Ein alternatives Zentralbankenziel

die Zentralbanken dafür sorgen, dass keine Deflation entsteht

Hält die Orientierung der Zentralbanken nur am Preisniveau für unzureichend: Ökonom Scott Sumner.

In seiner ersten Ausgabe des Jahres hat der britische «Economist» den Wirtschaftsblogs einen ausführlichen Artikel gewidmet. Die zentrale Aussage des Texts: Durch die Blogs erhalten auch Ökonomen ausserhalb des Mainstreams eine erhöhte Beachtung und ihre Ideen finden Eingang in die Debatte um die Wirtschaftspolitik. Ein Beispiel dafür ist Scott Sumner. Auf seinem Blog «The Money Illusion» (zum Beispiel hier oder hier) hat er die Idee einer alternativen Richtschnur für das Verhalten von Zentralbankern aufgewärmt und zu neuer Berühmtheit gebracht. Höchste Zeit, die Idee auch hier vorzustellen.

Gemäss dem seit Jahrzehnten führenden Dogma der Ökonomen liegt das zentrale Ziel einer Zentralbank einzig darin, die Preisstabilität aufrechtzuerhalten. Hier die Gründe dafür. Konkret sollen die Zentralbanken dafür sorgen, dass keine Deflation entsteht und die Inflation 2 Prozent nicht übersteigt. Die von Sumner wiederbelebte Idee sieht nun vor, dass sich Zentralbanken statt alleine an der Inflation, am so genannten nominalen Bruttoinlandprodukt orientieren – bekannter ist die Idee unter ihrer englischen Abkürzung NGDP für «Nominal Gross Domestic Product». Worum geht es konkret und was sind die wichtigsten Unterschiede zum bestehenden Prinzip mit der Ausrichtung auf die Preisstabilität?

In Berichten über die konjunkturelle Entwicklung findet vor allem das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP oder eben englisch GDP) eine besonders grosse Beachtung. Fällt dieses zu tief aus (gemessen am Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft) steigt die Arbeitslosigkeit und ein Land gerät in eine Rezessionsphase. Die Inflation ist in einer solchen Phase gewöhnlich tief oder sogar negativ, in letzterem Fall fällt das Preisniveau und man spricht auch von einer Deflation. Fällt das Wachstum zu hoch aus, überhitzt die Wirtschaft und die Inflation steigt. Das Wachstum wird gewöhnlich am so genannten «realen» Bruttoinlandprodukt gemessen, also jenem, das um die Inflation korrigiert ist.

Betrachtet man die Veränderungen des BIP, ohne dass man es um die Inflation korrigiert, misst man das so genannte nominale Bruttoinlandprodukt – unser NGDP. Wächst das Preisniveau um 2 Prozent (bzw. beläuft sich die Inflation auf 2 Prozent), dann steigt daher auch das nominale BIP alleine durch diesen Preisanstieg um zwei Prozent. Dazu kommt dann noch der Anstieg des realen BIP, das die tatsächliche, von den Preisen unbeeinflusste Zunahme des Gesamtausstosses einer Volkswirtschaft misst. Anders gesagt, ergibt eine Addition von realem BIP-Wachstum und Inflationsrate  das nominale BIP (für Mathefreaks: Genau genommen ergibt die Addition einen Näherungswert).

Worin besteht nun der Vorteil, wenn sich Zentralbanken an einem Zielwert für das Wachstum des nominalen BIP orientieren? Sie haben sozusagen die Inflation und die Wirtschaftslage gleichzeitig im Fokus. Das heisst, dass solange sich Inflation und (reales) BIP exakt gleich bewegen, nehmen beide ab, wenn die Wirtschaft in eine Rezession zu schlittern droht. Umgekehrt nehmen beide zu, wenn sie zu überhitzen droht. Dann ist die Politik einer Zentralbank die gleiche, ob sie sich nun an einem Zielwert für die Inflation oder für das Wachstum des nominalen BIP orientiert. Wenn sich aber die Konjunktur rasch stark verschlechtert (das reale BIP-Wachstum bricht ein) und die Inflation reagiert nur unwesentlich, dann werden Zentralbanken sofort Gegenmassnahmen einleiten müssen, wenn sie sich an einem Zielwert für das nominale BIP-Wachstum orientieren – das heisst gewöhnlich werden sie dann den Leitzins senken. Orientieren sie sich dagegen wie aktuell nur an einem Inflationsziel, werden sie nicht oder zu spät reagieren, weil ja die Inflation nicht oder erst mit Verzögerung zurückgeht, wenn die Arbeitslosigkeit schon deutlich angestiegen ist. Weil tatsächlich die Inflation der Entwicklung der Wirtschaftslage gewöhnlich hinterherhinkt, hätte hier die Orientierung am nominalen BIP den Vorteil, dass die Politik der Zentralbanken schneller reagiert und konjunkturellen Ausschlägen rascher entgegenwirkt.

