Ein unerwartetes Comeback

Griechische und schweizerische Münze aus der der Zeit der Lateinischen Münzunion. (Foto: Wikipedia)

Griechische und schweizerische Münze (r.) aus der der Zeit der Lateinischen Münzunion. (Foto: Wikipedia)

Noch vor fünf Jahren hat sich kein Mensch für sie interessiert, aber mittlerweile ist sie so etwas wie eine Kronzeugin in der aktuellen Diskussion: die Lateinische Münzunion (LMU). Sie wird von ganz unterschiedlicher Seite ins Spiel gebracht – von den einen als Beispiel für eine gelungene Währungsunion ohne Fiskalunion, von den anderen als Beweis, dass auch die Schweiz mal Teil einer Währungsunion gewesen sei und es deshalb keinen Grund gebe, das Euro-Projekt allzu harsch zu kritisieren.

Die Wiederentdeckung der Lateinischen Münzunion besteht aber auf einem grossen Missverständnis. Eine Münzunion ist nicht dasselbe wie eine Währungsunion, auch wenn der semantische Unterschied auf den ersten Blick vernachlässigbar scheint. In der Eurozone haben alle Mitgliedsländer dieselbe Währung und dieselbe Zentralbank, in einer Münzunion bestehen die nationalen Währungen weiter und das Notenmonopol liegt bei der nationalen Zentralbank oder bei den privaten Notenbanken (in der Schweiz bis 1907). Dieser Unterschied ist nicht nebensächlich, sondern berührt den Kern des Euro-Projekts.

Der emeritierte Berner Ökonomieprofessor Ernst Baltensperger hat den Unterschied in seinem neuen Buch über den Schweizer Franken treffend auf den Punkt gebracht (S. 85):

Im Vergleich zur Europäischen Währungsunion unserer Tage stellte die Lateinische Währungsunion allerdings eine viel weniger weitgehende Integration der Geld- und Währungspolitik dar. Die Währungen der Mitgliedsländer blieben in ihrer Definition und gesetzlichen Grundlage national verankert. Eine Abgabe monetärer Souveränität an die Gemeinschaftsebene fand nicht statt und eine gemeinschaftliche Entscheidungsbehörde gab es nicht.

Wie Baltensperger weiter schreibt, sollte man die LMU eher mit dem Bretton-Woods-System vergleichen, d. h. mit einem Währungsregime, bei dem die einzelnen Wechselkurse gegeneinander fixiert waren. Das bedeutete vor allem, dass die Mitgliedschaft jederzeit kündbar war:

Austritt und Rückkehr zu einem abweichenden währungspolitischen Kurs blieben grundsätzlich möglich.

So verliess zum Beispiel Griechenland 1908 die LMU, weil das Land über eine längere Zeit eine Wirtschaftspolitik verfolgt hatte, die nicht mit einem fixen Wechselkurs vereinbar war. Und 1914 traten alle Mitgliedsländer wegen dem Ersten Weltkrieg temporär aus. Man versuchte nach dem Krieg, die LMU wieder zu beleben, aber es war aussichtslos. Im Laufe der 1920er Jahre wurde sie dann offiziell begraben.

Natürlich kann auch ein Euro-Land austreten, aber die Operation ist ungleich schwieriger als vor hundert Jahren. Griechenland hätte man längst gehen lassen müssen, aber die technischen Schwierigkeiten und die Angst vor einem Domino-Effekt bremsen alle Initiativen. Als Griechenland 1908 die LMU verliess, musste man sich nicht um solche Fragen kümmern.

Man kann es deshalb nicht genug wiederholen: Die Idee, dass souveräne Staaten eine gemeinsame Währung einführen und ihre geldpolitische Autonomie an eine gemeinsame Zentralbank abgeben, ist historisch einzigartig. Und dies ist genau der Grund, warum es von Beginn weg viele skeptische Stimmen gegeben hat (hier ein oft zitiertes Beispiel aus dem Jahr 1992). Der Verweis auf die LMU lenkt nur von den aktuellen Problemen ab.