«Free trade good; protectionism evil» – Achtung, Slogan!

In den USA wird angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise ernsthaft darüber diskutiert, gegen die Chinesen Wirtschaftssanktionen zu ergreifen, etwa durch höhere Importzölle.

Paul Krugman

Ja, solche Massnahmen nennt man protektionistisch. Ökonomen halten von so was meist gar nichts. Die Vertreter dieser Berufsgattung mögen sich über vieles streiten, doch zu einem Axiom scheint es zumindest Einigkeit zu geben: Freihandel hilft letztlich allen, daher ist dessen Unterbindung auch immer schädlich.

Moment – stimmt das aber auch?

Einer zumindest meldet Zweifel an:

If you think in terms of slogans like «free trade good; protectionism evil», you find it outrageous that a credentialed economist might actually consider trade sanctions on China justified. Sacrilege! If you think in terms of models, however, you know that the case for free trade is profound, but also conditional

Wer in Kategorien von «Slogans» denke, werde die Forderung nach Handelsbeschränkungen unerhört finden, wer ökonomische Analysen vornehme, werde zwar anerkennen, dass Freihandel eine sehr gute Sache sei, aber eben nur unter bestimmten Bedingungen.

Die ketzerischen Worte stammen von Paul Krugman, einem der führenden Ökonomen zum Thema internationaler Handel. Dafür hat er seinen Nobelpreis erhalten, dazu hat er das führende Lehrbuch mitverfasst.

Aha. Wovon hängt es denn nun zum Beispiel ab, ob Handelsbeschränkungen gute oder schlechte Wirtschaftspolitik sind?

…it depends, among other things, on having sufficient policy levers to achieve more or less full employment simultaneously with free trade. Without that, the picture is very different.

Es hänge unter anderem davon ab, ob Vollbeschäftigung vorherrsche. Wir wissen es: Die USA sind weit davon entfernt und die geld- und fiskalpolitischen Möglichkeiten, etwas zu tun, sind weitgehend ausgeschöpft.

Exportmöglichkeiten sind dann ein Ausweg, um die dringend benötigte Nachfrage zu befeuern. Doch die künstlich verbilligte Währung Chinas verhindert das erstens und führt zweitens auch zu einer preislichen Bevorteilung chinesischer Produkte auf dem amerikanischen Inlandmarkt. Das setzt der Beschäftigung dort weiter zu. Krugman im Ökonomenslang:

A deliberately undervalued currency, maintained by massive foreign exchange intervention over a period of years, is in effect a combination of an export subsidy and an import tariff.

Eine absichtlich geschwächte eigene Währung hat den gleichen Effekt wie eine Exportsubvention (hier für chinesische Güter) und Importzölle (hier für US-Importe nach China).

Spannende Schlussfolgerung, die Krugman aus dem Beispiel für seine Profession zieht:

That doesn’t mean I’m necessarily right about the policy, since we are talking about political economy rather than straight economics. But if you just start yelling «Protectionist!», you’re demonstrating that you don’t understand what economics is about.

Wer nur mit ökonomischen Scheingesetzen – Slogans eben – um sich werfe, habe nicht verstanden, worum es bei der ökonomischen Wissenschaft geht. Und punktgenaue Gesetzmässigkeiten gebe es nicht, wenn politische Mechanismen dazu kommen. Und die kommen eh immer dazu.

Worum geht es denn wirklich bei der ökonomischen Wissenschaft? – Klärt auf, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Und wie empfehlenswert sind denn nun Krugmans Empfehlungen für protektionistische Gegenmassnahmen?

Und was hat das alles mit den Ängsten vor einem drohenden Abwertungswettlauf oder gar einem Währungskrieg zu tun? (Krugman hat sich soeben auch noch dazu ausgelassen – und sieht keine Gefahren).

13 Kommentare zu ««Free trade good; protectionism evil» – Achtung, Slogan!»

  • Urs Ziegler sagt:

    «Free trade good; protectionism evil» – Achtung, Slogan!“ – das ist nicht gerade eine Neuigkeit. Natürlich ist es ein Slogan und kein Naturgesetz. Die Wirtschaftslehre ist keine exakte Wissenschaft. Und, wie viele solcher Slogans und Bauernregeln wird die Wirklichkeit stark verkürzt und trotzdem steckt eine Portion Wahrheit drin. Wenn wir beispielsweise das Angebot in den Läden von 2010 mit dem von 1970 vergleichen – ich bin im fortgeschrittenen Alter und kann das tun – dann sehen wir eine ungeheure Entwicklung im Angebot. Was früher absolute Luxusgüter waren, sind heute für alle erschwingliche Produkte. Ohne den freien Handel hätte die Entwicklung einen anderen Verlauf genommen. Soweit die Sicht des Konsumenten, aber auch die Seite des Arbeitnehmers ist betroffen. Mein Job hat es vor 40 Jahren noch gar nicht gegeben und es würde ihn heute auch nicht geben, wenn nicht der freie Handel und die darauf folgende Entwicklung in der Technologiebranche diese Entwicklung überhaupt möglich gemacht hätten. Fazit: Ich persönlich habe vom Freihandel stark profitiert. Persönlich betrachtet müsste ich Krugman widersprechen – sorry – es ist mehr als nur ein Slogan.

