«Ich liebe Gleitsport – und meine Narben»

Hossegor an Frankreichs Westküste ist der Hot-Spot für Surfer in Europa. Wenn sich die weltbesten Frauen das Brett zur Brust nehmen und die perfekte Welle jagen, bleibt kein Auge trocken: Anmut vermischt sich mit Athletik, Spass mit Spitzensport.

Im Winter fährt sie mit dem Snowboard haarsträubend-steile Felshänge hinunter, springt über Cliffs und saust durch die Couloirs der grossen Berge (Big Mountain). Im Sommer steht sie am liebsten auf dem Surfbrett. Ich treffe Anne-Flore Marxer, die amtierende Weltmeisterin im Snowboard-Freeriden, in Hossegor, wo der Atlantik ziemlich hohe Wellen schlägt.

Hier bleibt die 27-jährige Lausannerin die nächsten Wochen und trainiert für den Winter – mit Surfen, Yoga und Joggen im Sand. «Snowboarden und Surfen sind nicht gleich, aber ähnlich», sagt sie. «Ein optimale Ergänzung.» Snowboarden beanspruche vor allem die Beine und die Schultern. Surfen mehr Arme, Seiten und Kreuz. «Surfen hilft mir, meine Atmung besser zu trainieren, zudem gewinne ich damit einen anderen Blick für den Berg. Ich fahre im Winter andere Linien, wenn ich beim Surfen Turns und Slashes üben kann.» Im Wasser sind Stürze sanfter als auf dem harten Schnee. «Beides ist ein Sport mit den Elementen. Ich mag Gleitsport.»

Narben an jedem Gelenk

Jetzt am Sandstrand, wo Anne-Flore Marxer mal nicht dick in Winterkleider eingepackt ist, sondern Shorts und Shirt trägt, sehe ich die Spuren ihrer bisherigen Verletzungen: (Operations)-Narben an Fussgelenken, Knien, Oberschenkel, Handgelenk. «Sie sind wie Tattoos», sagt sie lachend. «Jede Narbe erinnert mich an ein Jahr, an ein Erlebnis.»

Anne Flore Marxer

Anne-Flore Marxer, Freeride-Weltmeisterin Snowboard, geniesst die Surfer-Atmosphäre in Hossegor.

Mit Surfen hat sie vor fünf Jahren angefangen. «Wenn man das ganze Jahr im Schnee ist, im Sommer auf dem Gletscher, verliert man irgendwann die Motivation. Seit ich Surfe, ist das anders. Da freue ich mich Ende Winter immer auf das Wasser, Ende Sommer bin ich froh, wieder auf den Schnee zu kommen.» Wenn sie zuhause in Lausanne ist, geht sie auch Wake-Surfen oder mit einer Freundin klettern.

Anne-Flore Marxers Wintersaison ging vor zwei Wochen zu Ende. Zum Ausspannen blieb ihr aber noch keine Zeit. Selbst eine Freeride-Weltmeisterin muss arbeiten. Sie moderierte im französischen Fernsehen für eine Adrenalin-Show und die X-Games, ebenso bei Eurosport und Sky-TV. In Frankreich ist die Westschweizerin ein Star. Als ich Anne-Flore Marxer treffe – sie spricht übrigens fliessend Deutsch – ist sie in Hossegor beim «Swatch Girls Pro» als Speakerin engangiert, ein Surf-Wettkampf der ASP Woman’s World Tour .

Die ASP (Association of Surfing Professionals) ist vergleichbar mit einem Weltcup. Nur die allerbesten Surferinnen der Welt sind dabei. Der Zirkus gastiert an den Stränden mit den spektakulärsten Wellen. Ein sogenannter «6 Star Event». Die 6 Sterne haben nichts mit Luxus und Hotelklassifizierungen zu tun, der Ausdruck steht für «Wettkampf der Top-Athlet(inn)en».

