Bekenntnisse eines alternden Groupies

Da ist er: Viggo Mortensen am diesjährigen Zurich Film Festival. Foto: Keystone

Er kommt. Nach Zürich. Viggo. Mortensen. Als ich die Nachricht vernahm, wusste ich, was mein Umfeld von mir erwartet, schliesslich traktiere ich es seit Jahren mit meiner Begeisterung für Aragorn («Herr der Ringe») beziehungsweise Nikolai («Eastern Promises»): Freudentänzli und hysterische Hektik.

Ich hatte aber keinen Bock. Weder auf Hysterie noch auf Hektik. Kä Luscht. Auch alternde Groupies wollen mal ihre Ruhe.

Mir war ohnehin klar, dass Viggo sich nicht stante pede in mich verlieben würde, sollte er mich am Zurich Film Festival am Absperrgitter klebend erblicken. Diese Chance hat er schon zweimal vertan. Wir haben nämlich eine Vergangenheit, Viggo und ich.

Er erträgt meine Fahne nicht

Im Oktober 2009 hatte «The Road» in London Premiere. Ich schleppte eine Freundin schon am Nachmittag zum Leicester Square, und dort setzten wir uns in eine Schwulenbar mit grosser Glasfront. Drei Stunden und etliche Gläser Weisswein später wankten wir rüber zu den Absperrgittern. Und dann stieg er aus dem Wagen: Viggo Mortensen.

Übermütig lehnte ich mich über das Gitter und quäkte: «Viggo! May I ask you a picture!»

Das Unfassbare geschah. Viggo stellte sich neben mich. Ich war völlig überfordert, und die Freundin fand in der Aufregung den Blitz am Fotoapparat nicht. Viggo gab schliesslich auf und ging wortlos weiter. Wahrscheinlich ertrug er meine Alkoholfahne nicht länger.

Das Resultat war ein völlig verwackeltes, unterbelichtetes Foto. Ich war selig. Die Freude wurde leicht getrübt, als ich zu Hause das Bild herumzeigte und alle fragten: «Wer ist das? Alain Sutter?»

Wir haben eine Vorgeschichte, Viggo und ich: Der Mortensen und die Brüderlin 2009 in London. Fotos: Ruth Brüderlin

Ein zweites Mal lauerte ich ihm am Filmfestival in Venedig auf, wo er 2011 «A Dangerous Method» vorstellte. Als akkreditierte Journalistin setzte ich mich schon zwei Pressekonferenzen vor jener von Viggo in den Saal, um mir einen Platz weit vorne zu sichern. Seither bin ich Fan von Kate Winslet, die ich eigentlich weder sehen noch hören wollte, die aber in Natura überirdisch schön und ausserordentlich witzig ist.

Und dann war Viggo dran. Ich traute mich nicht, eine Frage zu stellen. Aus Angst, zu stottern und knallrot anzulaufen. Dabei interviewte ich schon unfallfrei Antonio Banderas oder Arnold Schwarzenegger, und am Vortag hatte ich mich kaltschnäuzig abgewendet, als George Clooney sich anschickte, mir ein Autogramm zu geben. Ich stand nur zufällig dort, weil ich schauen wollte, wo man sich am besten hinstellt, wenn Viggo Mortensen am nächsten Tag eintrifft.

 

George Clooney will mir ein Autogramm geben: September 2009 in Venedig.

Um jedwelche Peinlichkeiten zu vermeiden, beschloss ich, Viggos Anwesenheit in Zürich einfach zu ignorieren. Weder bemühte ich mich um ein Interview noch hatte ich vor, wie eine Idiotin am grünen Teppich zu stehen. Wozu? Sollte ich über das Gitter lehnen und rufen: «Hey, die besoffene Gurke damals in London, das war im Fall nicht ich!»

Stattdessen verabredete ich mich zum Apéro. Dann kam der Donnerstag. Am Morgen sagte ich den Apéro ab, und am Abend stand ich am grünen Teppich. Diesmal nüchtern, hielt ich die Klappe und vermied generell Verhaltensauffälligkeiten, als Viggo einen halben Meter vor mir Autogramme gab. Selfies machte er keine. Er sah angespannt aus, und seine Kiefermuskeln zuckten in einem fort. Entweder mag er solche Anlässe nicht, oder er hat Angst vor seinen Fans. Könnte ja ein Stalker darunter sein. Ich zum Beispiel.

