Hat das Partyleben ein Verfallsdatum?

Nicht traurig sein: Für sozialverträgliche Exzesse ist man nie zu alt. Foto: Gratisography, Pexels

Ich will die Welt vibrieren sehen, dafür hatte ich schon immer eine Schwäche. Ich habe Menschen vibrieren sehen und die Membranen der Boxen, vom Sound, zu dem sie tanzten, in Kellern und Katakomben, auf Bahnbaustellen und in besetzten Häusern, manchmal so sehr, dass mir das eigene Vibrieren fast verging. Es waren lustige, manchmal heroische, dann wieder abgefahrene Partynächte, nach denen man blinzelnd ans Tageslicht stolperte und Gedanken über die nähere Zukunft in weiter Ferne lagen. Damals waren diese Erfahrungen noch mehr als das Klischee, das sie heute sind.

Wollte man die Typologie von Frauen in der Midlifecrisis heranziehen, gehöre ich zu der ersten Kategorie von Frauen, die sich früh vom Partyleben verabschiedet haben. Wenn die Freundinnen sich für den Ausgang aufbrezelten, stand ich am Wickeltisch, und wenn sie von ihren Abenteuern nach Hause wankten, leistete ich dem Kind auf dem Spielplatz Erste Hilfe, während es mein neues Lederblouson vollblutete.

Party machen – was heisst das?

Nun brezeln sich meine Kinder jeden zweiten Freitagabend für den Ausgang auf und wenn die Kinder bei ihrem Vater sind, kann ich endlich auch wieder Party machen: «Mich jung, sexy, begehrt fühlen. Crazy sein», wie Wäis schreibt. Nur: Will ich das eigentlich noch? Kann ich das? Die Frage ist doch, was das überhaupt heissen soll: Party machen.

Ist keine Freude mehr im Spiel, sollte man es sein lassen. Foto: Trinity Kubassek (Pexels)

Das Wort war ja schon von jeher ein Euphemismus für Exzesse mit Sound, Menschen und Rausch. Und natürlich habe auch ich Menschen gekannt, die sich mit Drogen kaputt gemacht haben. Manche haben sich gut gefangen, andere weniger. Gern spielen sie sich dann als Moralapostel auf und lästern über das Vergnügen der anderen.

Den Exzess richtig handhaben

Kann man so sehen, aber ich sehe auch hier die Vorteile der Erfahrung. Man kann sich fragen, wozu denn überhaupt. Ob man nicht irgendwann daraus herauswachsen sollte. Als ich in meinen Dreissigern mit Kindern beschäftigt war, während mein halber Freundeskreis von Party zu Party zog, wäre ich zwar oft gern dabei gewesen. Aber ich entdeckte auch meine eigenen Exzesse, die bedeutend sozialverträglicher sind: Auch in der Liebe, im Sport, bei der Arbeit kann man Rausch erfahren. Dafür ist man nie zu alt.

Man muss die Exzesse nur richtig handhaben, besonders jene, die eben weniger sozialverträglich sind. Dazu gehört zum Beispiel exzessives Binge Watching, soziale Medien oder eben Party machen. Die Faustregel: Wenn es zur lästigen Gewohnheit wird, zu sehr an der Substanz zehrt oder nicht mehr mit Freude verbunden ist, sollte man es sein lassen.

Letztlich sollte es mit Genuss zu tun haben. Viele Menschen verlieren mit zunehmender Erfahrung ihre Fähigkeit zum Genuss und zur Freude. Aber das ist ein Talent, und man sollte es kultivieren.

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