Moral vs. Ökonomie

Gemälde des Thomas von Aquin.

Vertrat im Spätmittelalter das Zinsverbot in der katholischen Kirche: Thomas von Aquin.

Ökonomische Analysen sind unmoralisch – und das ist gut so. Leider bestehen hier eine Menge Missverständnisse.

Gehen wir ein typisches Beispiel aus gängigen Alltagsanalysen durch, wie sie sicher die meisten schon gehört oder gelesen haben:

Dass Griechenland jetzt hart sparen muss und dass das Land leidet, ist nur gerecht. Immerhin haben die Griechen lange Zeit über ihre Verhältnisse gelebt. Dass dann jetzt ausgerechnet jene ihr Geld für dieses Land riskieren sollen, die selbst den Gürtel enger geschnallt haben, ist unmoralisch und deshalb auch eine schlechte ökonomische Lösung.

Debatten um die Frage, ob Griechenland weiter Geld erhalten soll und zur Wirkung von Austerität laufen oft unter dem Motto, dass Griechenland schliesslich selbst Schuld ist. So wird dann nicht nur die Krise Griechenlands zu einer Moralgeschichte, sondern die Eurokrise generell: Die Länder haben generell überbordet, nun sollen sie büssen. Dass das so nicht stimmen kann, zeigt die folgende Grafik (die Prozentsätze beziehen sich auf das Bruttoinlandprodukt, der schwarze Strich bezeichnet die Maastricht-Höchstgrenze von 60 Prozent):

Wie die Grafik zeigt, waren die heutigen «Krisenländer» Spanien und Irland einst Musterschüler in Sachen Staatsverschuldung. Genau genommen hätte diese Entwicklung damals, bzw. die Gründe dahinter bereits ein Warnzeichen sein sollen – auch das positive moralische Urteil führt in die Irre. Wer sich mit der Eurokrise vertieft befasst, bzw. diesen Blog regelmässig liest, weiss, dass die Ursache der Eurokrise in erster Linie die institutionellen Unzulänglichkeiten der Währungsunion sind, die diesmal nicht Thema sein sollen (mehr dazu hier oder hier). Immerhin scheint der moralische Fingerzeig im Fall von Griechenland am meisten angebracht zu sein: Der griechische Staat hat massiv überbordet und bei den Statistiken getrickst. Tatsächlich hat das dieser Staat schon vor der Euromitgliedschaft, doch diese hat es ihm dank rekordtiefen Zinsen in den 2000er-Jahren erst ermöglicht, die Verschuldung in neue Sphären zu hieven.

Dennoch: Für eine Einschätzung über die richtige wirtschaftspolitische Antwort auf die aktuelle Lage Griechenlands ist die Frage der «Schuld» selbst dieses Landes, bzw. seiner Politiker irrelevant. Eine Bestrafung des Landes sorgt weder für eine «gerechte» Lösung – es werden nicht in erster Linie jene bestraft, die für das Überborden verantwortlich sind – noch ist das hilfreich zur Lösung irgendeines Problems weder in diesem Land noch in einem anderen der Eurozone. Wenn harte Sparmassnahmen inmitten einer seit fünf Jahren anhaltenden Depression mit einer Arbeitslosigkeit von 25.4 Prozent, einer Jugendarbeitslosigkeit von sagenhaften 57 Prozent und der Unmöglichkeit einer Währungsabwertung tatsächlich funktionieren würden, dann wäre eine solche Politik zu befürworten, nicht aber als Strafe. Nun, sie funktioniert offensichtlich nicht. Diese Politik zeigt bisher alles andere als die erhofften Früchte, was genau besehen wenig überrascht. Doch die moralische Argumentation übertrumpft offenbar die ökonomische Realität und sorgt so für schlechtere Ergebnisse, laut Paul De Grauwe ist das ein Grundproblem für die gesamte Politik in der Eurokrise (PDF).

Doch das Problem mit der Vermischung von moralischen Urteilen und der ökonomischen Analyse geht deutlich weiter: Das zeigt sich besonders am Begriff der «Schuld». Er hat gleichzeitig die ökonomische Bedeutung eines geschuldeten Betrags, wie auch die moralische im Sinne von «Schuld sein» durch ein Vergehen. Da liegt die Idee der Bestrafung nahe.

Seit der Finanzkrise wird denn in unterschiedlichen Debatten jede Art von Verschuldung ganz generell als Laster identifiziert. Ohne die Möglichkeit von Verschuldung müsste die Welt besser sein, ist für viele die Schlussfolgerung. Wer sich verschuldet, gefährde die wirtschaftliche Entwicklung.

