Das Hoffen auf die Rettung in letzter Sekunde

Auf Rettung in letzter Minute zu hoffen, wäre ein Fehler: Ansturm der Kavallerie.

Darauf zu hoffen, dass die Euroländer am Ende schon noch das Richtige tun werden, ist ein Fehler: Ansturm der Kavallerie.

Der grösste Vorteil, den man als Buchautor hat, sind Einladungen an spannende Debatten mit interessanten Leuten. So bin ich in den letzten Tagen an ziemlich unterschiedlichen Orten herumgekommen: Ein Podium unter anderem der Wochenzeitung (PDF) gemeinsam mit Peter Schneider, ein weiteres von Derivative Partners bzw. «Friends of Struckis» mit Devisenmarktfachleuten, eine Veranstaltung in Strassburg bei einer europäischen Jugendorganisation (PDF) und eine Fernsehdebatte auf Star TV mit den SVP-Politikern Alfred Heer und  Claudia Zanetti sowie Moderator Christoph Romer.

Das Thema war überall die Eurokrise. Hier vier Grundmuster, denen ich in den Debatten dieser «Tournée» begegnet bin und die mir auch sonst verbreitet scheinen. Der Begriff Grundmuster besagt natürlich nicht, dass alle sie teilen und auch nicht, dass mir an allen Orten sämtliche begegnet sind oder gleich stark begegnet sind.

Grundmuster 1: Das «Biedermann-und-die-Brandstifter-Syndrom»

Obwohl mittlerweile die Krise in aller Munde ist, wird  noch immer von vielen die Ansicht geteilt, hier würden die Medien übertreiben oder dann würden die Euro- bzw EU-Kritiker die Probleme aufbauschen. Valéry Giscard d’Estaing, einst Präsident Frankreichs, der in Strassburg ebenfalls am Anlass der Euro-Jugendlichen auftrat, hat offenbar genauso argumentiert. So zumindest haben es mir seine Zuhörer berichtet, da ich selbst  zu spät in der Stadt eingetroffen bin.

Ein Grund für diese Ansicht könnte man in Anlehnung an das Stück von Max Frisch als «Biedermann-und-die-Brandstifter-Syndrom» bezeichnen. Solange der Brand noch nicht haushoch lodert, das heisst die Währung und die Banken im Euroraum noch existieren, kann man einfach die Augen vor allem verschliessen, was eigentlich immer unausweichlicher auf den Brand hindeutet.

Dieses Verschliessen der Augen vor der Realität gelingt umso besser, als es  zumindest einige fundamentale Kenntnisse voraussetzt (oder ein regelmässiges Lesen dieses Blogs) um die scheinbar technischen Zusammenhänge zu verstehen, die den Brand anzeigen. Man muss zum Beispiel verstehen, was es heisst, wenn Italien Zinssätze von mehr als 7 Prozent für seine Schulden bezahlen muss. (Hier, hier und hier kann man sich Schlau machen). Kurz: Bei den aktuell gestiegenen Renditen von Staatsanleihen (spiegelbildlich: ihrem gesunkenen Kurswert) ist die Gefahr eines Zahlungsausfalles – selbst eines grossen und unrettbaren Landes wie Italien – real. Noch früher drohen aber grosse Banken zu kollabieren, die umfassende Bestände solcher Staatsanleihen in ihren Büchern haben. Allein schon diese Befürchtung hat die Liquiditätsversorgung für europäische Banken austrocknen lassen. Das verstärkt einerseits die Gefahr für die Banken weiter, führt aber auch dazu, dass sie immer stärker zögern, Kredite zu vergeben. Letzteres wiederum verschlimmert die konjunkturelle Lage. Eine schlechte Konjunkturlage wiederum drückt weiter auf die Staatsfinanzen und damit die Staatsanleihen, ausserdem steigen dadurch die Konkurse von Privaten. Beides wirkt sich weiter negativ auf die Anlagen der Banken aus und macht ihr Kollabieren wahrscheinlicher.

