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5 Stimmen sind mehr wert als 50

Guido Tognoni am Donnerstag den 18. Dezember 2014

Die Chancen, dass der Garcia-Report, das wohl brisanteste Dokument in der Geschichte des Sports, bald veröffentlicht wird, sind mit dem Rücktritt des Verfassers gestiegen. Ob das Exekutivkomitee der Fifa in diesen Tagen in Marrakesch dafür oder dagegen stimmt, ist dem Amerikaner egal. Die Kritik an den WM-Vergaben 2018 und 2022 wird sich damit zu einem Furioso ausweiten. Mit dem prestigebewussten Juristen hat sich Sepp Blatter einen gewichtigen Feind aufgeladen. Die Lage ist höchst misslich.

Der Walliser wird noch einiges erdulden müssen, bis im Mai 2015 seine Wiederwahl ansteht. Er sähe sich am liebsten als Solokandidaten, der mit stehender Ovation gekürt wird, um das, was er als seine nie endende «Mission» bezeichnet, noch möglichst lange weiterzuführen. Die Uefa unter Michel Platini, einer von vielen ehemaligen Freunden Blatters, möchte von Ovationen gar nichts wissen, kann aber weiterhin keinen Kandidaten anbieten, um Blatters Durchmarsch zu verhindern.

Denn der einst von Blatter entlassene Jérôme Champagne, der sich seit Monaten bereit erklärt, wenigstens für eine Wahl zu sorgen, ist für Platini nicht akzeptabel, obwohl der 56-Jährige alles mitbringt, um beim Weltverband für den ersehnten Neubeginn zu sorgen: Er ist intelligent, kennt den Fussball, spricht als Weltmann viele Sprachen, und er ist völlig integer, falls das bei der Wahl in ein Funktionärsamt des Weltsports eine Rolle spielt. Champagne hat keine Leichen im Keller, und selbst wenn man nicht alle seine Ideen teilt, wäre er nicht nur ein guter, sondern ein sehr guter Fifa-Präsident. Allerdings gibt es im Weltfussball zurzeit drei Franzosen, die sich allesamt nicht riechen können: nebst Platini und Champagne ist da noch Jérôme Valcke, Blatters Generalsekretär. Er sollte allerdings lieber nicht kandidieren, denn aus seinem Keller dringt Kadavergeruch, den einige Journalisten nur allzu gerne verbreiten würden.

Aber Nichtkandidat Valcke kann als einflussreicher Generalsekretär dort wirken, wo es den Kandidaten Champagne schmerzt: Es braucht bis zum 29. Januar fünf Verbände, die Champagne portieren. Diese fünf hat Champagne noch nicht, auch wenn ihm Dutzende ihre Sympathie bezeugen und im leisen Gespräch alle finden, für Blatter sei es Zeit, zu gehen (gegenüber Blatter beteuern sie natürlich das Gegenteil). Zur Stunde ist es so, dass die kleinen Verbände Angst und die grossen Verbände nicht den Mut haben, mit der keineswegs verpflichtenden Nennung von Jérôme Champagne wenigstens eine echte Wahl zu sichern. Und für Champagne ist es viel leichter, beim Wahlkongress 50 Stimmen zu erhalten als deren 5 bis zum 29. Januar.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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Ein Kommentar zu “5 Stimmen sind mehr wert als 50”

  1. Gerold Stratz sagt:

    Sepp Blatter scheint von ähnlichen Genen gesteuert zu sein-wie unser allen bekannten “Schweiz-Retter”
    Christoph Blocher. Diese Herren sind der Meinung-ohne SIE-funktioniert die Welt nicht.
    Also der “Füessball” und die Schweiz von anno dazumal geht ohne UNS nicht.
    Darum müssen diese Herren noch mindestens weitere 100 Jahre im Amt bleiben, bzw.
    als “einzig kompetente Institution” anerkannt werden.

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