Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion
Logo

Die Kopfnuss ist eine Knacknuss

Guido Tognoni am Mittwoch den 3. September 2014
BAUSTART, FIFA MUSEUM, FUSSBALLWELTVERBAND, MUSEUM, FUSSBALLMUSEUM,

Kluge Köpfe… Aber wir wollen nicht kalauern: Sepp Blatters Fifa sieht sich mit einer Klage wegen Gehirnerschütterungen konfrontiert. Foto: Keystone

Die Fifa kämpft zurzeit mit politischem Ungemach. Die WM-Vergabe an Katar lastet schwer auf dem Zürichberg, jene an Russland erweist sich als kaum noch kontrollierbar (Putin macht auch im Fussball, was er will), und nun flatterte noch eine Sammelklage aus den USA auf Sepp Blatters präsidiales Pult: Eine Gruppe Amerikaner macht sich Sorgen über Gehirnerschütterungen, die sich Spieler beim Fussball zuziehen können. Enorme 50’000 Hirnschädigungen allein im Jahre 2010 in den USA wollen die Kläger geltend machen und klagen in Kalifornien gleich alles ein, was mit der Organisation dieses Sports zu tun hat, darunter den US-Verband und natürlich auch die Fifa. Den Beklagten wurden 60 Tage Zeit gewährt, um Stellung zu nehmen.

Die Lage ist nicht zu unterschätzen. Zwar können US-Behörden die Fussballer nicht gleich leicht unter Druck setzen wie die Banken, aber angesichts der horrenden Schadenersatzsummen, welche US-Gerichte auszusprechen pflegen, muss die Klage ernst genommen werden. Auch wenn sie aus einem Land kommt, dessen Bevölkerung mehrheitlich immer noch nicht begreifen will, dass man einen Ball nicht nur mit den Händen oder einem Schläger (Basketball, Baseball, American Football, Tennis), sondern auch mit den Füssen oder gar mit dem Kopf beherrschen kann. Aus den USA schwappen seit Jahrzehnten medizinische Bedenken gegen das Kopfballspiel nach Europa über (sie blieben weitgehend ungehört), und das Beispiel des deutschen Einwechselspielers Christoph Kramer, der nach einem Zusammenstoss nicht mehr wusste, ob er sich zu Hause bei einer Weihnachtsfeier oder in Rio im WM-Endspiel befand, hat in den USA mehr Wirkung gezeigt als hierzulande.

Dass Kopfbälle für das Gehirn nicht sonderliche Wohltaten sind, ist wohl unbestritten. Jahrelang den Abschlag eines Torhüters mit dem Schädel wieder ins gegnerische Feld zurückbugsieren, das kann nicht gesund sein. Aber was ist zu tun? Kopfbälle verbieten? Kopfschutz auch für Fussballer einführen? Zwangspause für jeden Spieler, der nach einem Kopftreffer dem Schiedsrichter nicht gleich die Telefonnummer des Trainers aufsagen kann? Ein schwieriges Thema, bei dem nur etwas gewiss ist: Fussball ohne Kopfball ist nicht Fussball.

Sepp Blatter hat eine harte Nuss zu knacken. Aber dafür will er sich ja wiederwählen lassen.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

Weitere Artikel

« Zur Übersicht

10 Kommentare zu “Die Kopfnuss ist eine Knacknuss”

  1. Karl Wild sagt:

    Kompliment, Tognoni trifft den Nagel wieder mal auf den Kopf. Es stellt sich einzig noch die Frage, weshalb die Amis nicht merken (wollen), dass es bei ihnen mehr Boxer gibt als sonstwo auf der Welt. Und dass die reihenweise verblöden.

  2. Kurt Blaser sagt:

    Es sind doch nicht alle Amerikaner Fussballer und trotzdem haben so viele “Hirnschäden” ??

