Jungbrunnen Coop-Restaurant

Rollatoren und Sexgedanken im Coop? Manche Dinge sind überraschend… normal. (Foto: Szene aus «Hitch»/Sony Pictures)

Neulich war ich zum ersten Mal freiwillig in einem Coop-Restaurant. Natürlich habe ich auch früher schon ein solches Lokal betreten. Aber entweder war ich dabei auf Drogen, also nicht ganz Herr meiner Sinne, oder ich wurde dazu aufgefordert, um dort Interviews oder Ähnliches zu führen.

Aber ohne äussere Not oder temporären Wahnsinn wäre mir das zuvor nie in den Sinn gekommen. Migros- und Coop-Restaurants, das waren für mich Orte für alte, einsame, schlecht gekleidete und frisierte Menschen, die ihren Uncle-Bens-Reis am liebsten mit Butter und Aromat würzen, während durch die Lautsprecheranlage Coop-Werbung schallt: «Wötsch Karriere mache bim Coop?» Genauso gut könnte ich eine Schaufel nehmen und mir mein eigenes Grab schaufeln, dachte ich.

Die Schweiz en miniature

Und dann hielt ich die Schaufel plötzlich in der Hand, in Form eines Tabletts. Ich reihte mich ein hinter den Alten und Behinderten, stellte aber fest, dass das Publikum weit diverser war, als ich es mir vorgestellt hatte. Gelandet war ich da, weil ich in meiner Heimatstadt Olten auf Reportage war und eine Mittagspause zu überbrücken hatte. Ich hatte keine Lust, in einer Oltner Chnelle zu landen, und um irgendwo draussen ein Sandwich oder einen Snack zu verzehren, war es zu kalt. Ich brauchte eine Art Kantine, dachte ich, als mir einfiel: das Coop-Restaurant. Gleich ums Eck, mit Ausblick aufs Kloster. Da kann man verweilen, da kann ich in Nostalgie an meine Oltner Tage schwelgen, da gehe ich hin.

Ein Coop-Restaurant wie unsere Schweiz. (Foto: Keystone)

Vielleicht ist es die Nostalgie, die uns am Ende auch ins Grab bringt, aber ich landete also im Coop-Restaurant. Meine Vorurteile erwiesen sich als nicht ganz falsch: Es gibt Rollatoren, an denen man gleich mehrere Tabletts transportieren kann, entsprechend mümmeln da viele alte Leute ihren Reis oder ihren Käsekuchen und sprechen über ihre Hüftoperationen. Trotzdem fand ich alles höchst faszinierend. Das Design ist auch nicht schlimmer als bei Starbucks und das Publikum auch ähnlich, wenn man dreissig Jahre dazurechnet. Ausserdem ist es so etwas wie die Schweiz en miniature: Die Verteilung von Jung, Alt, Ausländer, Büezer, Säufern und Müttern entsprach vermutlich ziemlich genau demjenigen in der Gesamtbevölkerung.

Grosse Gefühle und kleine Unterschiede

Ich wunderte mich auch über mich selber. Wie hatte ich Olten gehasst, genau deswegen. Wegen dieser komischen Leute und dieser komischen Restaurants, ich verabscheute das Simple, Durchschnittliche, einfache Leute mit ihren öden Problemen – wogegen ich glaubte, wegen meiner Sehnsucht nach dem Mondänen, Kunstvollen und Schönen aus ganz anderem Holz geschnitzt zu sein.

Da im Coop-Restaurant sitzend, ging es mir, wie es wohl den meisten Menschen irgendwann mal geht, wenn sie die vierzig überschritten haben. Ich musste mir eingestehen, dass ich so anders nicht bin, auch nicht so wahnsinnig besonders und mich von diesen Menschen weniger trennt, als mir lieb sein kann. Eigentlich rührte mich die Szenerie sogar, das Kaffikränzchen der vier lilahaarigen Damen, die älteren Herren, die da allein am Tisch sassen, aber es gab auch Schüler und Studenten – eigentlich alles ganz normal.

Einen Moment überlegte ich mir, ob dies der Moment wäre, schreiend zu fliehen. Doch da erblickte ich einen attraktiven jungen Mann, der mich offensichtlich auscheckte – und ich beschloss, noch einen Moment zu bleiben. Auf seinem Pulli stand «Chill». Und ich fühlte mich so jung wie schon länger nicht mehr.