Das Best-of-Video, Anne-Flore Marxer moderiert:

Spitzensport gepaart mit maximaler Sexyness

Während Anne-Flore als Speakerin arbeitet, schliesse ich mich dem Journalisten-Tross an, der zu diesem Spitzensport-Spektakel gereist ist. Journalisten aus ganz Europa. So viele, wie ich an einem Outdoor-Event noch selten erlebt habe. Kein Wunder: So viel Extrem-Action und Spitzensport gepaart mit maximaler Sexyness gibts auf unserem Kontinent nicht alle Tage. Die Girls sind jung, ihre Körper und Körperspannung perfekt. Noch ist der Atlantik kalt, in Hossegor momentan 17 Grad, darum steigen die Surfeusen mit Anzug ins Wasser. Kaum sind sie wieder draussen, reissen sie sich das Neopren vom Leib und joggen im Bikini über den feinen Sandstrand, die meisten mit langen, ausgebleichten, nassen, im Wind wehenden Haaren.

Bruna Schmitz, Coco Ho, Alana Blanchard

Freundinnen (v.l.): Bruna Schmitz (Brasilien) schaffte es dieses Jahr als «Swimsuit»-Model in die amerikanische «Sports Ilustrated». Coco Ho (Hawaii) war dieses Jahr Aushängeschild in Hossegor. Alana Blanchard (Hawaii) gilt als «super-hot». (Foto: Natascha Knecht)

Da so viele Dutzend Medienleute angereist sind, wären Einzelinterviews für die Surferinnen gar nicht zu bewältigen, sie müssten wahrscheinlich Wochen dasitzen und ständig die gleichen Fragen beantworten. Darum stehen die Athletinnen allen Journalisten gleichzeitig zur Verfügung.

Coco Ho aus Hawaii (derzeit 6. im Gesamt-Ranking, Preisgelder bisher im 2011: 34’150 US-Dollar, seit Karrierestart: 175’680 US-Dollar) zählt zu den Begehrtesten an diesem Tag. Die 20-Jährige stzt da mit knappem Trägershirt und kurzen Jeans-Hosen, lächelt während sie von ihrem Surferleben erzählt. «Ja, es ist hart, während der ASP-Tour so lange von zu Hause weg zu sein», antwortet sie auf eine Frage. Oder: «Nein, vor den Wellen habe ich keine Angst. Ich gehe nur raus, wenn ich mich sicher fühle. Ich kann die Gefahr gut abschätzen, ich bin aus Hawaii, wo es die höchsten Welt gibt.» Die zierliche, aber doch etwas burschikos wirkende Coco stammt aus einer Surfer-Familie, ihr Onkel war der erste Surf-Champ der Welt. Ihr Vater surft, ihr Bruder auch, ebenso ihre halbe Verwandtschaft.

Sally Fitzgibbons aus Australien (Gewinnerin in Hossegor und 3. im Gesamt-Ranking) erzählt, dass Surfen nicht mehr ein Lifestyle-Sport ist, sondern hoffentlich bald olympisch. Die Surfbretter würden immer weiterentwickelt, ebenso die Technik. Aus dem einstigen coolen Freizeitvergnügen habe sich ein professioneller Wettbewerb entwickelt. Als etwa sechste kommt Alana Blanchard an die Reihe, ein begehrtes Sportmodel (21-jährig, 1,73 Meter gross, 54 Kilo leicht). Im Gesamtranking liegt sie zur Zeit auf Platz 9. Sie gilt sie als «super hot» – super attraktiv.

Alana Blanchard beim Swatch Girls Pro Fashion Shooting in Hossegor. (Foto: Swatch)

Alana Blanchard

Alana Blanchard, Top-Surferin und begehrtes Model. (Foto: alanablanchard.com)

An der Presse-Konferenz am Nachmittag frage ich sie:

Alana Blanchard, sprechen Sie lieber über Surfen oder Foto-Shootings?
Am liebsten rede ich über Mode und Girlie-Sachen.

Gefallen Sie sich in der Rolle als Model?
Ich empfinde es als eine Art Hass-Liebe. Wenn ich mit meinen Fotos für Aufsehen sorgen kann, ist das gut für den Frauen-Surfsport. Es bringt uns alle weiter. Aber ich schaue mir meine Bilder nicht gerne an.

Wirklich, weshalb?
Ich bin Surferin. Im Wasser fühle ich mich am besten, dieser Sport macht mich glücklich. Beim Modeln sitze oder stehe ich nur rum, das ist schon etwas anderes. Kürzlich hatte ich ein Shooting für das amerikanische Men’s Health Magazine. Das war cool, aber ich würde auch für das Women’s Health Magazine posieren. Und natürlich für die Sports Illustrated.