Grundmuster 2: Der Glaube an die anrückende Kavallerie in letzter Sekunde

Eng verwandt mit dem Verharmlosen der Gefahren ist eine wahrscheinlich noch weiter verbreitete Ansicht: Jene, dass die Euroländer am Ende dann schon noch das Richtige tun werden. Dass also wie in den alten Western genau dann, wenn die Lage aussichtslos scheint, die Kavallerie am Horizont erscheint, und alle Bösewichte die Flucht ergreifen. Die Kavallerie ist im Euro-Kontext die EZB. So haben viele Leute erklärt, sie seien überzeugt, dass im entscheidenden Moment die Europäische Zentralbank doch noch mit ausreichenden entschlossenen Massnahmen eingreifen werde, um so die Explosion der Zinssätze für die Staatsschuld (genauer: die Rendite der Staatsanleihen) aufzuhalten und sogar wieder ins Gegenteil zu kehren.

So führte die am Mittwoch verkündete erweiterte Swap-Vereinbarung einer Reihe von Zentralbanken (PDF) zur Sicherstellung von Dollar-Liquidität für die Banken (später auch von anderen Währungen) selbst an den Börsen zu gewaltigen Freudensprüngen. Die Massnahme selbst ist natürlich nicht der grosse Durchbruch. Positiv gewertet wird sie wohl hauptsächlich deshalb, weil sie anzuzeigen scheint, dass die Zentralbanken der Abwärtsspirale doch nicht tatenlos zusehen. Vor allem nicht die hier entscheidende Europäische Zentralbank (EZB).

Das ist aber nur eine Lesart der Geschichte. Man könnte die jüngste Aktion der Zentralbanken aber auch ganz anders deuten: Als Ausdruck dafür, dass eine oder mehrere Grossbanken vom Zusammenbruch bedroht sind, das mit dem Finanzsystem sozusagen das Fundament des Euroraums bereits in Flammen steht. Angesichts der jüngsten Entwicklungen halte ich das sogar für die wahrscheinlichere Version. Dass angesichts dieser Ausgangslage die EZB weiter zögert direkter und entschiedener in die Märkte einzugreifen, halte ich nicht für einen Grund zur Beruhigung. Kein Wunder war denn auch die Euphorie an den Börsen von kurzer Dauer. (Siehe auch «Nachtrag» unten)

Das Vertrauen in die Kavallerie von Europolitikern und Notenbankern überrascht ohnehin angesichts der bisherigen Entwicklung der Krise. Tatsächlich haben diese bisher nicht den geringsten Grund für ein solches Vertrauen geliefert. Mit den bisher getroffenen Entscheiden konnte die Krise nicht gestoppt werden. Schlimmer noch, sie wurde dadurch weiter verschärft. Übertragen formuliert hat die Feuerwehr Öl ins Feuer gegossen oder die Kavallerie die Bösewichte unterstützt. Auch wenn man etwas tiefer in die Geschichtsbücher schaut, gibt es keinen Grund auf eine Vernunft zu hoffen, die am Ende zur Rettung des gefährdeten Gesamtwohls führen wird.

Grundmuster 3: Die Systemfrage als Ablenkungsmanöver

Die Eurokrise wird gerne in grundlegenden Kategorien diskutiert: Für die einen ist sie ein Beweis dafür, dass der Kapitalismus nicht funktioniert. Andere meinen gerade umgekehrt, dass alles nur die Folge von staatlichen Eingriffen sei. Andere sehen sich bestätigt, dass das moderne Zentralbanken -und Finanzsystem untauglich ist und ein harter Goldstandard her müsste. Wieder andere sehen die Krise als Beleg für eine grundlegende Ruchlosigkeit von Politikern und/oder Bankern. Einige sehen sich darin bestätigt, dass die EU ein ohnehin verabscheuungswürdiges Projekt ist.

