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Der Kopfstoss als Exempel

Oliver Meiler am Samstag den 29. November 2014


Diese Bilder der Überwachungskamera im Pariser Prinzenpark gingen um die Welt: Brandãos Kopfstoss gegen Thiago Motta. (Quelle: Youtube)

Ein Kopfstoss gibt zu denken, grundsätzlich schon mal. Nun aber fragt man sich in Frankreich, ob der Richter am Pariser Strafgericht richtig entschied, als er den brasilianischen Fussballer Evaeverson Lemos da Silva, besser bekannt als Brandão, wegen eines Kopfstosses gegen Thiago Motta zu einem Monat Gefängnis verurteilte – unbedingt, ohne Bewährung. Oder ob dieses Urteil nicht «völlig überzogen» sei, wie Brandãos Anwalt findet. Und nicht nur er denkt so: Eine Umfrage der Zeitung «Le Parisien» zeigt, dass auch etwa die Hälfte der Franzosen meint, es werde hier ein Exempel statuiert. Jedenfalls ist der Fall eine strafrechtliche Premiere.

Tauschen verbale Bösartigkeiten aus: Thiago Motta (links) und Brandão im August. Bild: Keystone)

Trash-Talk auf dem Spielfeld: Thiago Motta (links) und Brandão im August. (Bild: Keystone)

Die Szene mit dem Kopfstoss trug sich im vergangenen August im Keller des Pariser Prinzenparks zu, auf dem Weg zu den Umkleidekabinen nach dem Schlusspfiff der Begegnung Paris Saint-Germain gegen den SC Bastia. Brandão und Motta, beide als Hitzköpfe bekannt, hatten während des Spiels verbale Bösartigkeiten ausgetauscht, sich geneckt und provoziert. So soll Motta dem 34-jährigen Stürmer der Korsen etwa zugeraunt haben: «Du bist kein Mann.» So steht es in den Gerichtsakten. Offenbar sprach er Brandão aber auch auf dessen alte Probleme mit der Justiz an. Vor zwei Jahren war der Brasilianer mit einer Vergewaltigungsklage konfrontiert worden, die jedoch mit einem Freispruch endete. Motta soll Brandão gesagt haben, er sei überzeugt, dass er das Mädchen vergewaltigt habe, worauf ihm der Gegner vorschlug, die Sache nach dem Spiel zu regeln. Unter Männern. Und so kam es also, dass Brandão den italienischen Internationalen vor vielen Zeugen und im Fokus der Überwachungskameras des Parc des Princes abpasste, mit einer trockenen Geste den Kopf ins Gesicht rammte und dann schnell wegrannte.

Die Bilder gingen um die Welt. Mottas Nase blutete, sie war gebrochen. Anzeige erstatten mochte aber weder der Spieler noch der Verein. Die Initiative ergriffen stattdessen die Polizei und die Pariser Staatsanwaltschaft. Sie brachten den Fall vor Gericht. Die zentrale Frage war, ob Brandão vorsätzlich gehandelt habe, wie es die Aufnahmen nahelegen: Man sieht darauf, wie er auf Motta wartet, ihm den Kopfstoss verabreicht, ohne davor mit ihm zu reden, und türmt. Oder ob er, wie es sein Verteidiger beteuerte, einem «plötzlichen, unbedachten Impuls» erlegen sei. Die Richter hielten den Vorsatz für erwiesen. Die harte Strafe begründeten sie damit, dass es «grundsätzlich ein Gewaltproblem in den Stadien» gebe und dieser Fall ein starkes Medienecho ausgelöst habe. Der Kopfstoss drängte sich also gewissermassen als Exempel auf.

Vor Gericht: Brandao am 4. November 2014. (Bild: Keystone)

Vor Gericht: Brandão am 4. November 2014. (Bild: Keystone)

Selbst die Anklage war überrascht vom Urteil, sie hatte nur eine Bewährungsstrafe gefordert. Erstaunt war auch Noël Le Graët, der Präsident des französischen Fussballverbands. «Das Urteil dünkt mich etwas gar streng», sagte er. Der Verband hat Brandão für sechs Monate gesperrt, bis Ende Februar 2015. Das Verdikt der Sportjustiz, so fanden Motta und PSG, machte den Gang vor die Strafjustiz vollends überflüssig. Vielleicht wäre es ihnen auch ganz recht gewesen, wenn die Hintergründe von Brandãos gewalttätiger Revanche, diese unhübschen Sticheleien auf dem Platz, nicht so prominent in der Öffentlichkeit verhandelt würden. Man weiss zwar nicht erst seit Zinédine Zidanes ikonenhaftem Kopfstoss gegen Marco Materazzi im WM-Final 2006 in Berlin, dass es sie gibt und dass sie irgendwie dazugehören, wie es dann immer heisst. Nach dieser Lesart gehört auch ein Kopfstoss irgendwie dazu.

Brandão lag übrigens gerade im OP-Saal, unter Narkose, als das Urteil bekannt wurde. Er musste am rechten Oberschenkel operiert werden, just am Tag der Urteilsverkündigung also. Das Gericht hat sich auch darüber geärgert. Ins Gefängnis wird der Brasilianer wohl trotzdem nicht müssen. In der Regel werden solche Strafen umgewandelt in Arbeitseinsätze für gemeinnützige Zwecke. Wie die aussehen könnten, ist nicht bekannt. Vielleicht etwas mit Kopf.

Oliver Meiler

Oliver Meiler

Politischer Korrespondent mit einer starken Schwäche für Fussball. Erhielt als Kind ein Trikot der tschechoslowakischen Nationalmannschaft geschenkt, womit weder ihn noch irgendjemanden seiner Familie etwas verband. Das zweite Leibchen war wollig und kratzig, Barilla stand drauf, dazu ein Vereinswappen mit Wolf - auf Herzhöhe. Fährt seine Söhne durch Barcelona und die katalanische Pampa zu Spielen mit laut brüllenden Eltern. Brüllt selber nie.

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2 Kommentare zu “Der Kopfstoss als Exempel”

  1. Mike Müller sagt:

    Ehrich: Mein Mitleid mit Brandão hält sich in Grenzen. Man muss sich das mal vorstellen – da wartet einer in den Katakomben, bis der Gegenspieler auftaucht, um ihn einen Kopfstoss zu verpassen. Das zeugt schon von krimineller Energie und hat mit einem normalen Streit auf dem Rasen nichts mehr zu tun. Bei uns hätte er wohl eine Geldstrafe dafür kassiert – lächerlich. Das ist etwa so, wie wenn man einem Millionär eine Parkbusse von 40 Franken gibt.

  2. Pedro sagt:

    Hmm, ein ungewöhnliches Urteil.
    Trotzdem merke ich, dass ich eher angenehm überrascht bin, als dass ich das Urteil mit einem Kopfschütteln betrachte.

    Warum: ich bin der Meinung, dass Menschen welche so privilegiert sind, sogar eine höhere Moral und Ethik an den Tag legen sollen, wie der Durchschnittsmensch. Dabei spielt vor allem die Vorbildfunktion eine grosse Rolle.
    Es scheint jedoch, dass sich gewisse Spieler durch ihren Bekanntheitsgrad mehr erlauben wollen, nach dem Motto, ich bin berühmt, du kannst mir gar nichts…

    Also finde ich, wenn die Strafe in Arbeitseinsatz für gemeinnützige Zwecke umgewandelt wird, hat dies wahrscheinlich die “gewünschte Erzieherische Wirkung”.
    Fazit: ich finds gut.

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