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Happy Hour zur Unzeit

Oliver Meiler am Dienstag den 2. September 2014
Atletico Madrid vs Real Madrid

Um 23.02 Uhr am 22. August erzielte Mario Mandzukic (9) im spanischen Supercup das 1:0 für Atlético gegen Real. Hätte man gewusst, dass es der einzige Treffer bleibt, hätte man eventuell schon vor Mitternacht ins Bett gehen können. Foto: Keystone

Wenn die Spanier englische Begriffe gebrauchen, dann ist es in aller Regel so, dass sie im Spanischen keine besseren gefunden haben oder vielleicht auch gar keine finden wollten: «After Hour» ist ein solcher Begriff. So nennt man im spanischen Fussball eine sonderbare Sottise, die sie wohl in den Büros der Bezahlfernsehsender erdacht haben. Es geht um Meisterschafts- und Cupspiele, die «nach der Stunde» stattfinden, zu Unzeiten also, Anpfiff 23 Uhr. Die zweite Halbzeit beginnt dann kurz nach Mitternacht. Mit etwas Nachspielzeit enden die Begegnungen kurz vor 1 Uhr in der Früh. Wenn es noch einer Verlängerung bedarf, um den Sieger zu bestimmen, vielleicht sogar eines Penaltyschiessens, ach, dann zieht schon der nächste Morgen auf.

Nun ist es ja wahr, dass die Spanier ihre Tage anders einteilen als ein stattlicher Teil der Resteuropäer, hier ragt alles in die Nacht. Gerade im Sommer. Und natürlich erklärt sich die After Hour aus einem elementaren Bedürfnis des Pay-TV, das die Spiele so streut, dass jedes für sich beworben werden kann. Lange sind sie her, die Zeiten, da alle Vereine gleichzeitig spielten, da Konferenzschaltungen am Radio der wahre Reiz dieses Sports waren. Samstagnachmittag in Deutschland. Sonntagnachmittag in Italien und Spanien. Als die Engländer ihren ungeheuren Marktwert in Asien entdeckten, setzten sie Spiele am Mittag an, damit die Fans in Bangkok, Jakarta und Kuala Lumpur etwas zum Vorabend hatten. Zur Happy Hour gewissermassen, zur glücklichen, fröhlichen Stunde.

Die After Hour dagegen ist keine sehr glückliche Stunde. Wahrscheinlich auch für die Spieler nicht, doch die sollen ruhig mal nach den Arbeitsbedingungen ihrer gut zahlenden Vereine auflaufen. Unselig sind die Zeiten für die Zuschauer, wahre Ärgernisse. Für die Kinder, die zu Schulzeiten nicht mit ins Stadion dürfen. Für Frühschichtler, denen der Spass zu viel Nachtruhe raubt. Selbst für den Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher. Es ist nämlich nicht so, dass einen das gebotene Spektakel immer aus dem Sofa hauen würde.

Nun könnte man natürlich einfach ausschalten und ins Bett gehen. Doch als irgendwie berufsmässiger Beobachter der Szene geht das nicht immer. Zum Beispiel vor zwei Wochen wieder, spanischer Superpokal, Cupsieger gegen Meister, Real Madrid gegen Atlético Madrid, Anpfiff 23 Uhr. Da kämpft man sich dann also durch die Qualen der After Hour, tätschelt sich die rechte Wange, um wach zu bleiben, vertritt sich zwischendurch mal die Beine, wie man das sonst auf Langstreckenflügen tut, wünscht sich einen plötzlichen Ausfall der Scheinwerfer im Stadion, eine definitive Unterbrechung der Übertragung, einen Stromausfall im Haus, irgendeinen objektiven Grund für ein frühes Ende – por favor!

Oliver Meiler

Oliver Meiler

Politischer Korrespondent mit einer starken Schwäche für Fussball. Erhielt als Kind ein Trikot der tschechoslowakischen Nationalmannschaft geschenkt, womit weder ihn noch irgendjemanden seiner Familie etwas verband. Das zweite Leibchen war wollig und kratzig, Barilla stand drauf, dazu ein Vereinswappen mit Wolf - auf Herzhöhe. Fährt seine Söhne durch Barcelona und die katalanische Pampa zu Spielen mit laut brüllenden Eltern. Brüllt selber nie.

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5 Kommentare zu “Happy Hour zur Unzeit”

  1. Egloff sagt:

    Das Abendessen in Spanien findet normalerweise um 22.00 Uhr statt, das Mittagessen um 15.00
    Ein später und für uns Schweizer ungewohnter Matchbeginn ist üblich.
    Die EU lässt grüsen

    Andere Länder, andere Sitten!

  2. Rudolf Steiner sagt:

    23 Uhr in Spanien ist eigentlech eh erst 22 Uhr. So spaet ist das auch wieder nicht.

  3. Dani sagt:

    haha.. normalerweise finden die Spiele in der spanischen Liga ja Samstag und Sonntag 19 und 21 Uhr statt.. ganz brave Zeiten.

    • Raymond Allaman sagt:

      Das war einmal. Mittlerweile finden keine zwei Spiele der Primera Division mehr gleichzeitig statt, sondern auf das ganze Wochenende verteilt. Es beginnt am Freitag Abend um 21.00 Uhr. Am Samstag jeweils ein Spiel um 16.00, 18.00, 20.00 und 22.00 Uhr. Am Sonntag dann je ein Spiel um 12.00, 17.00, 19.00 und 21.00 Uhr. Zum Abschluss gibt es dann noch jeweils das Spiel am Montag Abend um 20.45 Uhr. So läuft mittlerweile das Geschäft: Die Clubs erhalten Abermillionen von den TV-Anstalten, dafür dürfen Letztere den Spielplan bestimmen.

  4. Veit Stähli sagt:

    Nur die Hochrisiko Spiele wie z.B. Liverpool :ManUnited werden zur Mittagszeit angepfiffen an einem Samstag. Der Grund ist nicht der asiatische TV Markt sondern der simple Fakt dass die Pubs erst um 11.00 aufmachen und sich die Fans nicht allzu sehr betrinken können vor Anpfiff. Und es werden bei weitem nicht alle Premier League Partien an einem Samstag und Sonntag um Mittag angepfiffen. Sondern nur jeweils Eines (eben ein Risikospiel, auch z.B. Spurs : Arsenal oder Sunderland : Newcastle). Alle anderen Partien werden regulär um 15.00 (GMT Zeit) angepfiffen. Da ist es in Jakarta (GMT + 6 Stunden) gerade einmal 21.00 am Abend und die Jugend geht auf die Strassen. Habe es oft genug erlebt.

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