Viagra für die Leidenschaft

Die Träume von damals…: Szene aus «25km/h». (Foto: Mythos Film)

Im mittleren Alter beginnt man sich zuweilen zu fragen, wo die Begeisterungsfähigkeit geblieben ist. Die Leidenschaft, mit der man sich als junger Mensch in alles Mögliche stürzte; die Träume, denen man nachrannte. Und dann denkt man an die Arbeit, die Kinder, die Freunde, die Verpflichtungen, und man fragt sich, ob man überhaupt noch in der Lage ist, das Leben so intensiv zu empfinden wie damals. Und man schwankt, ob man sich nun Viagra für die Leidenschaften wünschen soll, oder ganz froh drum sein soll, dass es nicht mehr so ist.

Aber stimmt das? Sind die Gefühle und Leidenschaften weniger intensiv? Oder folgen sie nur anderen Mustern?

Neulich habe ich das Gegenteil erlebt. Ich besuchte die Picasso-Ausstellung im Beyeler-Museum in Riehen. Es ist, um hier etwas Werbung zu machen, eines der schönsten Museen überhaupt und natürlich ist die Ausstellung gewaltig. Gezeigt wird Picassos Frühwerk, blaue und rosa Phase. Und da stehe ich vor einem Bild, das mir nicht mal besonders gefiel, aber es berührte mich seltsam, als würde es zu mir sprechen. Aus dem Nichts rührte es mich fast zu Tränen.

Picasso-Tränen und Initialzündungen

Pablo Picasso kam im Jahr 1900 als 19-Jähriger nach Paris. Der bullige Spanier war voller Hoffnung, charismatisch und lebensfroh. Er war hungrig, sich zu beweisen, und hungrig auf Paris, das kulturelle Zentrum der damaligen Welt. In Barcelona hatte er es bereits zu bescheidenem Ruhm gebracht, ohne ein Auskommen zu haben. Er nutzte das folgende Jahrzehnt bekanntlich dazu, in Arbeit zu explodieren und die Kunst zu revolutionieren. Ganz am Anfang aber stand der Suizid eines Freundes, Carlos Casagemas. Dieser hatte sich unsterblich in eine verheiratete Frau verliebt, die ihm nach einer kurzen Affäre mitteilte, sie würde ihren Gatten niemals seinetwegen verlassen. Er kündigte seinen Abschied aus Paris an, lud dazu seine Freunde zu einem Abschiedsessen, bei dem kräftig gegessen und getrunken wurde. Irgendwann stand er auf, wie um eine Abschiedsrede zu halten, dann schoss er auf die Geliebte, bevor er die Waffe gegen sich richtete. Sie überlebte, aber der Tod seines Freundes, heisst es, war die Initialzündung für Picassos blaue Phase.

Ich kannte diesen Hintergrund vorher nicht, aber es liegt nahe, die eigene Rührung mit diesem Ereignis in Verbindung zu bringen, in dem so vieles drin steckt: Die fatale Leidenschaft der Jugend, die im Suizid endete. Ein Memento mori, das bis in die Gegenwart nachhallt. Aber wenigstens ist eine Frage damit beantwortet: Auch im mittleren Alter kann man noch intensiv empfinden. Auch ohne Viagra für die Leidenschaft.

30 Kommentare zu «Viagra für die Leidenschaft»

  • Ralf Schrader sagt:

    Gefühle gehören leider zum stammesgeschichtlichen Erbe, ich bin mir aber sicher, dass man die überwinden kann. Derzeit nur individuell, in Zukunft aber gelingt das der Evolution für alle Menschen.

    • Zufferey Marcel sagt:

      Lesen Sie Michel Houellebecq, Herr Schrader. Der glaubt, dass selbst die Sexualität überwunden werden kann.

      Leidenschaften sind wunderschön und ich möchte sie keinenfalls missen! Gefühle ganz im Allgemeinen wiederum halte ich allerdings ebenfalls für problematisch. In vielen Lebensbereichen sind sie mittlerweile völlig überflüssig geworden, zugegeben. Das klingt jetzt etwas widersprüchlich, ich weiss.