Viggo muss warten

Während Viggo im Fotografen- und Journi-Zelt Interviews gab, kommentierte das Publikum draussen das Schaulaufen der einheimischen Prominenz aus Showbiz und Wirtschaft und war sich einig: Da scharwenzelten ein paar Milliönchen, wenn nicht Milliarden. Und wahrscheinlich ein paar Jahre Gefängnis wegen wirtschaftskrimineller Machenschaften.

Dann kam Viggo und wollte ins Kino Corso auf der anderen Strassenseite. Er strahlte und war bester Laune. Auch seine Kiefermuskulatur hatte sich entspannt. Er lachte auch dann noch, als er etwas typisch Zürcherisches tun musste: warten, bis das Tram vorbeigefahren war. VBZ first. Hollywood hin oder her.

Den Film «The Green Book» sah ich am nächsten Tag. Am Schluss trat Viggo Mortensen vor die Leinwand und plauderte mit Max Loong entspannt über die Dreharbeiten. Ich sass in der zweiten Reihe und war selig. Der Film ist übrigens extrem gut.

7 Kommentare zu «Bekenntnisse eines alternden Groupies»

  • Carolina sagt:

    Ich wollte immer Boxen-Luder werden – im Nebenberuf, versteht sich. Ich bin und war immer Formel-1-Fan und als ich vor vielen Jahren in einer Firma gearbeitet habe, die einen Rennstall sponsorte, sah ich meine Chance gekommen und ging auf Firmenkosten zu einem Rennwochenende mit. Das hätte ich lieber bleiben lassen – spätestens als ein damals sehr berühmter Rennfahrer und Weltmeister mit meinem Boss sprach und ich stumm daneben stand, verlor ich alle Illusionen. Da stand ein Männlein, das einen Kopf kleiner als ich war (und ich bin nicht gross!), mit dem Körper eines 12-jährigen und einer dermassig affig-arroganten Art, dass ich mir nach dieser Erfahrung sofort meine Nebenberufswünsche abschminkte: im Fernsehen kann man wenigstens seine Illusionen behalten.

  • annetta tamburini sagt:

    Jaaaa! Der Viggo ist auch mein Schwarm. Mit wilden Locken und sanftem Blick als Aragorn. So geschniegelt wie im neuen Film möchte ich ihn mir nicht anschauen. Nicht, oder noch nicht. Ja, auch er ist älter geworden nicht nur ich….

  • Anh Toàn sagt:

    Man sollte auch englische Begriffe entsprechend ihrer Bedeutung verwenden: Groupies suchen Sex mit Stars, im Allgemeinen mit möglichst vielen, sie sammeln dies wie Trophäen. Groupie ist eine Ableitung aus group, Groupies offerieren Sex, – dem Vernehmen nach, ich war nie Rockstar -, der ganzen Band und auch dem Umfeld. Oder setzen zumindest Sex mit dem Umfeld ein, um Nahe an den Star zu kommen. Frank Zappa besang sie mit seinem typischen Sarkasmus als „crew slut“.

    Sie sind nichts als ein Fan. Nicht mal eine Stalkerin und schon gar kein Groupie.

    • Carolina sagt:

      AT, seien Sie doch nicht so dogmatisch: ich habe lernen müssen/dürfen/können, dass im deutschen Sprachgebrauch ein glühender Fan sehr wohl ein Groupie ist oder sich so nennen kann! Auch ganz ohne die sexuellen Konnotationen im Englischen……. (es hat übrigens auch immer im Englischen Groupies gegeben, die nicht auf Sex aus waren, sondern ihrem Star einfach nahe kommen wollten!). Dass es dann vielleicht manchmal und in berühmt-berüchtigten Fällen mehr wurde, war Glück oder auch nicht…….. Die semantische Keule eignet sich jedenfalls nicht dafür.

      • Anh Toàn sagt:

        Wer will eine Geschichte von einem alternden Fan lesen?

        Jeder ist Fan und alternd.

        Boah wie langweilig wollte ich nicht schreiben. Lieber etwas über Groupies, wenn die schon im Titel stehen aber im Text nicht vorkommen.

  • Peter Mayrhofer sagt:

    Mentalität passt zur tragischen, aber analytisch leider richtigen Präsentation zum Scheitern von Frauen in den Naturwissenschaften bei Cern. Es geht wie dort vor allem um naive Wünsche und Gschpürschmi, short cut zum sozialen Pseudo-Accompli — vertretbare nachhaltige Lebensziele, Arbeits- und Bildungseinsatz? Leider Fehlanzeige. Girls, so wird das nichts.

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