Der Teenie in mir

Lassen nochmal die Sau raus: Die Mütter in «Bad Moms». Foto: Screenshot Youtube

Wie geht Vergnügen, wenn man nicht mehr ganz jung ist? Wie verändern sich Sex-Appeal, Dating, Flirting und der eigene Style? Michèle Binswanger und Wäis Kiani schreiben hier über die Kunst des Erwachsenwerdens. Wir freuen uns über die Lancierung dieses neuen Blogs und wünschen viel Spass beim Lesen! Die Redaktion

Dies ist kein Generationentext, ich habe dieses Genre immer gehasst. Laut meinem Jahrgang gehöre ich zur Generation X, aber ich habe keine Ahnung, was das für mich bedeuten soll. Für mein Leben entscheidend war, vor dreissig Kinder zu kriegen und viel zu arbeiten. Dann kam die Trennung vom Vater der Kinder. Es sind die beiden Ereignisse in meinem Erwachsenenleben, die mich entscheidend geprägt haben.

Eine Trennung, in die Kinder involviert sind, geht selten besonders gesittet vonstatten. Mein Ex-Mann machte mir viele Vorwürfe und einer davon lautete: Du willst nicht erwachsen werden. Du benimmst dich wie ein Teenager. Das gab mir zu denken.

Unerschöpfliche, verschwendete Energie

Natürlich wies ich es zunächst weit von mir. Nicht erwachsen? Ich hatte zwei Kinder geboren, daneben eine Karriere gemanagt und einen Grossteil zum finanziellen Unterhalt der Familie geleistet. Und ein Teenager möchte ich nie im Leben mehr sein, es sind Jahre in unschöner Erinnerung: Höhen, Tiefen, Verwirrung, Wahn.

Aber in gewisser Hinsicht hatte er auch recht. Was heisst denn erwachsen werden? Manche haben ihre Midlife-Crisis mit 25, andere fühlen sich mit 40 wieder wie Teenager, weil sie sich gerade getrennt haben und noch einmal von vorne anfangen müssen. Andere werden in diesem Alter Mutter. Es geht um Erfahrungen, die Menschen prägen, sei das Elternschaft, Scheidung oder dass liebe Menschen krank werden und sterben.

Neulich erzählte mir eine Freundin, sie vermisse die Intensität der Erfahrungen, die sie als Teenager machte. «Die Welt vibrierte», sagte sie. Das stimmt, die Energie ist unerschöpflich, wenn man jung ist, aber man kann die Welt nicht lesen. Und so geht das Meiste dieser Energie flöten, weil man vor allem Unsinn fabriziert.

Dann doch lieber Teenie bleiben

Ich kann schon nur deshalb kein Teenager mehr sein, weil ich zwei Exemplare dieser Spezies zu Hause habe. Ich muss am Freitagabend nicht mehr im Club herumstehen, weil ich glaube, dort irgendetwas verloren zu haben. Im schlimmsten Fall könnte ich dort nämlich meine Kinder vorfinden. Aber wenn sie bei ihrem Vater sind, dann darf auch der Teenager in mir ab und zu in den Ausgang. Denn das Herz hat noch nicht genug von Spass und Leichtsinn.

Mir ist vollkommen egal, wo sich meine Generation an einem Wochenende so verausgabt. Ob es meinem Alter entspricht, nachts um drei noch am Computer zu sitzen und Kolumnen zu schreiben. Oder welcher Generation der Typ angehört, der den ganzen Abend Karaoke gesungen hat und sich jetzt unter meinem Fenster übergibt. Wenn Erwachsenwerden bedeutet, sich am Freitagabend nur noch zu überlegen, ob man die Sockenschublade oder den Keller aufräumen soll, dann lieber Teenager bleiben. Ich will die Welt noch einmal vibrieren sehen.

Die Welt ist aufregend und ständig in Bewegung, wenn man ein Teenager ist – oder «The Big Lebowski». (Gif: Working Title Films)