  • Fritz Nussbaumer sagt:

    Es ist oder wäre an der Weltwirtschaft, die Dritte der drei Losungen der Französischen Revolution zu realisieren, die Fraternité, die Menschlichkeit. Tut sie dies nicht, wird sie mehr und mehr die ganze Welt in ein grosses Elend führen. Am Schluss wird Jeder gegen Jeden Krieg führen.

  • chnorz sagt:

    wieso sollte man diesen blogpost lesen wollen, wenn er nur in verkürzter weise wiedergibt, was man bei krugman selbst lesen kann. der mehrwert scheint mir gegen null zu tendieren. irgendein argument wäre nett gewesen. aber hey, es funktioniert. ich hab mich geregt und newsnetz zwei pageimpressions und einen kommentar spendiert. ist ja schliesslich wichtiger als engagierter journalismus.

  • Marcopolo sagt:

    Freier Handel besteht nur dann, wenn viele Anbieter auf viele Nachfrager treffen und sich so der Preis bildet.

    Im Währungsfall China bestimmt die chinesische KP den Wert des Yuan, also EINE politische Willkür. Damit wird der Markt zur Farce und ist nicht mehr frei. Gefährlich wirds dann, wenn alle so tun – die ganze Welt handelt mit China, als sei das freier Markt und sich folglich ihrer politischen Willkür unterwerfen. Selbstheilungskräfte sind dahin, Fehlentscheidungen der Marktteilnehmer werden immer grösser – hüben wie drüben. Dominoblasen sind eine Frage der Zeit. Nur dank Dollar-Sterilisierung und der Grösse des Landes sind in China selber, obwohl weit vorhanden, noch keine grösseren Fehlentwicklungen direkt sichtbar.

    Krugmann hat deshalb recht mit der Unterstützung der USA für die Schutzzölle. Gift muss manchmal mit Gegengift behandelt werden bis der Gesundheitszustand wieder hergestellt ist, die Märkte also wieder frei werden und die Selbstheilungskräfte wieder auftrieb erhalten.

    • Uwe Brock sagt:

      Selbstheilungskräfte und Gesundheitszustand für Märkte? Meiner Ansicht nach gibt es das in der Praxis nicht… nicht früher, nicht heute und auch in Zukunft nicht.

      Sonst, bitte ein Beispiel dafür… am liebsten eines das nicht nur eine paar Investoren berücksichtigt sondern auch die Zivilgesellschaften einbezieht.

    • Die chinesische Währungspolitik halte ich persönlich für äusserst schlau, denn auf den Yuan kann an den Märkten nicht spekuliert werden, da er im Gegensatz zu anderen Währungen nicht frei gehandelt werden kann. Niemand kann bei dieser Währung über Warentermingeschäfte genügend Einfluss nehmen. Und der Kassamarkt spielt bei Devisengeschäften ohnehin keine gross kursbildende Rolle. Ergo bleibt die chinesiche Währung in sicherer, staatlicher Hand. Seit der Liberalisierung der Wechselkurse im Zuge der Abschaffung des Goldstandards 1971 durch US-Präsident Richard Nixon haben wir es in unseren Währungen mittlerweile mit volkswirtschaftlich gefährlich starken Schwankungen zu tun- was zwar von Milton Friedman- einem erklärten Gegner des Goldstandards und fester Wechselkurse- auch vorhergesagt wurde, aber niemals in diesem Ausmass!

      • Marcopolo sagt:

        Was soll an Währungsmanipulation schlau sein? Auf den ersten Blick und kurzfristig (China WTO seit 2001) mag das ja noch so aussehen. Fragt man nach längerfristigen Folgen, kann das einem kalt über den Rücken laufen. Anbieter und Nachfrager von manipulierten Preisen verhalten sich anders als bei Marktpreisen. Diese Fehlverhalten werden über Jahre sukzessive kumuliert und führen zu akzentuiertem Auseinanderdriften von Wirklichkeit und Illusion im Falle China in allen Lebenslagen weltweit. Die Folgen sind Blasen, das Platzen schmerzhaft. Für ALLE, auch vor allem für die vermeintlich Schlauen, weil sie vom GAP vermutlich ganz besonders betroffen sein werden.

        • Ob die Währungen von Regierungen oder dem Markt (u. a. Futures-Geschäften) manipuliert werden, spielt im Endeffekt gar keine Rolle. Nur spielen die Chinesen damit ein Spiel auf Zeit, um ihre eigene Volkswirtschafts an die Spitze der Weltwirtschaft zu setzen. Was während der Tigerkrise passiert ist, haben eben auch sie sich gemerkt: Der Mittelabfluss aus Thailand und Indonesien war seinerzeit enorm; vor allem die extrem kurze Zeit, in der das Kapital von westlichen Investoren aus diesen beiden ländern abgezogen worden ist. Ergo koppelt man die eigene Währung von den westlich geprägten Gesetzen der „freien“ Marktwirtschaft ab. Dass beide Arten von Manipulation, ob privat oder staatlich, nicht gut herauskommt, daran wage ich nicht zu zweifeln. Warum haben die asiatischen Staaten ihre Devisenreserven seit dieser Krise so massiv- und auf historische Höchststände- hoch geschraubt? Eben.

