Wie ein deutscher Ökonom zum Star im Fernen Osten wurde

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Wenn man eine Liste mit den zwanzig einflussreichsten Ökonomiebüchern machen würde, dann müsste man wohl zwingend folgende fünf Werke auflisten:

  1. Adam Smith, The Wealth of Nations (1776)
  2. Karl Marx, Das Kapital, Band 1 (1867)
  3. John Maynard Keynes, General Theory of Employment, Interest and Money (1936)
  4. Paul A. Samuelson, Economics: An Introductory Analysis (1948)
  5. Milton Friedman/Anna J. Schwartz, A Monetary History of the United States, 1867-1960 (1963)

Aber dann wird’s schwierig. Welche weiteren Werke müsste man unbedingt erwähnen? Es gibt keine objektiven Kriterien. Je nach Interesse fällt die Auswahl ganz anders ein.

Mein Favorit ist ein Werk aus dem Jahre 1841: «Das nationale System der Politischen Ökonomie» vom deutschen Ökonomen Friedrich List (1789-1846). Darin argumentiert List, dass Länder, die sich wirtschaftlich entwickeln wollen, die einheimische Industrie in der Anfangsphase durch Protektionismus vom globalen Wettbewerb abschirmen müssen. Erst in einer fortgeschrittenen Phase sollten diese nachholenden Länder den Freihandel einführen. In der angelsächsischen Ökonomie figuriert die Idee unter dem Stichwort „infant industry argument“ (infant = Kleinkind).

Ob List damit recht hatte oder nicht, ist unerheblich. Wichtig ist, dass diese Idee ausserordentlich grosse Wirkung auf die praktische Wirtschaftspolitik hatte. Auch die Tatsache, dass zur Zeit kaum mehr jemand von List spricht, ist kein Argument. Der Einfluss von Marx ist heute auch viel kleiner als noch vor fünfzig Jahren. Dennoch ist seine historische Bedeutung unbestritten.

List entwickelte seine Theorie, als er sich im Exil in den Vereinigten Staaten befand (1825-34). Er sah, wie das junge Land seine Industrie seit der Unabhängigkeit gegen die englische Konkurrenz geschützt und ein schnelles Wachstum erzielt hatte. Zurück in Europa, setzte er sich für dieselbe Art der Wirtschaftspolitik ein. Sie stiess auf offene Ohren.

Deutschland setzte im 19. Jahrhundert öfters protektionistische Massnahmen ein, um die Exportindustrie zu fördern. Oft waren es nicht einmal so sehr die Zölle, sondern Exportsubventionen, billige Kredite oder garantierte staatliche Aufträge, die Kostenvorteile brachten. Natürlich lässt sich lange darüber streiten, ob diese Massnahmen tatsächlich die erhofften positiven Wirkungen brachten. Entscheidend war: Die Politiker glaubten daran und handelten entsprechend.

Von Deutschland aus verbreitete sich Lists Idee nach Japan, das nach demselben Muster vorging: zuerst Schutz, dann Freihandel. Nach 1945 wählten Südkorea und Taiwan dieselbe Strategie. Bis heute sind diese drei ostasiatischen Länder die einzigen ausserwestlichen Staaten, die es geschafft haben, durch Industrialisierung das Wohlstandsniveau Westeuropas und Nordamerikas zu erreichen.

Für Joe Studwell, einem Kenner der ostasiatischen Wirtschaftsgeschichte, steht ausser Zweifel, dass der selektive Protektionismus à la List von entscheidender Bedeutung war. In Bezug auf die südkoreanische Wirtschaftspolitik schreibt er:

Along the way, Korean bureaucrats were reading not the rising American stars of neo-liberal economics, or even Adam Smith, but instead Friedrich List. The Korea and Taiwan scholar Robert Wade observed when he was teaching in South Korea in the late 1970s that ‚whole shelves‘ of List’s books could be found in the university bookshops of Seoul. When he moved to the Massachussetts Institute of Technology (MIT), Wade found that a solitary copy of List’s main work had last been taken out of the library in 1966. Such are the different economics appropriate to different states of development.