Hier zeigt sich die Vermischung von moralischem Urteil und ökonomischer Analyse in Reinform. Denn tatsächlich ist es umgekehrt: Ohne die Möglichkeit, sich verschulden zu können, wären wir sehr viel ärmer. Ausgezeichnet hat das Izabella Kaminska von FT Alphaville in einem Beitrag unter dem Titel «On the demonisation of debt» schon im vergangenen November zusammengefasst. Hier zwei sehr allgemeine Hinweise auf den Nutzen von Verschuldung:

  • Sie ermöglicht die Trennung von Investition und Einkommen. Wer ein Unternehmen starten will, eine Innovation hervorbringt, oder als Landwirt das Saatgut und die Geräte aufbringen muss, um eine spätere Ernte überhaupt erst zu ermöglichen, braucht am Anfang Mittel, die ihr oder ihm fehlen, bzw. die sie oder er erst später verdient, wenn die Rechnung aufgeht. Wäre die Möglichkeit der Verschuldung ausgeschlossen, müsste sie oder er das Unterfangen aufgeben. Die Möglichkeit der Verschuldung ermöglicht es, Kosten und Erträge zeitlich zu trennen.
  • Die Möglichkeit der Verschuldung ermöglicht weiter die Verteilung der Früchte der eigenen Produktivität auch über den eigenen Lebensverlauf. Wer nach einer guten Ausbildung einmal besonders Leistungsfähig sein möchte, benötigt aber schon zu Beginn die Mittel zum Erwerb dieser Fähigkeiten. Ohne Verschuldung ist das nicht zu machen.

Kein Wunder war Verschuldung immer ein Teil des menschlichen Wirtschaftens – und ist keineswegs eine Frucht des modernen Kapitalismus.

Mit Verschuldung eng verknüpft ist der Zins. Wiederum ein moralisch höchst aufgeladener Begriff. Sowohl die christliche, wie die muslimische Religion haben eine Geschichte von Zinsverboten. Besonders bekannt dafür ist die Lehre von «Kirchenvater» Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Aber sie haben auch eine Geschichte der Umgehung dieser Verbote. Kaum jemand leiht Geld aus, ohne für das Risiko dieser Ausleihungen entschädigt zu werden – ob es nun das Risiko ist, das Geld nicht zurückzuerhalten oder das Risiko der Geldentwertung.

Mit den Begriffen Verschuldung, Zins und Risiko sind wir schliesslich bei den Banken angelangt. Auch sie haben nicht erst seit der Finanzkrise einen ausgesprochen schlechten Ruf in Sachen Moral. «Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?» – so lautet die immer wieder gern zitierte Aussage aus Bertold Brechts Dreigroschenoper. Tatsächlich haben auch Banken eine zentrale Funktion im modernen Wirtschaftsleben: Ihre Aufgabe ist die Vermittlung der temporär nicht benötigten Vermögen an jene, die für die Mittel eine bessere aktuelle Verwendung haben und entsprechend dafür zu zahlen bereit sind. Und die Banken sollten aus ihrer Erfahrung die Risiken am besten einschätzen und sie mit einem angemessenen Preis versehen können. Genau das ist die Funktion des Zinses, er ist Ausdruck für das eingegangene Risiko, die Knappheit der vorhandenen Mittel und die Erfolgschancen des Projekts, für das Mittel nachgefragt werden.

Keine Frage, so harmonisch wie in dieser Lehrbuchbeschreibung der Funktionen von Schuld, Zins und Bankwesen funktioniert die reale Welt nicht. Aber nicht, weil es Schulden, Zins und Banken gibt, sondern weil die Entwicklung menschlicher Gesellschaften nicht harmonisch verläuft. Die Instabilität, die sich im Umgang mit Schulden und im Verhalten des Finanzwesens zeigt, ist die Instabilität der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Einschätzungen zur Zukunft und damit zu den eingegangenen Risiken können fundamental falsch sein und sie sind es oft auch. Das aus den Augen zu verlieren, ist eine der tieferen Ursachen von Verschuldungskrisen, Bankzusammenbrüchen und schwerer wirtschaftlicher Krisen. Sie folgen, wenn die Demut vor der Wandelbarkeit gesellschaftlicher Umstände vergessen geht. Wenn alle glauben, die Risiken kontrollieren und perfekt messen zu können, wenn darauf die Preise und Zinsen basieren und in der Folge auch die eingegangene Verschuldung, die dann tatsächlich immer wieder überbordet (mehr dazu hier). Das kann auch passieren, wenn es möglich ist, auf Kosten von anderen hohe Schulden einzugehen – auf Kosten der eigenen Bevölkerung, einer nachfolgenden Regierung, einer nachfolgenden Generation oder wie im Fall der Banken auf Kosten der Öffentlichkeit, die dann rettend einspringen muss, wenn das gesamte Finanzsystem zusammenzubrechen droht.

Aus einer guten ökonomischen Analyse folgt nicht, Schulden seien stets unbedenklich, aber auch nicht, sie seien verdammenswürdig. Sie fragt nach den Bedingungen, unter denen sie schädlich und unter denen sie nützlich sind. Das ist das Thema von Ökonomie, nicht die Moral.

Das alles heisst natürlich nicht, dass moralische Urteile und moralisches Handeln keine Bedeutung hätten. Das hat eine enorme Bedeutung, ganz besonders auch auch im Bereich der Wirtschaft. Das Thema sind aber  ökonomische Analysen. Wenn sie gut sein sollen,  müssen sie amoralisch sein und frei von ideologischen Vorgaben – genauso wie das Lösung von Rechenaufgaben. Das heisst, sie sollen Wirkungszusammenhänge untersuchen, ohne dies mit der Wünschbarkeit eines Wirkungszusammenhangs zu vermengen. Die Summe von 6 und 7 ergibt selbst dann 13, wenn jemand das für eine Unglückszahl hält.