  • Hampi sagt:

    Aus der Sicht eines Ökonomen hat Krugman, wie immer, recht. Aber er selbst sagt, dass seine Politik nicht unbedingt die einzig Richtige ist, weil man die politischen Mechanismen auch mit einbeziehen muss. Und in diesem Fall ganz besonders! Denn China ist nicht nur Währungsmanipulierer, sondern auch Hauptgläubiger der USA (und langsam aber sicher auch von Europa). Aus diser Sicht ist der US-chinesiche Konflikt einer von Schuldner gegen Gläubiger. Und was allgemein gilt, kommt auch hier zur Anwendung: Der Gläubiger sitzt normalerweise am längeren Hebel!
    Wenn man rational (und naiv?) genug ist, sollte dieser Konflikt eigentlich nicht ausser Kontrolle geraten, denn beide Länder haben sehr starke gemeinsame Interessen: China braucht die USA und Europa, um seine Produkte verkaufen zu können, und die USA und Europa brauchen China, weil sie ihre gewaltigen Schulden finanzieren müssen.
    Sehr waghalsig ist jedoch, ob man von einem US-Kongress, der sich im Populismus-wegen-Wahlen-Modus befindet und einer chinesischen Führung, die wegen eines Fischers, der von Japan verhaftet wird, in ihrem nationalistischen Eifer fast einen Krieg auszulösen schien, ob man von solchen Leuten vernünftiges Handeln voraussetzen kann.

  • Roman Günter sagt:

    Freihandel? Gibt es nicht! Interessanterweise muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die Ökonomie mit sozialem Verhalten zu tun hat und nicht naturwissenschaftlichen Gesetzen folgt. Somit ist es nichts als logisch, dass die Erschaffung von Vorteilen ein zentrales Element der Ökonomie ist, im Mikro wie natürlich auch im Makrobereich. Ein Staat hat sogar die Pflicht, die Interessen seiner Bewohner so weit wie möglich zu schützen. Somit bleibt eigentlich nur die Frage, wo sind die Grenzen für protektionistische Massnahmen. Währungspolitische Massnahmen sind aber nicht nur fiskalisch zu betrachten, sondern sind auch in der manövrierfähigkeit der Gesellschaft begründet. Die Einsperrung ganzer Volksgruppen (USA), Ruhigstellen im Sozialhilfetopf (DE) oder die Unberechenbarkeit des Rechtssystems (CN) lassen etwas mehr Spielraum diesbezüglich zu. In einer freien Gesellschaft muss immer für den Ausgleich zwischen Exportwirtschaft und Binnenmarkt gesorgt sein und schränkt somit die Möglichkeiten auf natürlichem Weg ein. Anstatt free trade sollte man vielleicht eher fair trade fordern.

  • Marcel Zufferey sagt:

    Jedem wirtschaftlichen Boom (nicht einfach konjunkturell bedingte Zyklen) gingen protektionistische Massnahmen voraus- von der napoleonischen Kontinentalblockade bis hin zum New Deal (der genau genommen ebenfalls stark protektionistische Züge aufwies, vor allem im Bereich des US-amerikanischen Arbeitsmarktes). Das sollte man nie vergessen!

    • Mark sagt:

      Herr Zufferey, dem New Deal ging in den USA Protektionismus voraus. Die Ökonomen sind sich heute einig, dass dies die Krise noch verschlimmert hat. Der New Deal war eine Art „Stimulus“-Packet in eher kleinem Rahmen und war vor allem psychologisch wichtig (Die Banken wurden für einige Tage geschlossen und dann wurde von der Regierung verkündet, welche Banken noch zahlungsfähig sind). Die Kontinentalblockade hat z.B. der Schweiz etwas geholfen, in der Textilindustrie Grossbritannien aufzuholen. Der französischen Wirtschaft hat sie aber stark geschadet, die Engländer habe neue Absatzmärkte erschlossen und Frankreich wirtschaftlich endgültig abgehängt. Aber China manipuliert heute den Devisenmarkt, Protektionismus in den USA ist dann eine Abwehrmassnahme für welche aber beide einen Preis bezahlen werden.

  • Baer sagt:

    Was unterscheidet Handel zwischen Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden und Handel zwischen Portugal und England? Antwort: Portugal und England haben unterschiedliche Währungen. Eine Aussenhandelstheorie muss deshalb Währungen berücksichtigen, vor allem schwankende Wechselkurse und die Möglichkeit, Reserven aufzubauen und somit „künstlich“ Vorteile zu schaffen. Doch genau dieses Phänomen der Realität behandelt die „moderne“ Aussenhandelslehre nicht – auch die von Krugman nicht. Deshalb ist die Aussenhandelslehre gar keine Aussenhandelslehre, sondern eine blosse Handelslehre.

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