Bankermoral vs. Bankerregulierung

Wo Geld ist, ist auch Schatten: Banker in London. Foto:  Geraint Rowland (Flickr)

Wo Geld ist, ist auch Schatten: Banker in London. Foto: Geraint Rowland (Flickr)

Dass Banken ein Problem mit ihrer Kultur haben, zeigt nun auch eine Studie. Setzt eine strengere Regulierung etwa durch Kapitalvorschriften am falschen Ende an? Im Gegenteil.

Storys von Bankern, die keine Skrupel beim Brechen von Regeln zeigen, reissen nicht ab. Banker waren es bereits, die durch ihr Verhalten einen wesentlichen Anteil an der Finanzkrise hatten. Seither werden alle paar Monate neue Skandale bekannt, die zu weltweiten Untersuchungen führen und die Institute Milliardensummen an Bussen kosten.

Wir haben es längst vermutet: Banker scheinen besonders wenig von moralischen Prinzipien geleitet zu sein.

Darauf weisen selbst Regulierungsbehörden hin – wie jüngst die Finma in ihrem Bericht zu den Devisenmarktmanipulationen bei der UBS (Hervorhebungen durch mich):

«Der Bank ist vorzuwerfen, dass innerhalb des Devisenhandels keine hinreichende Compliance-Kultur herrschte… Die Finma stellte fest, dass sich die Bank auch mit den unter Ziff. 3.3.2 und Ziff. 3.3.3 dargelegten wiederholten Verhaltensweisen eines beschränkten Personenkreises, welche teilweise nach bestimmten Mustern abliefen, entgegen den Interessen der Kunden sowohl treuwidrig im Sinne des aufsichtsrechtlichen Gebots von Handeln nach Treu und Glauben im Geschäftsverkehr als auch unredlich im Sinne des Gebots redlichen Handelns verhalten hat.»

Ähnliches findet sich zu anderen Banken in Berichten anderer Behörden.

Jetzt scheint die verbreitete Unmoral unter Bankern selbst eine wissenschaftliche Erhebung zu bestätigen. Gemeint ist ein bereits viel zitierter Artikel in der neusten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «Nature», verfasst von den an der Uni Zürich tätigen Ökonomen Alain Cohn, Ernst Fehr und André Maréchal (hier eine Zusammenfassung, hier und hier Artikel dazu).

Was die Ökonomen mit ihrem Experiment zeigen, ist allerdings nicht, dass Banker als Menschen besonders unmoralisch handeln. Gemäss der Studie ist es gerade umgekehrt: Menschen, die sich gewöhnlich moralisch verhalten, handeln deutlich unmoralischer, wenn sie dies als Banker tun.

Die Studie

Die Ökonomen haben in einem Experiment 128 Banker einer Grossbank mit einer durchschnittlichen Erfahrung von 11,5 Jahren in zwei Gruppen eingeteilt: Einer Kontrollgruppe haben sie eine Reihe von generellen Fragen der folgenden Art gestellt: «Wie viel schauen sie durchschnittlich pro Woche Fernsehen?» Den anderen – der sogenannten Behandlungsgruppe – haben sie gezielt Fragen gestellt, die ihren Bankjob und ihre Rolle dort betreffen. Damit wurden sie vor dem darauf folgenden Test unbewusst auf die Normen ihres Berufsumfelds konditioniert.

Die derart konditionierte Gruppe (Behandlungsgruppe) zeigte dann im darauf folgenden Test ein deutlich unmoralischeres Verhalten. Es ging darum, Münzen zehnmal unbeobachtet zu werfen. Für jeden Wurf, der einem vorgegebenen Resultat (Kopf oder Zahl) entsprach, gab es 20 Dollar zu gewinnen – im Maximum also 200 Dollar, im Minimum nichts. Das Geld gabs aber nur, wenn man besser oder gleich gut wie irgendeine zufällige Person einer ganz anderen Studie abschloss. Das sollte an die Wettbewerbsbedingungen in einer Bank gemahnen. Die folgenden beiden Grafiken zeigen das Resultat:

Blog Verteilung Muenze

Die Binomial-Verteilung (blaue Balken) zeigt die statistisch erwartbaren Ergebnisse, wenn beim Spiel niemand betrügt. Deutliche Abweichungen davon weisen daher auf betrügerisches Verhalten bei der Angabe der Münzwurfergebnisse hin. Vor allem wenn diese Abweichungen nur zu höheren Gewinnen tendieren.

