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Vorbild Nordkorea

Guido Tognoni am Dienstag den 5. Mai 2015

Die drei haben bei der kommenden Wahl des Fifa-Präsidenten keine Chance, aber bis zur Stunde wollen sie diese dennoch wahrnehmen. Deshalb flogen Prinz Ali bin al-Hussein, Michael van Praag und Luis Figo auf die Bahamas, nach Paraguay, nach Ägypten und nach Bahrain. Sie kamen, um zu den Delegierten der kontinentalen Dachverbände zu sprechen, die sich an den Kongressen versammelt hatten. Der jordanische Prinz Ali (39) ist immer noch Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees und spendet eigenes Geld für Fussballprogramme in Asien, Michael van Praag (67) führt den holländischen Verband an und gewann als Präsident von Ajax Amsterdam 1995 die Champions League, und der Portugiese Luis Figo (42) hat während Jahren Millionen mit seinem Spiel begeistert.

Alle drei sind also keine Idioten, die irgendeine Fussballparty stören wollen. Aber alle haben einen schweren Makel: Ali, Van Praag und Figo haben angekündigt, dass sie am 29. Mai in Zürich gegen den Amtsverteidiger Sepp Blatter antreten wollen. Ihre Aufgabe besteht gemäss der Strategie des europäischen Dachverbandes Uefa unter Michel Platini vor allem darin, Sepp Blatters ungefährdete Wiederwahl durch Akklamation zu verhindern. Doch solche Dreistigkeit muss bestraft werden: Die drei Herren durften zwar bei den Versammlungen jeweils dasitzen und lauschen, erhielten aber Sprechverbot. Die Vorstellung ihrer Ideen über die Zukunft der Fifa ohne Sepp Blatter wurde ihnen nicht gestattet – eine schlimme Demütigung für Leute, die nachweislich viel für den Fussball getan haben.

Gesprochen hat dafür überall der grosse Vorsitzende. Der ewige Präsident Joseph S. Blatter, auf den Bahamas von einem noch vor kurzem wegen Korruption suspendierten Verbandspräsidenten mit Abraham Lincoln, Nelson Mandela und Jesus verglichen, redete ausführlich und wie üblich mit grossen Gesten. Dass der 79-Jährige auch mal einen Namen verwechselte, tut nichts zur Sache, denn das Wesentliche, das Blatter beschwört, ist ohnehin bekannt: Seine Lieblingsthemen sind nebst der Geldverteilung seit Jahrzehnten Fairplay, Respekt, die Einheit der Fifa-Familie, die erzieherische Aufgabe des Fussballs und die vielen Milliarden Menschen, die gemäss seiner Wahrnehmung «direkt oder indirekt» mit diesem Sport verbunden sind.

Auch über Ethik spricht der Präsident gerne. Die hauseigene Ethik-Kommission, die als Folge der vielen Skandale in der Zeit von Blatters Wirken, der Not gehorchend, unter dem Titel «Fifa-Reform» eingeführt werden musste, betrachtet der Walliser als grosse Errungenschaft. Dass nun seine Fussball-Ethiker, allein schon im Tagesgeschäft überfordert, daran denken, wegen der Redeverbote für Blatters Rivalen einzugreifen, darf allerdings nicht erhofft werden. Themen, die mit dem mächtigen Präsidenten in Verbindung stehen, sind zu delikat – da akzeptiert man lieber Zustände wie in Nordkorea.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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5 Kommentare zu “Vorbild Nordkorea”

  1. Pierre Marcel Vallon sagt:

    Der bald greise Blatter, der den Weltfussballverband fast wie ein Diktator regiert, wird für die FIFA unerträglich und schadet dem Ansehen der Schweiz. Zahlreiche seiner Unterstützer in Afrika und Asien sind korrupt, womit Blatter dank deren Mehrheit bei der kommenden Präsidentenwahl nur deren Hampelmann würde, dem die Europäer schon längst den Rücken gekehrt haben. Dass die UEFA als stärkster Kontinentalverband mit den stärksten Nationalteams (u.a. dem amtierenden Weltmeister) und Klubs der Welt mit Platini, Beckenbauer & Co. eine solche Wiederwahl nicht verhindern können, ist unverständlich. Die FIFA hätte für den Präsidenten und die Mitglieder des Exekutivkomitees schon längst eine Alterslimite wie z.B. 65 Jahre und auch eine Amtszeitbeschränkung von maximal 3 Amtszeiten einführen sollen. Dann hätte es das Problem Blatter nie gegeben.

  2. kurt sagt:

    Dieser Sepp Blatter ist unerträglich. Katar, Russland bei der FIFA zeigt sich wie schädlich die Macht ist und wie sie die Menschen verdirbt. Blatter gehört weg. Er kann den Fussball den jüngeren ( ebenfalls korrupten) überlassen.
    Bei der FIFA wird sich nie was ändern und schon gar nicht unter Blatter.

  3. Michael sagt:

    Kann man aus so einem Verband nicht austreten ? Auf der anderen Seite, alle wissen doch, was der Sepp für ein korrupter Mensch ist, aber keiner unternimmt etwas. Wäre er ein Politiker, er wäre schon längst einem Umsturz zum Opfer gefallen und alle sein Güter wären konfisziert. Kann mir doch keiner erzählen, das Kaiser Beckenbauer oder Michel Platini nicht dazu in der Lage sind, eine derartige Palastrevolution anzuzetteln, und den Fussball wieder dem Volk zurückzugeben. Das sie es nicht tun, wirft kein gutes Licht auf sie.

  4. Peter Stauffer sagt:

    Jaja die FIFA mit dem im Jahr 1998 mit Bestechungsvorwürfen überschatteten Wahl des Präsidenten Sepp Blatter in Paris. Seither wird in den Medien immer wieder von Korruption, Schmiergeldskandalen, von Blatter erteilten Redeverboten und verbalen Drohungen Seitens Blatter gegen unbequeme Rivalen, erfolgloser Gerichtsprozessen gegen korrupte Funktionäre der FIFA berichtet. Dieses Bild spiegelt der Weltfussballverband weltweit der Öffentlichkeit wieder.
    Gleichzeitig spricht der Präsident von dieser äusserst fragewürdigen Organisation über Fairness und Worten wie
    Zitat Blatter: “meine Aufgabe ist erfüllt, wenn die Gesellschaft uns dabei unterstützt, mit dem Fußball zu einer besseren Welt beizutragen.”
    Es fehlt nur noch, dass Blatter und seine FIFA Funktionäre anstelle Schwedischer Gardine den Friedensnobelpreis erhalten.

  5. Gilles Goodman sagt:

    So lange die FIFA im bekannten Rahmen ihren Geschäften nachgeht, den Fussball fördert und die WM organisiert, soll man sie machen lassen, auch wenn Manches fragwürdig ist.
    Aber das Dossier Katar mit der Samichlaus-WM, der Ausbeutung der Wanderarbeiter und den Bestechungsvorwürfen bringt das Fass zum Überlaufen. Dringender Handlungsbedarf ist angesagt.

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