Strapsen gehen auch mit 60

 

Ist und bleibt die Königin: Madonnas Auftritt an den Grammy Awards 2015. (Foto: Michael Tran/Getty Images)

Heute ist es zehn Jahre her, dass mein damaliger Chef mit einem diabolischen Grinsen an meinen Schreibtisch trat und sagte: «Madonna wird 50 und rennt immer noch in Strapsen herum. Guck mal ihr Albumcover – das gehört sich doch nicht für eine reife Frau. Schreib doch mal etwas über ihr Versagen, in Würde zu altern.» Ich nickte höflich, tat, als würde ich darüber nachdenken, und sagte dann: «Nie im Leben werde ich das schreiben. Und finde auch nicht, dass das überhaupt jemand schreiben soll. Madonna ist die Königin.»

Süsse 36 Jahre war ich damals alt, also noch beinahe jung. Ich bin nie eine besonders ausgewiesene Madonna-Anhängerin gewesen. Zwar gehörte sie in meiner Jugend selbstverständlich zum Popinventar, aber ich mochte sie nicht besonders. Abgesehen von ihrem blonden Bob im Video zu «Papa Don’t Preach», sagten mir weder ihre Musik noch ihre Mode, noch ihre Imagewechsel besonders viel. Aber dann verstrichen die Neunziger, und sie war immer noch da.

Badass und geniale Geschäftsfrau

Die Nullerjahre begannen sich zu entfalten, und sie war immer noch da. Ich hatte mittlerweile zwei kleine Kinder zu Hause, und Madonna machte weiter. Ihre Musik gefiel mir jetzt etwas besser, auch ihr Stil, sogar ihr durch zahlreiche ästhetische Korrekturen am Gesicht verändertes Aussehen gefiel mir, sowie ihre Chefattitüde und ihre Bisexualität. Mit der Verzögerung von beinahe zwanzig Jahren ging mir nun auf, was für ein Badass sie ist, was für eine Königin und eine geniale Geschäftsfrau. Mit jedem Jahr, das verstrich, respektierte ich sie mehr.

Nicht weil sie als 56-Jährige bei den Grammy Awards mit entblössten Pobacken auftauchte. Nicht weil sie 20 Jahre jüngere Liebhaber hat oder alle paar Jahre einem neuen Esoteriktrend hinterherrennt. Sondern weil sie schon immer ihre eigenen Entscheidungen getroffen hat – die immer schon hämische Kritik, der sie stets von allen Seiten ausgesetzt war, scheint sie nicht zu beeindrucken. Weil sie sich nicht einschüchtern lässt. Weil sie fällt – wie bei den Brit Awards 2015 – und wieder aufsteht. Weil sie der Altersguillotine, die nirgendwo schärfer herabsaust, als im Showbiz, die Stirn bietet. Und sie die Diskriminierung aufgrund des Alters beim Namen nennt. Weil sie auf ihrem Recht beharrt, ihre Sexualität nach ihrem Gusto auszuleben. Und weil sie das der Welt bei Bedarf auch mitten ins Gesicht sagt.

Vorbild fürs eigene Älterwerden

Mitte dreissig, heisst es, beginne für Frauen die «biologische Uhr» zu ticken. In meinem Fall war die Kinderfrage erledigt, doch die Uhr hörte ich ebenfalls ticken, wenn auch in einer anderen Tonlage. Ich begann mich nach anderen Frauen umzusehen, älteren Frauen. Ich wollte wissen, was es heisst, wenn Jugend und Schönheit schwinden. Wie sich kleiden, wenn man nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt ist. Wie sich geben, wenn man zwar Kinder hat, aber sich deshalb nicht auf Mutterschaft reduzieren lassen will.

Nach dem vierzigsten Geburtstag kommen dann erste gut gemeinte Tipps, sein Alter zu verheimlichen, und in den Onlinekommentaren wird man plötzlich als «alternd» diffamiert. Als ob wir nicht alle altern. Ich persönlich begann damals, mich nach Vorbildern umzusehen. Nach Frauen, die zehn oder zwanzig Jahre älter sind, aber einen eigenen Auftritt, Stil und eigene Gedanken kultivieren. Ich suchte mir Frauen, die mich faszinierten und die mir als Vorbild fürs eigene Älterwerden dienen sollten.  

Madonna, mein Krafttier

Nicht dass ich mich dafür an Madonna orientiert hätte. Ich suchte mir meine Frauen in meinem Umfeld, unter Freunden, Verwandten und in der Öffentlichkeit. Doch in einer Welt, die süchtig nach Neuem und süchtig nach Jugend ist und sich alle paar Jahre ein neues Postergirl für Feminismus braucht, ist Madonna mein Krafttier. Sie hat für uns alle den Weg vorgespurt, und wo sie auftaucht, verlangt sie Respekt. Und bekommt ihn auch. Zu Recht.

Gratuliere zum Geburtstag, Madge!