Gemeinsam an allen solchen Fundamentalpositionen ist, dass sie am Ziel vorbeischiessen und von allen wirklich wichtigen, wenn auch weniger heroischen, teilweise auch technischen Detailfragen ablenken. Ein Beispiel: Die Art von Eingriffen der Zentralbank zu diskutieren ist zwar für das Thema sehr zentral, aber bedeutend weniger sexy und mühsamer als esoterische Fragen zu wälzen, wie zum Beispiel jene über die Ablösung des Kapitalismus durch ein Gegensystem, in dem pure Harmonie dominiert.

Tragischerweise gehen die Grundmängel der Eurozone selbst auf  heroische, das heisst abgehobenen polit-ökonomische Fundamentalpositionen zurück, die sich wenig um die Details der zugrunde liegenden Realität in den Ländern diese Zone gekümmert haben. Gemeinsames Geld für wirtschaftlich sehr unterschiedliche Länder einzuführen – und dies noch ohne Ausgleichsmechanismus im Fall von vorshersehbaren Schwierigkeiten – war auf jeden Fall ebenfalls ziemlich esoterisch.

Grundmuster 4: Ökonomische Zusammenhänge werden als moralische Lehre missdeutet.

Ebenfalls wenig mit den Details der Ursachen und Wirkungszusammenhänge befassen sich all jene, die die ganze Geschichte als moralische Lehre missdeuten. Ein Beispiel: Die schwachen Länder haben gesündigt, jetzt müssen sie dafür bestraft werden. Bleibt die Strafe aus, tun sie auch künftig nicht Recht und alles wird nur noch schlimmer.

Einerseits ist diese Ansicht schlicht falsch. Einige Länder wurden Opfer der Krise, die noch zu Beginn der Eurokrise als grosse Vorbilder galten – mehr dazu hier. Wichtiger als das unverantwortliche Ausgabenverhalten einiger Politiker ist für die Krise das aktuelle Korsett der Eurozone. Es verunmöglicht schlicht eine Konjunkturpolitik, die jedem Land gerecht wird und es verunmöglicht damit  schwachen Ländern wieder aus der Krise zu finden. Fordert man harte Sparmassnahmen von Regierungen jetzt sofort, weil sie zuvor überbordet haben – wie das für den griechischen Staat durchaus zutrifft – dann macht das ökonomisch keinen Sinn. Ganz egal, wie falsch die Politik des Landes in der Vergangenheit auch immer war. Harte Sparmassnahmen inmitten einer schweren Rezession drücken die Nachfrage und damit die Produktion noch weiter, weshalb sich auch die Rezession verschlimmert. Bei einer noch geringeren Wirtschaftskraft schrumpfen die Staatseinnahmen erst recht, während die Ausgaben im Verhältnis dazu weiter vermehren, weshalb am Ende sogar die Verschuldung weiter zunimmt.

Nachtrag:

Tatsächlich ist auf den Märkten wieder einmal etwas Hoffnung aufgekommen. Der Grund ist eine Rede, die EZB-Chef Mario Draghi gestern vor dem europäischen Parlament gehalten hat. Hier die entscheidende Passage:

We might be asked whether a new fiscal compact would be enough to stabilise markets and how a credible longer-term vision can be helpful in the short term. Our answer is that it is definitely the most important element to start restoring credibility. Other elements might follow, but the sequencing matters. And it is first and foremost important to get a commonly shared fiscal compact right. Confidence works backwards: if there is an anchor in the long term, it is easier to maintain trust in the short term. After all, investors are themselves often taking decisions with a long time horizon, especially with regard to government bonds.

Wirklich entscheidend sind nur die oben von mir hervorgehobenen Worte: «…but the Sequencing matters.» Sie werden weitum so interpretiert, dass man bei der EZB zu einem entschiedenen Eingreifen bereit sein könnte, wenn denn die Regierungen einen wasserdichten Fiskalpakt mit strenger Bestrafung bei Fehlverhalten schnüren. Man vergegenwärtige sich den Hintergrund von Draghis «starken» Worten: Die Finanzbranche Europas ist nicht mehr weit vom Kollaps entfernt (gratis Anmeldung erforderlich). Froh zu sein bedarf es in diesen Tagen immer weniger, der allergeringste Hoffnungsschimmer reicht aus.