Die Advokaten dieser neuen Richtschnur betonen einen weiteren Vorteil. Eine Orientierung am nominellen BIP eignet sich besser zur Bewältigung von so genannten «Angebotsschocks». Was heisst das? Konjunkturelle Ausschläge werden meist durch Schwankungen der Gesamtnachfrage (vor allem dem Konsum, den Investitionen und den Exporten) getrieben. Möglich ist aber auch, dass eine Wirtschaft durch plötzliche generelle Kostenerhöhungen in eine rezessive Phase gerät – etwa durch stark steigende Ölpreise. In diesem Fall sprechen Ökonomen von einem «negativen Angebotsschock». In der Praxis zeigt sich hier eine Konjunkturlage, die als «Stagflation» bezeichnet wird. Anders als bei gewöhnlichen Rezessionen sinkt hier die Wirtschaftsleistung, während gleichzeitig die Inflation steigt. Wenn sich Zentralbanken nur am Preisniveau orientieren, dann treten sie in diesem Fall noch zusätzlich auf die Bremse und die Rezession verschlimmert sich weiter. Ein historisches Beispiel dafür ist die Rezession in den USA zu Beginn der 80er-Jahre. Orientieren sie sich dagegen am nominalen BIP, werden sie hier zurückhaltender sein, weil auch die Wirtschaftslage mit ins nominale BIP einfliesst. Ein «positiver Angebotsschock» tritt umgekehrt dann auf, wenn zum Beispiel die Produktivität der Wirtschaft – etwa wegen neuen Erfindungen – stark zulegt. Dann sinkt das Preisniveau und das reale BIP legt zu. Eine Zentralbank, die sich allein am Preisniveau orientiert, wird wegen der sinkenden Inflation aufs geldpolitische Gaspedal drücken, was einem Bubble Vorschub leisten kann. Ein historisches Beispiel dafür ist die Dotcom-Blase Ende der 90er-Jahre. Eine Zentralbank, die sich am nominalen BIP orientiert, wird auch in diesem Fall zurückhaltender sein.

Was sind nun die Probleme mit der Idee? Unten nur summarisch zwei wichtige Punkte. Für eine vertiefte Debatte dazu, siehe hier.

  • Vertreter des vorherrschenden Dogmas monieren, dass mit einer alternativen Zielsetzung für Zentralbanken die Verankerung der Inflationserwartungen in der Allgemeinheit verloren geht. Was heisst das? An der allgemeinen Inflationserwartung orientieren sich alle Wirtschaftssubjekte – vor allem die Arbeitnehmer bei ihren Lohnforderungen. Fehlt ein solcher klarer Erwartungsanker kann eine höhere Inflation zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wird sie höher erwartet, fallen die Lohnforderungen entsprechend aus, was sich auf die Preise niederschlägt und letztlich tatsächlich in einer höheren Inflation mündet. Schliesslich droht sogar die bekannte «Lohn-Preis-Spirale». Vertreter einer Orientierung am nominellen BIP halten dem entgegen, dass es genauso gut möglich sei, eine feste Erwartung dafür zu etablieren. Bei einem Inflationsziel von 2 Prozent und einem langfristigen realen Wachstum von 2 Prozent entspricht das einem Ziel für das nominelle BIP von 4 Prozent.
  • Auch von einer Geldpolitik, die sich am nominellen BIP orientiert, sollte man in aussergewöhnlichen Zeiten – wie aktuell angesichts einer Liquiditätsfalle in den USA (hier was das bedeutet) – nicht zu viel erwarten. Die Mittel zur Umsetzung der Geldpolitik bleiben bei dieser Orientierung, genauso wie beim Inflationsziel, dieselben. Die Zentralbank muss versuchen, die Geldmenge im Publikum zu steuern, was sie gewöhnlich über den Leitzins tut. Doch wenn dieser bereits bei Null liegt und das Geld der Zentralbank wegen einem Sparüberhang (bzw. dem so genannten «Deleveraging») und wegen Überschussreserven des Bankensektors gar nicht erst in der Wirtschaft ankommt, dann hat sie es bei beiden Zielen schwer.