Die roten Balken zeigen die Ergebnisse, wie sie sich in den beiden Gruppen ergeben haben. Links (Grafik a) sind die Ergebnisse der Kontrollgruppe wiedergegeben, die im Vorfeld nicht auf das Banker-Sein konditioniert wurde. Die Abweichungen sind minimal. Im Durchschnitt ist mit einer Erfolgsquote von 50 Prozent zu rechnen (entsprechend den beiden jeweils gleichen Wahrscheinlichkeiten für Kopf oder Zahl). Diese Gruppe vermeldete im Durchschnitt einen Erfolg von 51,6 Prozent.

Ganz anders die aufs Banker-Sein konditionierte Gruppe: Wie die rechte Grafik (Grafik b) zeigt, wichen hier die gemeldeten Resultate von den Erwartbaren deutlich ab, und es wurden im Vergleich dazu viel zu hohe Erfolge gemeldet. Die durchschnittliche Erfolgsquote lag bei 58,2 Prozent. Rund 10 Prozent haben sogar behauptet, mit jedem Münzwurf Erfolg gehabt zu haben, was zur maximalen Belohnung von 200 Dollar geführt hat. Interessant ist auch die Beobachtung, dass innerhalb dieser Gruppe die Banker aus dem Kerngeschäft (Investmentbanker, Trader, Privatebanker) stärker zum Betrügen neigten als jene aus unterstützenden Bereichen (wie Personal oder Risikomanagement).

Die Ökonomen haben solche Tests schliesslich auch mit Mitgliedern anderer Berufsgruppen durchgeführt, wo sich anders als bei den Bankern kein Unterschied im Verhalten gezeigt hat, wenn die Leute auf ihren Beruf konditioniert wurden.

Die Gefahr des Verwedelns

Man kann und wird sich mit Sicherheit über die Studie streiten. Dass die Kultur in Banken und insbesondere in einigen ihrer Abteilungen aggressiver ist und sich weniger an sonst gültigen Normen und Moralvorstellungen orientiert, entspricht – wie eingangs erwähnt – der Erfahrung und selbst Berichten von vielen Bankern, wenn sie nicht gerade befürchten, mit Namen damit zitiert zu werden.

Die Gefahr der Kulturanalyse ist aber, dass sie zu einer Verwedelung der Zusammenhänge führt. Die Feststellung, dass eine andere wünschbare Bankkultur alles viel besser machen würde, ist theoretisch schwer zu bestreiten, aber für sich gesehen so nutzlos wie die Beschwörung einer neuen inneren Ausrichtung der Menschen mit dem Zweck, den internationalen Frieden für immer zu sichern. Die Forderung ans Management, für eine bessere Kultur zu sorgen, oder jene der Autoren der oben erwähnten Studie, von den Banker einen Eid zu besserem Verhalten zu verlangen, wirkt ziemlich hilflos.

Im Vordergrund – und um weiterzukommen – muss die Analyse stehen, wie die Kultur so entstehen konnte. Kultur ist das Produkt von Geschichte, weshalb sie nicht einfach per Appell geändert werden kann. Schaut man sich die Banken an, dann wird ziemlich klar, welches die Treiber dieser Geschichte waren: institutionelle Bedingungen und Denkweisen weit über das Banking hinaus, die dem Verhalten der Banker über Jahrzehnte Vorschub geleistet haben.

