Being Beat Schlatter

Beat Schlatter: Schauspieler, Kabarettist, Conférencier, Drehbuchautor – und jetzt auch Stilikone. Foto: Ayse Yavas (Keystone)

Beat Schlatter: Schauspieler, Kabarettist, Conférencier, Drehbuchautor – und jetzt auch Stilikone. Foto: Ayse Yavas (Keystone)

An einem unversehrten Morgen, als noch alles möglich schien, erspähte ich bei einer Tramhaltestelle den Werbeschauspieler Beat Schlatter. Lustig, dachte ich, eben sah ich ihn noch in einer Anzeige der Migros Bank. Jetzt steht er in Fleisch und Blut vor dem Helmhaus am Limmatquai und trägt eine Louis-Vuitton-Tasche am Arm.

Schlatter war mir schon immer sympathisch. Dafür genügt bereits der Tatbestand, dass er zeitweilig bei der Zürcher Frauenpunkband Liliput trommelte. Aber auch «Rock ’n’ Roll Hinterland», ein Bildband über die schönsten Garderoben auf den Tourneen des Komikers und Bingo-Conférenciers, verdient zehn von zehn Punkten.

Sein Kopf wurde immer kleiner

Da man an Zürcher Tramhaltestellen nur selten prominente Menschen trifft, obendrein so entspannt und ohne Leibwächter, konnte ich nicht anders, als Herrn Schlatter ein wenig über die Geleise anzustarren. Er trug Sandalen ohne Socken, eine Bluse mit Dackelohrkragen und dekorativem Muster. Am besten gefiel mir seine enge rosarote Hose – und natürlich das beneidenswert volle und schneidig frisierte Haupthaar.

Leute, die so gut angezogen sind, sieht man hierzulande selten, dafür muss man schon nach Las Vegas reisen. Gerne hätte ich den Mann um ein Autogramm gebeten, doch eine grosse Sonnenbrille signalisierte, dass er nicht angesprochen werden wollte. Also zückte ich verstohlen mein Nokia 515, um aus der Hüfte ein paar Fotos zu … da rollte schon das Tram dazwischen und weg fuhr der Star in Richtung Central. Ich sah ihm lange nach. Schlatter stand im hintersten Wagen, und sein kugelrunder Kopf wurde immer kleiner, bis er sich im Long-Distance-Bereich meiner Gleitsichtbrille aufgelöst hatte.

Und nun zu meiner Wenigkeit

Etwas melancholisch blieb ich stehen. Vielleicht kennen Sie das: Man begegnet einer Berühmtheit, etwa Sylvester Stallone auf dem grünen Teppich des Zurich Film Festivals, und wird von ihrer Strahlkraft mittendurch elektrisiert.

Ich wusste nicht so recht, was ich mit meiner Wenigkeit anfangen sollte, bis ich im Schaufenster eines Souvenirladens mein Spiegelbild entdeckte. Erstarrt blieb ich davor stehen; was für eine traurige, glanzlose, dumpfbackige Gestalt! Ich trug Segelschuhe vom vorletzten Sommer, eine schlecht sitzende Freizeithose, dazu ein pferdeäpfelgrünes Polohemd. Von einer Frisur konnte schon gar nicht die Rede sein.

Eine halbe Stunde später stand ich in der Umkleidekabine einer angesagten Modeboutique, deren Schaufensterpuppen, so mutmasste ich, auch Beat Schlatter inspiriert haben könnten. Ich hatte mich in eine rosarote Cordhose gezwängt und knöpfte ein Paisley-Hemd aus Polyester zu. Die Segelschuhe hatte ich durch ein Paar Chelsea Boots aus Wildleder ersetzt. Befeuert wurde meine Anprobe durch den Song «Get It On» von T-Rex, der im Repeat-Modus über den Lautsprecher-Satelliten in meiner Kabine lief.

Nachdem ich bezahlt hatte, liess ich mir meine alten Kleider einpacken und schmiss sie draussen in eine Mülltonne. In einem Vintage-Laden kaufte ich eine Henkeltasche aus Leder, die ich im Ellbogen einhängte. Der Coiffeur um die Ecke verpasste mir eine Schlatter-Tolle, wenn auch deutlich lichter als das Original.

Etwas war mit mir geschehen

Später, an der Haltestelle vor dem Helmhaus, fühlte ich mich angenehm befreit. Etwas war mit mir geschehen. Eine Transfiguration? Und während ich «Get It On» im Repeat-Modus vor mich hin pfiff, bemerkte ich, dass mich ein Mann anstarrte. Er stand auf der gegenüberliegenden Seite der Geleise und konnte seinen Blick nicht von mir abwenden. Er trug ausgelatschte Segelschuhe, eine schlecht sitzende Freizeithose, dazu ein pferdeäpfelgrünes Polohemd.

Seltsam, dachte ich, und war nicht unglücklich, als sich ein Tram zwischen uns schob. Ich stieg in den hintersten Wagen. Der Mann sah mir noch lange nach. Sein Kopf wurde immer kleiner, bis er im Long-Distance-Bereich meiner Gleitsichtsonnenbrille verschwand.