Sie haben eigne Bikini-Kollektionenen entworfen. Was raten Sie uns Frauen beim Kauf?
Ach, das kann ich so generell nicht sagen. Jede Frau hat eine individuelle Figur. Die eine hat eine grosse Oberweite, die andere vielleicht mehr Hüften. Der Bikini muss passen, Frauen müssen sich darin wohl fühlen.

Welcher Bikini ist diesen Sommer angesagt?
Für mich? Ich trage Brazilian Bikini – keinen String, aber doch etwas knapper geschnitten.

Bethany Hamilton

Bald bei uns im Kino: Bethany Hamilton (Hawaii) surft wieder mit den Top-Athletinnen. Ihre Geschichte, wie sie einen Arm an einen Hai verloren hat, wurde soeben verfilmt. (Foto: Natascha Knecht)

Alana Blanchard ist auch eng befreundet mit Bethany Hamilton (21-jährig, aus Hawaii, 1.80 Meter gross, 59 Kilo). Die 21-jährige surft mit nur einem Arm – jetzt wieder bei der Weltspitze. Als sie 13 war, biss ihr in Australien ein Hai den linken Arm weg – Alana Blanchard war dabei. Eine bewegende Geschichte. So bewegend, dass soeben ein Hollywood-Film über das Leben von Bethany Hamilton gedreht wurde («Soul Surfer»). In Amerika ist der Streifen soeben angelaufen, in der Schweiz kommt er bald ins Kino.

Zum Interview-Termin mit dem Journalisten-Tross in Hossegor erscheint sie nicht. Nicht aus Arroganz, sondern weil sie nervlich nicht mehr konnte. Offenbar gingen gewisse Journalisten in den Tagen davor sehr respektlos mit ihr um.

Übrigens:
Als Journalistin erhielt ich eine exklusive «Girls Pro France»-Swatch. Es gibt nur 400 Stück davon und sie sind bereits ausverkauft. Ich verschenke mein Expemplar an Sie, liebe Leserin, lieber Leser. Farbe: Knalliges Giftgrün. Wer am schnellsten schreibt, bekommt sie. Mail mit Adresse an: outdoorblog@newsnetz.ch (Ihre Angaben werden nicht weiter verwendet).

– Es ist das erste Mal, dass ich hier im Outdoorblog über Surfen berichte. Möchten Sie künftig mehr über diesen Sport und die Top-Surferinnen erfahren?

Beliebte Blogbeiträge

21 Kommentare zu ««Ich liebe Gleitsport – und meine Narben»»

  • Loïc sagt:

    Unbedingt mehr übers Surfen schreiben. Eigentlich über alle Gleitsportarten.

  • johnny sagt:

    super Beitrag! Wenn schon mal ein Surf Contest in Europa statfindet. Letztes mal als der Surf Sport Aufmerksamkeit bekam war als im November 2010 der Serienweltmeister Andy Irons starb. Es muss gezeigt werden, dass nicht jeder Surfer so ein exzessives Leben wie Andy Irons hat. Hossegor fetter Spot zum Surfen.

  • An alle: Vielen Dank fürs Feedback. Ich werde mir alles zu Herzen nehmen.

    LG Natascha (die Bloggerin)

  • Pille sagt:

    Ich möchte einmal einen Plüsch-Hai spielen,… wenn Anne-Flore Marxers vorbei surft ! Diese Frau nimmt mir die Sinne weg…

  • Nidi sagt:

    oh ja bitte mehr übers surfen, bin bald wieder in hawaii! wäre schön etwas mehr von dieser sportart zu lesen, da kann man so schön vom meer träumen.

  • Peter Innler sagt:

    Super Beitrag! Bitte noch mehr übers Surfen!

    • Remmidemmi sagt:

      Ich wett sicher nie meh so öppis läse, dass mer döt sini Ärm verlürt, und derä isch das mit 13i passiert, und sit denn isch sie nüme die glich.