  3. Werner N. Staub sagt:

    50’000 Hirnschädigungen alleine im 2010 in USA? Das kann ja wohl nicht sein! Einfach Futter für Anwälte und Richter wie es die Amerikaner lieben. Kenne keinen meiner Fussballkollegen (gehen alle schon gegen 80ig) die auf Grund von Kopfbällen eine Hirnschädigung davongetragen haben. Da wäre das Einklagen von Knie- und Hüftverletzungen schon lohnenswerter. Aber wie sagt ein Freund von mir, der Chirurg ist, lasst sie nur Sport treiben die Menschen, dann werde ich nie arbeitslos.

  4. Dan Horber sagt:

    Ist in den USA nicht Boxen weit verbreitet?
    Oder American Football?
    Absurder geht es nicht.
    Mehr ist wohl dazu nicht zu sagen.

  5. The American sagt:

    Etwas wichtiges bleibt hier unerwähnt: In den USA wurde letztes Jahr eine Schadenersatzklage gegen die NFL (National Footbal League, die Liga des American Football) mehr oder weniger erfolgreich durchgeboxt. Man hat sich auf eine Zahlung von 765 Millionen Dollar der Liga an die Spieler geeinigt (für die NFL allerdings ein Klacks) als Schadenersatz für Kopfverletzungen wie Schleudertraumen. Nun scheinen wohl einige andere Amerikaner, darunter vermutlich viele Anwälte, Blut geleckt zu haben und das Schema wird nun auch im Fussball ausprobiert. Wichtiger Unterschied: Im American Football wird der Kopf als Teil des Spiels als Rammbock verwendet um sich den Weg freizuschaufeln. Dabei hat paradoxerweise die Verbesserung von Schutzausrüstung die Situation noch verschlimmert, d.h. mit besseren Helmen lässt sich mehr aushalten, das Hirn wird jedoch trotzdem kräftig durchgeschüttelt. Im American Football hätte man klare Ansätze mit gewissen Regeln soche Verletzungen zu vermindern, aber die NFL befürchtet, dass die Attraktivität des Spiells leiden würde. Das ist alles nicht so einfach beim Fussball denn wie Herr Tognoni schreibt, das Abschaffen der Kopfbälle kann ja wohl nicht die Lösung sein.

    • Dan Horber sagt:

      Wieso nicht ?
      Die Sportart heisst ja Fuss- und nicht Kopfball.
      Ob der Sport dadurch attraktiver würde, ist natürlich eine andere Frage. Aber in den USA ist Fussball ohnehin nicht wirklich populär.

  6. mein name sagt:

    Wenn denen Fussball zu männlich ist, sollen die doch bei ihrem Kinderspiel American Football bleiben. Wo ist da das Problem?

  7. Ernesto Flores sagt:

    Ich musste zuerst auf den Kalender schauen (nein, es ist wirklich nicht 1. April). Dass sehr viele US-Amerikaner dumm und naiv sind, war mir bekannt, aber dies hier schlägt nun wirklich dem Fass die Kroine ins Gesicht. Und den geldgierigen, unverschämten US-Anwälten läuft bereits der Sabber im Mund zusammen. Unglaublich!

    • Leo Schmidli sagt:

      Amerikaner sind dumm und naiv? Und was sind Sie? Sie wissen aber schon, dass das Hirn empfindlich ist und jede Gehirnerschütterung Folgeschäden haben kann?
      Suchen Sie doch einfach einmal nach “Dementia pugilistica”. Und Mediziner warnen schon seit Jahren vor den Folgeschäden von exzessiven Kopfbällen. Das würde aber dem Sport (=Geschäft) schaden.

    • Dr J sagt:

      Sie kenne die Umstaende hier nicht ganz. Das Problem von Hirnerschuetterungen wird hier vorallem im Bereich des American Football heftig diskutiert, da es vorallem um entschaedigungen fuer Profis geht, die spaeter im Leben Probleme haben. Dies hat weniger mit dem Geiz der Anwaelte zutun als mit dem Fehlen von einem Konsumentenschutz.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.