Luzern übernimmt in St. Gallen

Christian Lüscher am Freitag den 24. Oktober 2014
SONNTAGSZEITUNG, ZEITUNG, PRESSE,

Wie weiter mit der «Ostschweiz am Sonntag»? Das Gründungsteam begutachtet die Zeitung nach dem Andruck am 3. März 2013. Foto: Keystone

Wie gut ist eigentlich die Stimmung in den regionalen Fürstentümern der NZZ-Gruppe? Also in St. Gallen und Luzern? Kurz gesagt: Es herrscht Konsternation. Zumindest in St. Gallen.

Die NZZ-Gruppe will die Medien Ost- und Zentralschweiz neu unter einem einheitlichen Management zusammenfassen. Dabei gibts einen klaren Gewinner und einen klaren Verlierer. Daniel Ehrat, seit 2011 verantwortlich für alle Medien der St. Galler Tagblatt AG sowie Mitglied der Unternehmensleitung der NZZ-Gruppe, verlässt das Unternehmen per sofort. An seiner Stelle übernimmt Jürg Weber, Geschäftsleiter der «Neuen Luzerner Zeitung». Überspitzt formuliert: Die Luzerner haben neu das Sagen in St. Gallen.

Das ist bemerkenswert. Denn bis dato genossen beide Regionalmedien ihre Unabhängigkeit. Die St. Galler machten, was sie wollten. Ebenso die Luzerner. Es gab je eine Geschäftsleitung, je einen Verwaltungsrat, je einen eigenen publizistischen Kurs. Damit ist Schluss. Dass sich die Luzerner durchgesetzt haben, ist womöglich auf den finanziellen Taucher der St. Galler Tagblatt AG zurückzuführen. Seit 2011 sank der Gewinn merklich. Mit der Lancierung einer eigenen Sonntagsausgabe «Ostschweiz am Sonntag» im Frühling 2013 sind die Finanzen vollends aus dem Ruder gelaufen.

Das Prestigeprojekt, lanciert von Daniel Ehrat, startete mit einer stolzen Auflage von 120’000. Der Verlag setzte das Ziel, die 90’000 nicht zu unterschreiten. Publizistisch war die Zeitung ein Erfolg und wurde in der Medienlandschaft weit stärker beachtet als das «Tagblatt». Kommerziell entwickelte sich die Sonntagszeitung aber zum Flop. Viele Abonnenten reagierten verärgert. Einerseits, weil sie die siebte Ausgabe ungefragt zugestellt erhielten, andererseits, weil die Tagblatt-Medien gleichzeitig die Preise für sämtliche Abos erhöhten. Also auch für jene Kunden, die weiterhin nur sechs Ausgaben wollten. Inzwischen ist die Auflage bei 55’000 angelangt.

Auch in der Redaktion ist die Krise augenfällig: Die Mehrheit der Sonntagsmannschaft ist weg. Von den neun Gründungsmitgliedern der Kernmannschaft sind nur noch zwei Redaktionsmitglieder übrig. Auch der grosse Hoffnungsträger, Christian Ortner, für teures Geld von den «Vorarlberger Nachrichten» geholt, ging. Er arbeitet heute als Projektplaner für NZZ-CEO Veit Dengler.

Für die St. Galler dürfte die nächste Zeit – sagen wirs mal so – spannend werden. NZZ-CEO Dengler schreibt in einer Mail an die Belegschaft von einer weiteren Konsolidierung, die der Luzerner Jürg Weber vorantreiben soll. Man will die Zusammenarbeit zwischen den Redaktionen intensivieren. Im Klartext: Künftig werden Inhalte nicht nur gelegentlich ausgetauscht, sondern es wird vertieft zusammengearbeitet. Die regionale Unverwechselbarkeit soll aber nicht verloren gehen.

Und das ist das Problem. Dem Vernehmen nach hat ein Grossteil der «Tagblatt»-Redaktion Bedenken, ob das denn gut kommt. Man befürchtet den Verlust der Eigenständigkeit. Und einen Verlust der Qualität. Tatsächlich verfügt das «St. Galler Tagblatt» über ein weit edleres Layout als die «Neue Luzerner Zeitung» und versucht so, einen Anspruch als Qualitätszeitung zu markieren. Dass die St. Galler wenig zu melden haben werden, ist vielleicht auch eigene Schuld. In der Vergangenheit war ihr Kooperationswille in der Gruppe schwach ausgeprägt. Man stellte sich – anders als die Luzerner – oft quer. Mit der Berufung Webers sind die Karten neu verteilt. In einer Mail unterstreicht Dengler, dass Weber in den nächsten Tagen ein Team bilden werde, um weitere Konsolidierung der Regionalmedien vorzubereiten und Strukturen, Prozesse und eine effiziente Aufbauorganisation zu definieren.

3 Kommentare zu “Luzern übernimmt in St. Gallen”

  1. Peter Frick sagt:

    Ich habe nichts gegen Luzern. Aber das St.Galler Tagblatt habe ich abonniert um über Kanton und Stadt SG informiert zu sein. Für Luzerner Nachrichten habe ich keinen Bedarf. Da kann ich gerade so gut den Tagi abonnieren.

  2. zweistein sagt:

    Propaganda ist Propaganda ist Propaganda. Auch ohne St. Galler Wappen und ohne Luzerner-Farbkonzept.

  3. didiklement sagt:

    Diese Konsolidierung war schon lange fällig und wer die Medienlandschaft Ostschweiz verfolgt weiss um die Not seit vielen Jahren. Da wurde immer wieder frech am Markt vorbei gearbeitet, eine Zeitung am Leben erhalten die schon lange am Aussterben ist. Jugendliche Kunden nein danke, höchstens einige wenige Seiten mit und für Junge hat man gemacht. Inhalte für die breite Masse fehlen ebenso wie Inhalte aus dem Lokalen. Zu stark hat man sich darauf verlassen das man die stärkste Kraft ist und auf einmal ist man es nicht mehr. Erst vor wenigen Monaten gab es eine Neuausrichtung und nun folgt schon der nächste “Clou”, da darf man mal gespannt sein, was da noch kommt. Denn das die Luzerner Kräfte näher am Markt sind halte ich für ein Gerücht.