach entsprechender Literatur durchstöbern. Auch wenn mir dafür nur wenig Zeit bleibt. Denn im September will ich in die Hohe Tauern zur Glockner-Gruppe. Vielleicht wird ein Gipfelbesuch dabei sein. Allerdings werde ich in diesem Fall die Seilbahn nutzen. Denn ein Profi kennt seine Leistungsgrenzen …

  • nadja sagt:

    ja, lieber zuhause auf dem sofa sitzen und dumme talkshows schauen. das leben draussen ist ja sooooo gefährlich. es sollte eigentlich verboten werden, da lebensgefährlich.

  • Reto sagt:

    Ich denke mal dass 99% der personen die fremde länder bereisen, die risiken sehr gut kennen und sie bewusst in kauf nehmen um mal etwas zu erleben, eine fremde kultur zu sehen. diese leute wissen worauf sie sich einlassen und erwarten bestimmt nicht dass man sie aus der „scheisse“ holt, sollte wirklich etwas passieren. aber diese kritik von euch „bünzlis“ ist mal wieder so was von typisch schweizerisch. macht ihr ruhig eure all-inklusive ferien auf palma und eure skiferien in den schweizer alpen. jedem das seine. aber hängt hier nicht die grossen weltenkenner raus wenn ihr noch nicht mehr als ein paar verschiedene hotels an ein paar verschiedenen stränden gesehen habt. ihr seht den tellerrand dieser welt noch nicht mal!

  • Adam Gretener sagt:

    Je früher diese egoistischen Deppen um Lebens kommen, durch Steinschlag oder AK47, desto besser. Jeder der solche Idioten-Touren plant, soll erstmal eine Sicherheitsleistung von 1 Mio. hinterlegen.

  • Zachary sagt:

    Solche Expeditionen nach Pakistan sind absolut unverantwortungslos und am Schluss muss wieder die Allgemeinheit für Lösegelder oder Rettungsaktionen bezahlen, nur damit ein paar wenige Spinner sich einen Kick holen können. Es ist wie in allen Bereichen des heutigen Lebens: immer schneller, höher und weiter. Anstatt das Naheliegende zu geniessen und sich in Bescheidenheit zu üben. Um Pakistan und all die anderen gefährlichen Länder sollte man einen grossen Bogen machen und gehen Leute doch hin und es passiert etwas, sollte man sie einfach ihrem Schicksal überlassen.

    • reinhold m. sagt:

      genau, UNverantwortungslos (=verantwortungsvoll?). besteigen wir nur noch s’vreneli (sgärtli). aber sollten wir nach den nächtlichen unwettern nicht auch einen bogen um die gefährliche schweiz machen? relax, zachary! für dich zahlen wir die heimtaxe gerne.

    • cor sagt:

      Absolut einverstanden! Diese Leute sollten sogar gezwungen werden, vor einer Reise in Hochrisiko-Länder ein Papier zu unterschreiben, dass der CH-Staat im Falle einer Entführung weder helfen noch zahlen muss.

    • Adi sagt:

      Haben Sie den Bericht überhaupt gelesen? Oder bleiben Sie versteinert auf Ihrer basislosen Meinung. Pakistan ist gross. Einige Teile sind no-go Zonenen, andere Regionen sind Risiko-Zonen und wiederum andere Regionen sind problemlos bereisbar. Wenn Sie sich keine Meinung aufgrund der Fakten bilden wollen, dann bitte tun sie diese auch nicht kund.

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