      • tina sagt:

        was ist daran erstrebenswert, so gefühllos zu leben? ein erfülltes leben kann nicht gefühlsneutral sein.

      • Paolo Martinoni sagt:

        Ich bin dankbar dafür, dass ich empfinde. Empfindungen sind nicht nur angenehm oder unangenehm, sie sind auch, wenn nicht gerade vor allem, eine wichtige Informationsquelle, die, sofern richtig interpretiert, uns gute Entscheidungen treffen lässt. Weniger wohlwollend stehe ich sentimentalen Menschen gegenüber, Menschen, meine ich, die schnell und ausgiebig Tränen ergiessen im Kinosaal oder beim Lesen von Liebesromanen, im realen Leben indes erschreckender Kaltherzigkeit fähig sind.

        • Edith sagt:

          Warum nicht , ich heule fast nur bei Filmen oder bei Menschen die ihr Schicksal erzählen. So gesehen habe ich meine Gefühle ausgelagelagert. Ich glaube nicht dass die Menschen deswegen kaltherzig sind. Es ist eher ein Schutz seinen Gefühlen völlig ausgeliefert zu sein. Traurig aber manchmal überlebenswichtig.

      • Ralf Schrader sagt:

        Houellebecq steht seit 2 Jahrzehnten ganz oben auf meiner Literaturliste. Ich für meinen Teil hatte aber auch schon vorher Sexualität und des Rest an Gefühlen überwunden. Das ist mühsam, geht aber.

        Wer Gefühle nicht missen will, muss sich hingegen nicht anstrengen, das ist der Default- Zustand im Hirn. Das limbische System spielt laufend Theater und die paar Efferenzen von Neocortex zu dem hin, muss man lange trainieren, bis die das Gefühlskino sicher beherrschen.

    • Oliver Liechti sagt:

      Klingt für mich sehr abgelöscht. Stammesgeschichtlichse, überwindenswertes Erbe. Die Kür sind da Roboter? Oder was scheint Ihnen erstrebenswert?

      • Ralf Schrader sagt:

        Roboter werden nicht mehr lange hin auch mit Emotionen ausgestattet. Aber vielleicht eher kontrolliert und nicht so autonom, wie die Gefühlswelt beim Menschen angelegt ist.

        Gefühle sind nützlich, wenn man in komplizierte Situationen gerät, die rationell nicht ausreichend zeitnah beherrschbar sind. Menschen haben die Fähigkeit, grosse Informationsmengen zwar unscharf, dafür aber innert Sekunden auf einen Skalar zu bündeln. Gesundheit ist ein typisches Beispiel dafür.

        Aber wenn man monoton lebt, immer unter gleichen Bedingungen und bewusst nichts Neues mehr erleben will, kann man auf diese Fähigkeit verzichten, was allerdings einen hohen Trainingsaufwand erfordert.

        • Carolina sagt:

          Wozu sollte ich trainieren, nichts Neues mehr erleben zu wollen? Immer unter gleichen Bedingungen zu leben? Die Gefühle zu unterdrücken, die mich immer wieder darauf hinweisen, dass ich etwas brauche/möchte/machten kann/lernfähig bleibe…? Dann kann ich mir die Kugel geben, oder?
          Und ganz ehrlich, ML, ich bezweifle sehr, dass Sie Gefühle (und Sexualität) überwunden haben – warum sonst machen Sie sich die Mühe, hier (unter zwei Nicks) und in fast allen Blogs Ihre Haltungen und Meinungen darzulegen? Weil es Ihnen so gleichgültig ist, was andere von Ihnen denken? Weil Sie keinen missionarischen Eifer verspüren? Weil Sie innerlich schon tot sind? Und dann noch das: viele Menschen brauchen irgendeine Droge, um das Leben auszuhalten bzw sich schönzureden – das ist aber keine Haltung!

  • SrdjanM sagt:

    Leidenschaft wird überbewertet, wie die meisten flüchtigen Regungen der menschlichen Psyche, auch bekannt als Emotionen.

