Roosevelt: Versager oder Held?

Sorgt immer noch für Kontroversen zwischen den politischen Lagern: Der New Deal von Franklin D. Roosevelt. (Bild: Collection of David J. and Janice L. Frent)

Es ist schon 80 Jahre her, aber der New Deal von Franklin D. Roosevelt sorgt bis heute für grosse Kontroversen. Für die konservativen Republikaner war der New Deal ein Sündenfall, denn er beendete die liberale Ära. Für die progressiven Demokraten markiert er den Beginn des modernen Amerika und sollte fortgesetzt werden.

Demgegenüber herrscht in der Wirtschaftsgeschichte ein relativ grosser Konsens, was die Wirksamkeit der Krisenbekämpfung anbelangt. Weit über die Hälfte aller Forscherinnen und Forscher gibt der Roosevelt-Administration gute Noten für die unmittelbare Krisenbekämpfung, ist aber kritisch gegenüber den mittelfristigen Elementen des New Deal. Konkret: Die Bankensanierung und die Abwertung des US-Dollars unmittelbar nach Amtsbeginn im Frühling 1933 waren entscheidend für die Beendigung der Depression, während die Stabilisierung von Preisen und Löhnen mittels Kartellen und Subventionen – v. a. der National Industrial Recovery Act (Nira) – die Erholung eher verzögerten.

Wie wichtig die ersten beiden Massnahmen waren, lässt sich an der Entwicklung der monatlichen Industrieproduktion ablesen. Durch die Sanierung des Bankensystems und die Abwertung vermochte Roosevelt die Erwartungen ins Positive zu drehen. Die Unternehmen und Konsumenten freuten sich vor allem über das Ende der Deflation.

Die Kurve zeigt auch, dass die erste Begeisterung schnell verflog, aber das Ende der Depression dennoch eingeleitet war. Von 1933 bis 1936 erzielte die US-Wirtschaft das höchste Wachstum ihrer Geschichte. 1937–38 rutschte sie erneut in eine Krise, weil die Roosevelt-Administration zu abrupt den Staatshaushalt ins Gleichgewicht brachte und die Geldpolitik restriktiver gestaltete («Mistake of 1937»). Offenbar war die Wirtschaft noch nicht so weit genesen, dass sie eine Normalisierung der Finanz- und Geldpolitik verkraften konnte.

Die negative Seite des New Deal, nämlich die staatliche Lenkung von Löhnen und Preisen, ist weniger einfach darzustellen. Es braucht etwas kompliziertere Berechnungen. Der zurzeit massgebliche Beitrag zu diesem Thema stammt von M. Bordo, C. Erceg und Ch. Evans. Sie zeigen klar, dass die allzu schnellen Lohnsteigerungen ab 1933 den Aufschwung und das Beschäftigungswachstum eher bremsten.

Der New Deal war natürlich weit mehr als nur ein Krisenbekämpfungsprogramm. Die Roosevelt-Administration gründete die AHV, regulierte die Banken (siehe hier) oder errichtete die SEC (Securities and Exchange Commission). Hier hängt die Beurteilung in der Tat viel stärker von der politischen Philosophie ab. Aber bei den unmittelbaren Krisenmassnahmen ist es schwierig zu behaupten, Roosevelt habe alles falsch oder alles richtig gemacht. Ohne Bankensanierung und Abwertung hätte die Depression sehr wahrscheinlich noch länger gedauert – eine Lektion, die auch die Eurozone aufs Neue schmerzlich lernen muss.