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Bollywood mit Ball

Oliver Meiler am Dienstag den 16. September 2014
Nachspielzeit

Goldjunge und Fussballlegende: Allesandro Del Piero, hier bei der Meisterehrung 2012 von Juventus Turin, soll nun den Delhi Dynamos zu Ruhm verhelfen. Foto: Reuters

Wer nach Indien reist, kommt mit vielen Bildern zurück, meist wohl gar mit einem rundum neuen Weltbild. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass auf einem dieser Bilder junge Inder mit einem Fussball spielen, ist klein. Ausser vielleicht in den Strassen von Kalkutta oder im Süden, in Goa und Kerala, wo der Sport etwas Geschichte hat. Indien lebt, atmet, ist Cricket. Cricket durchdringt Kasten und Schichten, drängt alles an die Wand. Und seit 2008 ist Cricket in seiner fernsehtauglichen Kurzform T20 auch ein kommerzieller Erfolg, international. Die Indian Premier League, betrieben von Grossindustriellen und Schauspielern aus Bollywood, zieht mit Millionen die Stars aus dem Ausland an. Nie war mehr Geld im Cricket.

Nun soll das Format auch dem Fussball zu mehr Popularität verhelfen. Ein bisschen etwas ist schon da, zumindest in den urbanen Mittelschichten, die sich am Fernsehen Spiele der englischen Premier League und der spanischen Liga anschauen. Im Oktober beginnt nun die erste Saison der Indian Super League (ISL) einer Kurzmeisterschaft mit acht Teams mit so hübschen Namen wie Chennai Titans, Delhi Dynamos, Kerala Blasters und Atlético de Kolkata. Sie alle haben sich vom Organisator, dem Industriebetrieb Reliance Industries, eine Franchise für mehrere Jahre gekauft. In 69 Tagen treten sie je zweimal gegeneinander an. Die vier Besten machen in Halbfinals und Final den Meister aus. Am 20. Dezember, gerade noch vor Weihnachten, ist die Saison dann auch schon wieder vorbei. Nicht dass Weihnachten sehr vielen Indern etwas bedeuten würde. Es tut es aber etlichen jener Herrschaften Altstars aus Europa und Südamerika, die den Indern den Fussball in einer Pionierleistung beibringen, sie bestenfalls sogar dafür begeistern sollen.

Die meisten von ihnen kommen aus Spanien, Frankreich, Italien, England. Etliche waren schon im Ruhestand, andere tingelten noch durch exotische Ligen, wahre Globetrotter des Fussballs. Hier nun einige Ausrufezeichen aus den bereits unwiederbringlich angegilbt gewähnten Ruhmesalben des Sports: Alessandro Del Piero, 39, zu den Delhi Dynamos! David Trezeguet, 36, zum Pune City FC! Nicolas Anelka und Manuel Friedrich, beide 35, beide zum Mumbai City FC! Luis García, 36, nach Kalkutta! David James, 44, Torhüter und Manager, arbeitet in Kochi! Marco Materazzi, 41, wird Spielertrainer in Chennai! Zico, 61, ist schon Coach des FC Goa!

Die «Times of India» meldet im Tagestakt die Verpflichtung sogenannter Marquee Players: von grossen Zirkusnummern also, von Treibern von Spektakel und Glamour ohne vorgeschriebene Gehaltslimiten. In Chennai, dem früheren Madras, hätten sie gerne die späten Kapriolen von Ronaldinho gezeigt, der ja erst 34 ist, doch er schlug eine überaus generöse Offerte aus und zog stattdessen nach Mexiko. Im Schnitt, so hört man, verdienen die Senioren aus der Ersten Fussballwelt etwa 650’000 Euro – netto, im Monat. Auf ihren Twitterkontos geben sich alle «happy» und «thrilled», und man darf annehmen, dass dieser Enthusiasmus nicht unwesentlich dem unverschämt guten Geld in ungemein kurzer Zeit geschuldet ist. Der eine oder andere freut sich wohl auch auf ein Spiel im Salt Lake Stadium in Kalkutta, mit 120’000 Plätzen eines der grössten Fussballstadien der Welt. Bilder wird das geben!

Doch am Ende hängt das Schicksal des indischen Fussballs weniger am Spätwerk der Altstars als vielmehr an der Strahlkraft der Promoter und Clubbesitzer aus Indien. Hier nun einige doppelte Ausrufezeichen: Salman Khan!! Abishek Bachchan!! Ranbir Kapoor!! Alles Schauspieler aus Bollywood, alles Megastars. Und, wow: Sachin Tendulkar!!! Sourav Ganguly!!! Beides Grosslegenden des Cricket, beides Clubbesitzer in der indischen Fussballliga. Natürlich interessieren sie sich mehr fürs Business als fürs Spiel mit dem grossen Lederball. Doch wenn sie auf der Tribüne sitzen, dann ist Indien bei sich – und auch ziemlich ausser sich.

Oliver Meiler

Oliver Meiler

Politischer Korrespondent mit einer starken Schwäche für Fussball. Erhielt als Kind ein Trikot der tschechoslowakischen Nationalmannschaft geschenkt, womit weder ihn noch irgendjemanden seiner Familie etwas verband. Das zweite Leibchen war wollig und kratzig, Barilla stand drauf, dazu ein Vereinswappen mit Wolf - auf Herzhöhe. Fährt seine Söhne durch Barcelona und die katalanische Pampa zu Spielen mit laut brüllenden Eltern. Brüllt selber nie.

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