    • Blasius sagt:

      Falsch. Emotionen oder Gefühle sind Basis jegliches Tuns und jeglichem Lebens. Der Verstand ist überbewertet, genau genommen.

      • Ralf Schrader sagt:

        Man kann sehr gut ohne Emotionen und Gefühle leben, aber nicht ohne Verstand. Verstand haben ausser Menschen auch alle Tiere mit spezialisierten Sinnesorganen.

        Vernunft hingegen gibt es nur bei Menschen, aber scheinbar nicht bei allen. Man trifft immer wieder mal völlig vernunftbefreite Exemplare an, die nur mit dem Bauch oder dem Ding da drunter denken.

  • Peter Kuster sagt:

    Schauen Sie sich doch mal um. Es ist ein Wunder, wenn man in der Stadt jemand sieht, der lächelt. Ich war kürzlich an einer Veranstaltung und musste wegen einer Bemerkung eines Bekannten laut lachen. Diese hässlichen Grinden die mich angeschaut haben, vergesse ich nie. Es fängt nicht erst mit 40 an, schon die heutige Jugendlichen machen saure Gesichter. Es ist mir egal, ich lache wo es mir passt und lasse mir die gute Laune nicht verderben. Lieber ein lustiger Depp als depressiv.

    • Machweiterso sagt:

      Finde ich eine gute Einstellung! Neid, Eifersucht und Missgunst sind hoch im Kurs – sich von diesem Negativen nicht beeinträchtigen zu lassen, ist eine Kunst.

    • k. miller sagt:

      Wenn ich durch die Strassen der Stadt laufe oder im Tram sitze und meinen Gedanken nachhänge, mache ich bestimmt auch ein neutrales Gesicht (was vielleicht auch als sauer interpretiert werden könnte…). Aber sobald ich jemanden anlächle – auf der Strasse, im Tram – ob mit oder ohne Grund – kommt häufig unvermittelt ein Lächeln zurück. Einfach mal ausprobieren. Es liegt immer auch an einem selbst, wie die Umwelt reagiert.

      • tina sagt:

        so ist das k miller :).
        junge leute wollen einerseits natürlich cool wirken, andererseits muss man sich auch ein bisschen abschotten, wenn man seine ruhe will (und städter möchten nunmal auch nicht permanent interaktion).
        was man halt häufig sieht sind die arbeitsgesichter der leute. wenn man ständig glückselig strahlt bei der arbeit wirkt das ja auch ein wenig irre

  • Markus Moreno sagt:

    Schön, wie wir alle mit Frau Binswanger zusammen altern UND dabei jeweils ihre neuesten Erfahrungen lesen können. Das gibt ja Lesestoff noch für manche Jahrzehnte!
    Im übrigen teile ich nicht die Meinung, dass das Beyeler Museum eines der schönsten überhaupt ist. Das lässt auf einen Horizont von ca. 100km um Zürich herum schliessen. Wie wäre es mit dem Mauritshuis in Den Haag, dem Museum of Anatolian civilization in Ankara und vor allem dem Museum Pierre Gianadda in Martigny (alle drei preisgekrönt)?

  • Claude Fontana sagt:

    Was immer ein männlicher Mittvierziger macht, was ihn motiviert, oder begeistert, wird ihm doch als Midlife crisis hinterhergeworfen.

    • Bruno Müller sagt:

      Hi Claude
      Ach lass die doch alle schwatzen. Hauptsache, man findet jemand zum Teilen der Freude.

  • Blasius sagt:

    Picasso Bilder erkenne ich nicht mal wenn ich an ihnen vorbei gehe.
    Sind Picasso Bilder nicht die Leidenschaft der durchgeknallten Oberschichten und deren Neider, auch mal den Hauch von unerreichbarer Irrheit zu erspüren?

  • Ernst sagt:

    Casagemas starb einundzwanzigjährig – nicht als Mitvierziger.

  • andreas sch. sagt:

    @michelebinswanger, schön!