      • Peter Innler sagt:

        Ergo soll auch nie mehr übers Skirennfahren oder Freeriden berichtet werden? Da gibt’s auch Unfälle, mit Querschnittslähmung als Folge beispielsweise. Das Schicksal von Beltrametti einfach so ausgeblendet werden? Und übrigens, beim Surfen von einem Hai gebissen zu werden ist viel unwahrscheinlicher als dass du von einer Kokusnuss erschlagen wirst..

        • Hans-Ueli sagt:

          Für mich ist es ein Aufsteller, wenn eine junge Frau mit diesem Handycap den Sport weiterbetreibt und an der Weltspitze mitmischt. Also was ist daran schlecht? Unfälle gibt es jeden Tag, aber Erfolgsmeldungen eher selten!

  • Ein super Beitrag! Danke. Surfen ist eine wunderbare Sache und macht übrigens auch mega Spass, wenn man noch nicht auf der ASP Tour mitsurfen könnte. Es tut einfach gut, raus zu paddeln, im Line-Up zu sitzen und die Welt mal von der ‚anderen Seite‘ zu sehen. Um dann, wenn das Set kommt, in eine Welle zu paddeln und rein zu surfen! Ich wünsche allen Menschen, dass sie dies einmal erleben können… Nochmals Danke für die gelungene Reportage – may the swell be with you!

  • Ranoi Kwasch sagt:

    Ja schreiben Sie mehr über Surfen!! Könnten Sie bitte über die idealsten Surfdestinationen für Schweizer reportieren?

    Gruss

  • Lukas Steiner sagt:

    Ja, schreiben sie bitte mehr über das Surfen!

    Eine sehr interessante Sportart!

  • bitta sagt:

    wieso muss hier schon wieder der sport dadurch in seiner bedeutung heruntergefahren werden, dass man den sexfaktor einbringt? auch bei noch so gestählten männlichen surfern würde man NIE darauf hinweisen, dass er auf und neben dem board sexy ist. ächz.

    • Liebe Bitta

      Bitte, wo denken Sie hin? Natürlich würde ich auch die gestählten Bodys der (männlichen) Surfer nicht ausblenden. Im Gegenteil! Weshalb soll man nicht alle Facetten von Spitzensportler(inne)n ansprechen? Weshalb wird dadurch der Sport «heruntergefahren»? Diese Elite-Surferinnen sind nicht nur Spitze in ihrem Sport, sie sehen nun mal auch tadellos aus, ich habs mit eigenen Augen gesehen. Und sie posieren gerne. Diese jungen Frauen gehören nicht per Zufall zu den begehrtesten Sportlerinnen für Fotografen.

      Ich bin neidlos.

      Lieber Gruss
      Natascha Knecht (die Bloggerin)

  • Carlos sagt:

    Dar Haiangriff auf Bethany Hamilton ereignete sich auf Hawaii (Kauai) und nicht in Australien.

  • Joachim Adamek sagt:

    Mir geht es wie Fr. Marxer: Wenn ich mich erholen will, gehe ich in die Berge oder aufs Wasser. Beides garantiert optimalen Lebensgenuss. Deshalb habe ich persönlich auch nichts dagegen, ab und an mit dem Outdoor-Blog „baden“ zu gehn oder über schäumende Wellen zu gleiten. Allen WintersportlerInnen einen unstressigen Sommer!
    Wäre ich ein Surfer, würde ich wahrscheinlich allerdings die Atlantikküste Portugals die der französischen vorziehen. Aber das ist Geschmacksache. Übrigens: Die portugiesische Atlantikküste ist ein Eldorado für Low-Budget-Camper! Und sie sind bei den Einheimischen wohl gelitten.

  • bodhi sagt:

    Erfrischend, was über das Surfen zu lesen im Tagi. Der Artikel vermittelt jedoch zu stark das Gefühl, Surferinnen gehe es primär ums sexy aussehen und rumposieren. Wer den Sport kennt, weiss, dass es sich dabei um eine der komplexesten Sportarten überhaupt handelt und ein Niveau wie es diese Athletinnen haben, nur mit hartem Training und viel Talent erreicht werden kann…

  • Sgt Klinger sagt:

    was heisst schnell schreiben? Danke für die Reportage, mal was anderes wie zu Fuss unterwegs!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.