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Mein Chef hat mich beurteilt. Und jetzt?

Caspar Fröhlich am Montag den 17. November 2014
Daniel Craig;Javier Bardem

«Sie könnten da etwas an Ihrem Verhalten ändern»: Daniel Craig als James Bond ( l.) und Javier Bardem als Raoul Silva im Film «Skyfall» (2012). Foto: MGM, Columbia Pictures

Neulich hatte ich ein unangenehmes Gespräch mit einem Finanzierungsfachmann aus einem Bahntechnologie-Unternehmen. Dieses stellt U-Bahn-Systeme, Trams, Doppelstockwagen und ähnliche Infrastrukturen her, um Menschenmassen von A nach B zu bringen.

Wie die Funktion besagt, organisiert der Finanzierungsfachmann die Finanzierung dieser Infrastrukturen. Üblicherweise dreistellige Millionenbeträge in Schweizer Franken. Es kann auch mal eine Milliarde sein.

«Ich weiss auch nicht genau, was die wollen», eröffnete er seine Geschichte und holte weit aus. Er schilderte ausführlich die Komplexität seiner Aufgabe, die unmögliche Art seiner Vorgesetzten, die ihm kürzlich die Flügel gestutzt und ihm einen neuen Chef vor die Nase gesetzt hatten.

«Verbale Diarrhö», stellte ich politisch unkorrekt eine erste Hypothese. Gedanklich, versteht sich. Natürlich war der Mann emotional. Wer hat es schon gerne, so Knall auf Fall wieder eine Stufe zurückgesetzt zu werden? Schon in Kindeszeiten beim Eile-mit-Weile-Spielen führte dies oft zu Wutausbrüchen.

Er schob einen Stapel Papier auf meine Tischseite. «Hier sind die Berichte aus vergangenen Assessments», sagte er. Vor mir lagen mindestens fünf ausführliche Berichte, insgesamt wohl ein Viertel Meter Papier, säuberlich aufgestapelt. Ich blätterte kurz im ersten Bericht und fragte beiläufig: «Und, was ist so – gesamthaft gesehen – die Punch-Line in den Berichten?»

«Ich habe grosse Stärken in fachlichen Finanzierungsfragen, da bin ich eigentlich der Einzige der das Business versteht in dieser Abteilung. Viel mehr als mein neuer Vorgesetzter. Bin da die Nummer 1 – weltweit gesehen. Da macht mir keiner was vor.»

Ich fahndete weiter: «Geben die Berichte konkrete Hinweise, wo Sie allenfalls noch Wachstumspotenzial haben, Aspekte die auch Sie als entwicklungsfähig einstufen würden?»

Die verbale Diarrhö liess nach. Es war unüblich lange still.

Kein Einzelfall: Trotz mehrfachen, intensiven und kostspieligen Assessments kann ein Manager nicht sagen, was die maximal drei wesentlichen Entwicklungspunkte sind, die die Beurteiler identifiziert haben.

Vielleicht liegt es an der Person, die nicht hören will. Vielleicht an der Klarheit der Aussagen im Bericht. Vielleicht an der fehlenden Klarheit der Überbringer der Botschaften.

Deshalb eine Empfehlung, wenn Sie eine Beurteilung durchlaufen. Achten Sie darauf, dass Ihnen im Nachgang glasklar erklärt wird, welchen Punkt respektive welche «beobachtbare Verhaltensweise» Sie aus Sicht des Beurteilenden optimieren sollen.

Der Nebel um den Finanzierungsfachmann hat sich gelichtet, nachdem ich einen Moment mit der Vorgesetzten am Telefon verbracht hatte. Notabene auf deren Wunsch ohne seine Anwesenheit. Sie sagte klipp und klar: «Wenn Sie es schaffen, dass er weniger lang redet, dann erhalten Sie eine Medaille.»

Wie hilfreich sind Assessments aus Ihrer Sicht? Wie müssten die Berichte sein, dass Sie damit etwas anfangen können?

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7 Kommentare zu “Mein Chef hat mich beurteilt. Und jetzt?”

  1. Peter Müller sagt:

    Die Beurteilungen gehen immer implizit davon aus, ein Vorgesetzter wäre fähiger als ein Untergebener. Dem ist aber oft nicht so.

  2. Philipp Rittermann sagt:

    ich gebe es zu. mein autoritäts-glaube ist per se nicht sehr ausgeprägt entwickelt. ich war aber immer der meinung, dass ein chef “mehr können muss” als ich, oder zumindest fähigkeiten aufweist, die ich nicht habe. das habe ich als langjähriger kader-mitarbeiter aber nur selten angetroffen. der höhepunkt der unglaubwürdigkeit war, als mich ein aufgrund vitamin-b rekrutierter vorgesetzter nach sage und schreibe 3 monaten (loser) zusammenarbeit, einer quali unterzogen hat, welche reine makulatur darstellte. blöd war, dass es 90% der übrigen qualifizierten genau so erging…man hat ihn entlassen.

  3. Norbert Suter sagt:

    für mich muss ein vorgesetzter nicht “alles” können, oder gar besser können oder wissen als ich. dafür hat er ja “uns” AN’s. ich erwarte von einem chef, dass er mir den rücken freihält, zugänge und aufgaben schafft, die dem geschäft erfolg bringen, dem kunden dienen. aufgaben und ein umfeld schafft, der “uns” arbeitern nicht ein hindernis, sondern ein motivierendes und effektiv-effizientes arbeiten ermöglicht. ich erwarte auch, dass er erkennt, wenn unsere kleinräumige arbeit nicht mehr ins ganze passt und lenkend eingreift. tut er dies, kennt er die ma’s und kann diese auch adäquat beurteilen

  4. hanna sagt:

    Eien Quali sagt eher das aus, ob sich Chef und AN vertagen und gut miteinander auskommen. Meist könenn Vorgesetzte die AN nicht richtig einschätzen, da ihnen die Objektivität und die dazu notwendige Empatie fehlt. Ein guter Chef weiss die Fähigkeiten der MA zu nutzen; auch wenn die MA Fähigkeiten haben, die der Chef nicht hat. Die MA so einzusetzen, dass sie auf Grund der Fähigkeiten der Firma den grössten Nutzen bringen, das ist gutes Personalmanagement; alles andere ist Schrott und zeugt von Unfähigkeit der Chefs und des Managements.

  5. kusi sagt:

    Frei nach W.A.Mozart: “keyn Worth zu viel, es sind genau welchselbig es gebräucht für eyne wohlanständige musique”
    Hr. Fröhlich, Ihr heutiger Beytrag gefällt!

  6. David Bender sagt:

    “verbale Diarrhoe”? Ich dachte Sie setzen sich ein für einen respektvollen Umgang…und nach ein paar Minuten am Telefon (mit Ihnen, selbstredend…) ist alles klar… Ich finde Sie stellen sich da zu stark selbst in den Mittelpunkt.

    • Karl Knapp sagt:

      Es ist ein untrügliches Zeichen von vorhandener Intelligenz, sich vorstellen zu können, dass es immer noch jemand intelligenteren geben könnte als man selbst. Diese Einsicht scheint unserem Finanzfachmann Nr. 1 komplett zu fehlen, und ja, gelegentlich hat man den Eindruck, auch Herrn Fröhlich. Aber OK, als Coach lebt man ja vom Glauben, dass man “alles” besser weiss als der Fachmann, das führt mit den Jahren sicher zu einer gewissen déformation professionelle …