  • Kaya wirth sagt:

    Hier werden stereotypen wiedergegeben. Ist längst mit studie belegt, dass reifere Personen nicht weniger intuitiv und innovativ handeln als jüngere. Also bitte sollte der tagi auch nicht weiter verbreiten. Man wird mit ü40 von der schweizer gesellschaft diskriminiert aufgrund dieser vorurteile, findet keine jobs mehr und soll angeblich kein internet nutzen können. Es reicht wirklich. Was mich betrifft, ich mavhe mein ding, bin oft unterwegs und habe es schön vielfälltig. Ach ja… Beyeler ist schön, aber null kreativ, modern oder leidenschaftlich. Da waren voll wieder stereotyp.

  • Johannes F. Kemper sagt:

    Keine Leidenschaft ist vorübergehend; denn der tiefe Eindruck, den sie hinterlässt, ist bleibend.

    • Bruno Müller sagt:

      Ja, genau! Dann kann man weitergehen. Und es bleibt nicht als schwere und klebrige Sehnsucht hängen.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Das kann ich so unterschreiben Frau B.
    Die genialsten Konzerte erlebte ich seit ich die 40 überschritten habe.
    Auch der Sex ist besser (wenn wir schon von Leidenschaft reden).

    Allerdings gibt es viele Altersgenossen, denen jede Begeisterungsfähigkeit abgeht. Sie interessieren sich nicht für Neues, sind nicht offen. Meinen das tollste hätte es gegeben als sie jung waren. Na dann ist es ja logo, dass man sich für den alten Käse nicht mehr gleich begeistern kann wie damals. (Mofa fahren mit 40, scheint genau in die Richtung zu gehen. Das scheint mir definitiv der falsche Weg)
    Man muss offen sein für Neues, so wie man damals offen für neues war.

  • Othmar Riesen sagt:

    Schade, dass Frau Binswanger hier nicht interveniert! Es ist immer interessant zu lesen, was Sie zur einen oder anderen Stellungnahme zu sagen hat.
    Beste Grüsse
    O.R.

  • Maike sagt:

    Viele Dinge, die man leidenschaftlich gemacht hat, nutzen sich ab, man kann sie nicht mehr machen oder ist ihnen überdrüssig geworden. Liebt man seinen Partner heute noch genauso leidenschaftlich wie vor 30 Jahren ? Also ich nicht. Das Herzklopfen, die feuchten Hände und das Brummeln im Bauch ist weg, wenn ich an ihn denke. Heisst aber nicht, das unsere Beziehung nicht gut ist – sie hat jetzt einfach einen anderen Bewertungsmassstab erhalten. Ich war eine leidenschaftliche Schwimmerin, habe 4 mal in der Woche mehr als 2 Stunden trainiert. Ist jetzt auf einmal die Woche reduziert.
    Was aber nicht heisst, das es keine neue Leidenschaften zu entdecken gibt. Golfen mit meinem Mann z.B. Und als er seine alte Leidenschaft für seine Ural wiederentdeckte, zündete auch etwas bei mir.

  • Hermann sagt:

    Da muss man wohl Künstler sein um wilde Leidenschaften entwickeln zu können. Ich arbeitete im Forschungszentrum der damaligen PTT mit ca 100 Physikern, Mathematikern und Ingenieuren. Alle hatten Buben, keine Mädchen. Ich forschte nach wie das sein könnte und entdeckte, dass männliche Spermien oval sind, weibliche rund. So sind erstere schnellere Schwimmer da ein aerodynamischer Vorteil. Was sind also die Bedingungen, dass man Buben macht? Schneller, gut geplanter Sex, ohne Vorspiel oder gar Leidenschaft. Also mathematischer Sex. Glauben sie nicht? Nur einer hatte ein Mädchen. Er war der schlechteste Ingenieur, war aber leidenschaftlich.

    • Maike sagt:

      Hermann, das klingt mir aber verdammt so, als ob Sie händeringend etwas konstruieren wollen, um eine schnelle rein-raus-fertig Nummer zu sanktionieren. Aber eigentlich fehlt mir bei Ihrer Begründung, wie man angeblich Jungs machen kann, der Zusammenhang zwischen dem Akt an sich und der Qualität der Spermien.

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