Ich bin auch eine Kantine

Nächster Halt Saucenfleck: Kebab-Werbung am Stauffacher in Zürich. Foto: Esther Michel

Mir geht die Jugend auf die Nerven. Nicht grundsätzlich, nur täglich um die Mittagszeit. Lehrlinge, Studentinnen, Gymi- und Berufsschüler machen aus Bus und Tram eine Kantine. Hemmungslos futtern sie ihre Chicken-Nuggets und China-Nudeln, leeren Saucen über Salate und schlürfen Zuckerbomben aus Aludosen.

Es ist widerlich. Und es ist respektlos. Gegenüber den anderen Passagieren und jenen, die das Essen vielleicht durchaus mit Liebe zubereitet haben, gegenüber all den Chauffeuren, Disponentinnen und Bauern auf der ganzen Welt, die im Schweisse ihres Angesichts … Ja, ja, ich weiss, griesgrämige Schachteln wie ich haben immer etwas zu meckern. Das bekomme ich jeweils zu hören, falls ich es mal wage, eine Bemerkung zu machen. Mittlerweile halte ich den Mund und leide schweigend.

Ein Geschmatze wie am Schweinetrog

Es ist paradox. Die Jugend schreit noch Superfood und alles bitte vegan, wegen Ethik und den ausgebeuteten Tiere, aber schon im Tram ist Schluss mit clean eating. Ein Geschmatze wie am Schweinetrog und versabberte Sitze, achtloses Insichhineingestopfe und am Schluss ein Abfallberg aus Einwegverpackungen.

Auch ältere Semester verpflegen sich ungeniert in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Foto: Martin Meissner (Keystone)

Können die nicht essen, bevor sie einsteigen? Oder nachher? Muss das Tram unverhofft bremsen – und das muss es öfters, weil eine mit Tomaten in Form von Kopfhörern auf den Ohren über die Gleise latscht –, fliegt die ganz Chose dem Sitznachbarn vis-à-vis auf dessen Kebab. Oder aufs Hemd. Mittlerweile tun es ja auch immer öfter ältere Semester der Jugend gleich und verpflegen sich ungeniert in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Sinne des alten Mottos der VBZ: Ich bin auch eine Kantine.

Aber hey, was wotsch? Das Essen wird kalt, ich habe Hunger! Jetzt! Sofort! Ist eh verlorene Zeit im Tram! Im Sommer reicht die Zeit doch auch für ein Picknick am See. Und nichts gegen ein Sandwich (Thon riecht, im Fall!) im Intercity nach Genf. Aber Spaghetti bolognese im 9er zwischen Bellevue und ETH? Ich frage mich, was kommt als Nächstes? Pedicure mit Fussbad, um die Reisezeit im 31er nach Schlieren optimal zu nutzen?

Für ein besseres Klima im Tram!

Neuerdings rottet sich die Jugend wieder zusammen, streikt und lärmt und demonstriert, für Klima und Zukunft und gegen Plastikabfall in den Ozeanen. Ich finde das gut. Ich unterstütze das, ohne wenn und aber. Zuweilen frage ich mich nur, was aus dem Slogan «Think globally, act locally» wurde.

Lokales Handeln wäre, sich den Fast Food in eine Tupperware-Dose füllen zu lassen. Das geht an ganz vielen Orten, man muss nur fragen. Ist mit ein bisschen Aufwand verbunden. Das Personal muss zuerst die Waage auf das Geschirr eichen, bevor sie es befüllt. Bei meiner daheim dauerte das drei Sekunden. Ich habs gemessen. Und der Konsument muss nachher sein Geschirr selber waschen. Ist natürlich mühsam, wenn kein Mami da ist, die das erledigt. Aber wäre ein erster Schritt.

Und als Zweites könnte man mit Essen zuwarten, bis man nicht mehr harmlose Mitmenschen unnötig quält. Ich gebe zu: Auf das globale Klima hätte das wenig Einfluss, jenes im Tram aber würde sofort deutlich besser.