Die Frucht der jüngsten Geschichte

Hier nur ein sehr verkürzter summarischer Überblick, Belege und Literatur zu jedem Punkt gibt es zuhauf: Ab den 80er-Jahren setzte sich die Vorstellung durch, dass möglichst ungehinderte Finanzmärkte für die Gesamtgesellschaft die besten Resultate erzielen. Entsprechend wurden Schranken abgeschafft, die man aus bitterer Erfahrung früherer Jahre einst den Banken auferlegt hatte. Gleichzeitig kam es zu einer weitgehenden internationalen Öffnung des Kapitalverkehrs.

Die Finanzindustrie hat seither einen gewaltigen Wandel durchlaufen. Bei den führenden Banken hat die ursprüngliche (Lehrbuch-)Aufgabe – die Zuteilung von Ersparnissen an Unternehmen – eine immer geringere Rolle am Gesamtgeschäft eingenommen, während (für ganze Volkswirtschaften) riskante Spekulationen an Bedeutung zugelegt haben. Eine Abfolge von immer dramatischeren Exzessen und Krisen war die Konsequenz. Parallel dazu stiegen die Gehälter und Boni der Banker, besonders die der Spitzenleute, ins Unermessliche.

Banker zu sein, verhiess Reichtum und Macht. Banker waren die Vorreiter des neuen Finanzkapitalismus. Ihr Handeln galt per Definition als richtig, neue und wiederauferstandene Theorien von perfekten Märkten schienen das zu untermauern. Die Länder hatten sich den Finanzmärkten anzupassen, nicht umgekehrt.

Typisch für die Denkweise der Zeit war die absurde, aber kaum bestrittene These, dass hohe Eigenkapitalrenditen hohe Gehälter rechtfertigen. Dabei sind solche Renditen auch ohne Gewinnsteigerung mit einer zunehmenden Verschuldung zu haben – also durch ein steigendes Risiko für ganze Volkswirtschaften. Wir haben die Konsequenzen 2008 erlebt. Wenn die Rechnung nicht aufgeht, müssen die Steuerzahler den Schaden berappen. Fehlanreize dieser Art waren und sind selbst heute noch an der Tagesordnung.

Die Möchtegern-Regenmacher bei den Banken haben in dieser Zeit gelernt: Die Regeln des Geschäfts stehen über anderen Regeln. Gesetzeslücken auszunutzen, wurde reich belohnt. Gesetzesbrüche zuweilen auch, solange man sich nicht erwischen liess. Und das war nicht so schwierig, denn Regulatoren schauten weg und verschrieben sich dem Mantra, dass die Märkte sich am besten selbst kontrollieren.

Die Anreize, mit unredlichem Verhalten besonders viel verdienen zu können – wie sie jetzt Aufsichtsbehörden kritisieren –, waren kein unerwünschter Nebeneffekt der Entwicklung: Die Vorstellung, sich an allgemeine Massstäbe halten zu müssen, hatte einen sehr geringen Stellenwert. Nur das Gewinnstreben zählte. Mit ihm nütze man dem Gemeinwohl letztlich am meisten, so der Leitspruch. Wie kann man über die Kultur bei den Banken überrascht sein?

Regulierungen, Anreize, Rahmenbedingungen statt Appellen

Diese Geschichte lehrt: Wichtiger als ein Appell an eine bessere Kultur der Banker sind gescheite Regulierungen und Anreize, die ein Verhalten (das für die gesamte Volkswirtschaft schädlich ist) bestrafen und nicht mehr wie bisher belohnen. Deutlich höhere Eigenkapitalanteile als bisher gefordert zählen dazu.

Dazu sollte man aber nicht in erster Linie auf einen Wandel der Kultur in den Banken zählen. Dort hat man für solche Anliegen wenig überraschend kein Verständnis. Wichtiger ist daher ein Wandel der politischen und öffentlichen Kultur den Banken gegenüber, damit sich bessere und griffigere Regeln durchsetzen lassen.