Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion
Logo

Danke für die Schwalbe

Christian Andiel am Dienstag den 30. Juni 2015

Kampf, Dynamik und der unbändige Zug zum Tor: Suche die Unterschiede zum Männerfussball. Szene aus dem WM-Viertelfinalspiel Japan – Niederlande. Foto: Keystone

Ich weiss ja nicht, wie das bei Ihnen war. Für mich war jedenfalls ziemlich klar, dass die Frauen-WM in Kanada so was von spurlos an mir vorübergehen wird. Gründe musste ich eigentlich nie angeben, wenn ich diese doch ziemlich respektlose Aussage machte. Im Gegenteil: Spontane Zustimmung war mir so sicher wie sonst nie, wenn es um Fussball geht. Hier ein Augenzwinkern des Gegenübers, da ein lautes Lachen, wie man überhaupt auf dieses Thema komme. Grosses Einverständnis also unter wissenden Brüdern.

Die Partie Schweiz – Japan habe ich mir dann noch zeitversetzt angeschaut (zuletzt bin ich um diese Uhrzeit mitten in der Nacht wegen Joe Frazier aufgestanden). Fortan aber war ich ein erstaunlich zuverlässiger Gast vor dem TV-Gerät, wenn die Teams auf den Platz kamen. Und es hat zunehmend Spass gemacht, den Frauen bei ihrem Tun zuzuschauen. Besonders eine war grandios, die Kolumbianerin Lady Andrade mit ihrem unglaublichen Ballgefühl, ihren Tricks, ihren Körpertäuschungen. Man sah sie vor sich, wie sie akribisch Cristiano Ronaldo zukuckt und hernach stundenlang an seinen Finessen übt. Erfolgreicher als viele Männer.


Die Tricks der Lady Andrade. Quelle: Youtube

Das Teilnehmerfeld von 24 Teams mag für die Entwicklung des Frauenfussballs wertvoll sein, dem Turnier selbst tat diese grosse Zahl allerdings nicht nur gut. Zwei Siege mit jeweils 10 Toren, ein 6:0 – in der Vorrunde waren die Leistungsniveaus der Teams oft zu krass verschieden. Zum grössten Teil lagen diese Unterschiede aber an den Leistungen der Goalies. Hier zeigten sich meiner Meinung nach die gravierendsten Unterschiede zum Männerbereich, wenn man sich einzelne Positionen anschaut. Was Goalies in Kanada teilweise zeigten, war einfach ungenügend, manchmal – man muss es sagen – an der Grenze zum Absurden.

In allen anderen Bereichen war deutlich zu sehen, wie professionell im Frauenfussball mittlerweile in vielen Ländern gearbeitet wird. An der Athletik, in taktischer Hinsicht. Je länger das Turnier läuft, je mehr sich also die Besten durchsetzen, umso intensiver zeigt sich dies in den Spielen.

Und was mir gerade in diesen Momenten der K.-o.-Spiele auffällt (oft erst hinterher): Dramatik und Spannung reissen keinen Deut weniger mit als bei Männerspielen. Spätestens da ist es auch völlig irrelevant, dass Frauenspiele weniger dynamisch sind, die Spielerinnen mehr Zeit haben, den Ball zu verarbeiten, das Spielfeld manchmal viel grösser wirkt. Es entwickelt sich sogar eine ganz eigene Dynamik, weil Frauenspiele deutlich weniger wegen Fouls unterbrochen werden, somit vielmehr Spielfluss haben. Ich fühlte mich immer wieder an die Phase im Tennis erinnert, als Männerspiele weitgehend nach dem schlichten Modus «Aufschlag, Punkt, fertig» funktionierten. Weshalb die Partien der Frauen, obwohl deutlich weniger Kraft im Spiel war, mit ihren langen Ballwechseln einen ganz eigenen Zauber entwickelten.

Doch zurück zum Fussball. Zurück vor allem zur Viertelfinalpartie zwischen Frankreich und Deutschland. Da geschah in der 88. Minute Folgendes: Die Französin Claire Lavogez drang in den Strafraum ein und produzierte eine Schwalbe, die selbst Andy Möller und Arjen Robben zu plump gewesen wäre.


Eine Schwalbe in Kanada. Quelle: ZDF

Irgendwie erfreute mich diese Situation (ohne nun natürlich jungen, moralisch integren Fussballerinnen einen fatalen Ratschlag erteilen zu wollen): Aber vor der WM ärgerte mich immer ein wenig, dass Verfechterinnen des Frauenfussballs regelmässig auf die grössere Fairness hinwiesen, als es darum ging, warum man die Spiele anschauen solle. Zum Beispiel sagte die Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg, bei ihnen gäbe es im Unterschied zu den Männern «weniger Theatralik». Das mag ja sein, aber soll das ein Grund sein, hinzuschauen? Steckt hinter diesem Verweis auf das Gutmenschentum nicht eher der Versuch, von anderen Defiziten abzulenken?

Das hat sich dank Claire Lavogez erledigt (die übrigens später den entscheidenden Versuch im Penaltyschiessen vergab, wodurch sich die sackstarken Französinnen um den verdienten Lohn brachten). Ritterliche Fairness (was ist der weibliche Part zum Ritter?), keine Theatralik? Je mehr der Stellenwert des Frauenfussballs steigt, umso wichtiger wird er als Job, umso wichtiger werden derartige Spiele, umso mehr werden Grenzen und Möglichkeiten ausgetestet. Was also zeigt uns Lavogez’ Schwalbe unmissverständlich? Die Frauen schreiten mit ihrer Professionalisierung im Fussball munter voran. Wunderbar.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Weitere Artikel

« Zur Übersicht

2 Kommentare zu “Danke für die Schwalbe”

  1. sibelius sagt:

    ja, weniger schwalben, weniger fouls, weniger simulatitis, weniger macho-gehabe. einfach weniger von all den sachen, die im (männer-)fussball nerven. es macht richtig spass, zuzuschauen.

  2. Peter Schöni sagt:

    Danke für diesen Beitrag. Eine würdige Würdigung des Frauenfussballs. In den Achtel- und Viertelfinals gab es tatsächlich einige attraktive Begegnungen.

    Leider ist es nach wie vor eine Tatsache, dass Frauenfussball in den meisten Ländern (vielleicht von Ausnahmen wie etwa den USA und Schweden, evtl. auch Japan, abgesehen) zweitklassig behandelt wird. Mädchen und Frauen haben schlechtere Trainingsbedingungen und Trainingszeiten. Da kann man ja wohl kaum den Spielerinnen einen Vorwurf machen, wenn sie nun technisch und taktisch hinter den Männern zurückliegen. Grob geschätzt spielen Männer seit 120–150 Jahren organisiert Fussball, 1930 wurde die erste WM ausgetragen. Zum Vergleich dazu kicken Frauen erst seit rund 50 organisiert und die erste WM war 1991.

    Ob nun Voss-Tecklenburg mit ihrer Aussage «weniger Theatralik» wirklich von anderen Defiziten ablenken wollte, weiss nur sie selbst. Jedenfalls empfinde ich es als positiv, dass das unsägliche, reflexartige Bestürmen des Schiedrichters bei (umstrittenen) Entscheidungen bei den Frauen weniger zu beobachten ist.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.